23. August 2026, 17:48 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Mein Sohn (4) trinkt gelegentlich alkoholfreies Bier oder genauer: 0,0-Prozent-Bier. Mir wurde klar: Eine Bierflasche vermittelt eine Symbolik, die zuckerreiche Limo nicht hat. Eine persönliche Geschichte über Alltagsrituale und elterliche Intuition.
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Alkoholfrei als Lifestyle
Kinder möchten am Tisch das Gleiche tun wie die Erwachsenen, um sich dazugehörig zu fühlen. Deshalb war es nur logisch, dass unser Sohn schon früh mit einer Flasche Bier anstoßen wollte.
Bevor Sie jetzt Schnappatmung bekommen: In unserer Familie ist das alkoholfreie Bier Normalität. Mein Mann trinkt keinen Alkohol, dafür aber umso lieber alkoholfreies Pils und Weizen, gern auch in 0,0-Varianten. Ich habe mich von seinem alkoholfreien Lifestyle anstecken lassen. Früher liebte ich Wein, heute greife ich immer häufiger zu unserer neuesten Entdeckung: einer alkoholfreien Schaumwein-Alternative aus Chardonnay und Tee-Auszügen.
Wie auch immer: Stießen mein Mann und ich mit 0,0 an, wollte unser Sohn natürlich nicht die Apfelschorle.
Gesünder als Limo
Für mich war die Rechnung dabei immer pragmatisch: Ein 0,0-Bier enthält keinen messbaren Alkohol und oft deutlich weniger Zucker als Limo. Während viele „Natur-Limonaden“ oder Säfte bei rund zehn Gramm Zucker pro 100 Milliliter liegen, kommt ein alkoholfreies Pils oft nur auf zwei bis vier Gramm. Es enthält auch noch Mineralstoffe wie Kalium und Magnesium, ähnlich wie ein isotonisches Sportgetränk. Warum also das eine wegen der Optik verteufeln und das andere trotz des Zuckers erlauben?
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Soziale Reaktionen
Dass manche Eltern ihre Kinder Zuckerwasser trinken lassen, ist natürlich kein Argument dafür, seinem Kind stattdessen 0,0-Bier zu erlauben. Wir ernteten haufenweise kritische Blicke, wenn unser Sohn im Lokal erst den Schaum wegschlürfte und dann zum Trinken ansetzte. Auch Freunde mit Kindern lachten irritiert, fragten: Trinkt er Bier?!?
Jeder Fruchtsaft, der etwas länger im Kühlschrank stand, enthält durch Gärung mindestens so viel Alkohol wie eine Flasche alkoholfreies Bier (bis 0,5 Volumenprozent Alkohol). Ähnliches gilt für fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut oder Kefir. Malzbier – früher ein typisches Kindergetränk – enthält 2,0 Volumenprozent Alkohol und damit deutlich mehr als jedes alkoholfreie Bier.
Zum ganzen Bild gehört aber auch: Alkoholfreies Bier ist teilweise sehr kalorienreich und viele Sorten enthalten zugesetzten Zucker. Studien zeigen einen ungünstigen Einfluss auf den Blutzucker, vor allem durch alkoholfreie Weizen- und Mischbiere.1 Auf der anderen Seite: Im Vergleich zu klassischer Limonade fällt dieser Aspekt allerdings kaum ins Gewicht.
Ein „No-Go“, sagt der Mediziner
Mir ist irgendwann klar geworden: Letztlich geht es nicht darum, ob und welches kleinere Übel erlaubt wird, sondern um das soziale Ritual. Auch wenn das Bier, das mein Sohn trinkt, keinen Alkohol enthält, bleibt es visuell, geschmacklich und sozial eben: ein Bier. Immerhin übernahm er das Ritual: ‚Etwas Leckeres zu trinken, bedeutet, eine Flasche zu öffnen, die wie Alkohol aussieht.‘
Aber ist es denn jetzt grundsätzlich okay, das Kind 0,0-Bier trinken zu lassen? Die frühe Prägung auf herbe Geschmäcker und Trinkrituale könne die Hemmschwelle für später senken, warnt mich der Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl. Kindern alkoholfreies Bier zu geben, ist aus seiner Sicht ein „No-Go“. Eltern sollten „so etwas bewusst vermeiden“.
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Kommen zu einer anderen Entscheidung
Aus dem Mund eines Ernährungsexperten sind das sicherlich gewichtige Gründe, warum Kinder kein alkoholfreies Bier trinken sollten. Es ist der sichere Rahmen. Trotzdem kommen wir zu einer anderen Entscheidung. Erstens: Mit Menge und Rahmen steuern wir, dass unser Kind 0,0-Bier nicht als normales Alltagsgetränk abspeichert. Zweitens: Alles, was streng verboten ist, verdoppelt seinen Reiz.
Ich lehne die Idee von perfekten Eltern ab, um den Druck für uns herauszunehmen. Stattdessen mag ich die Idee von mir als „ausreichend gute“ Mutter. Unser Sohn soll lernen, dass das Leben nicht fehlerfrei sein muss. Wir Eltern geben dafür den Rahmen vor. Heißt in dieser Frage: Es muss 0,0 sein und zum Durststillen gibt es Wasser.
Interessanterweise justiert sich seine Bier-Vorliebe gerade neu. Mit fast fünf hat sein Interesse merklich nachgelassen. Ich schließe daraus: Es war wohl doch mehr die Lust, uns nachzuahmen, als dass er den Geschmack ach so doll mochte.
Jetzt ist Zitronensaft cooler als Bier
Gerade ist Sprudel mit Zitronensaft sein Ding. Trinkt er einen Schluck, soll ich das Gesicht verziehen, als hätte ich auf eine Zitrone gebissen. Schau doch, was ich kann, Mama! Was wohl eine Zahnärztin dazu sagt? Ich frage lieber gar nicht erst nach.