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Mannschaftskoch Holger Stromberg

»Mit diesen Tricks brachte ich unseren Fußball-Weltmeistern gute Ernährung bei

Koch Holger Stromberg; Bastian Schweinsteiger, André Schürrle und Co.
Holger Stromberg kümmerte sich ab 2010 um die Ernährung der späteren Fußballweltmeister Foto: Mike Meyer, Getty Images; Collage: FITBOOK
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Melanie Hoffmann
Fitness- und Schlafexpertin

5. August 2026, 14:01 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Von 2010 bis 2017 war Holger Stromberg (54) Ernährungscoach der deutschen Fußballnationalmannschaft. Als Teil des großen Teams hinter den Fußballstars war er daran beteiligt, dass Bastian Schweinsteiger (42), Miroslav Klose (48), Philipp Lahm (42) und Co. vor zwölf Jahren die Weltmeisterschaft gewannen. Mit FITBOOK sprach der Koch, Autor und Unternehmer darüber, wie er es damals schaffte, die Nationalspieler von guter Ernährung zu überzeugen. Dafür war Kreativität gefragt.

FITBOOK: Herr Stromberg, Sie waren von 2010 bis 2017 Ernährungscoach der deutschen Fußballnationalmannschaft. Wie kam es dazu?
Holger Stromberg: „Für mich war die Nationalmannschaft nie in erster Linie Fußball oder Prominenz. Ich hatte mir über viele Jahre Wissen rund um Ernährung und Leistungsfähigkeit aufgebaut – auch aus eigener Erfahrung mit den Folgen von Überbelastung und Raubbau am eigenen Körper. Dann ergab sich über Oliver Bierhoff der Kontakt zur Nationalmannschaft. Für mich war das die perfekte Gelegenheit, mein Wissen in einem echten Reallabor zu testen: an jungen, gesunden Leistungssportlern. Fußball war vor allem damals die größte sportliche Bühne in Deutschland überhaupt. Wir hatten – und haben – wahrscheinlich 80 Millionen Fußballbegeisterte. Mir war klar, dass alles, was wir dort machen, enorme Strahlkraft entwickeln kann. Genau deshalb wollte ich diese Plattform nutzen, um Ernährung anders zu erzählen.“

Ernährung für den Spitzenfußball neu denken

Was wollten Sie dort konkret für die deutschen Spieler verändern?
„Mir ging es nie darum, einfach nur Essen bereitzustellen. Wenn man jemanden gesucht hätte, der den Spielern die Nudeln warmmacht und bestehende Abläufe verwaltet, wäre ich der Falsche gewesen. Das habe ich Oliver Bierhoff damals auch so gesagt. Ich war der Richtige dafür, Ernährung neu zu denken, Dinge zu verändern und auch Gewohnheiten infrage zu stellen.“

Viele Menschen glauben, Profisportler bekämen ohnehin exakte Ernährungspläne vorgegeben. Das war damals nicht so?
„Das überrascht viele. Natürlich spielte Ernährung eine Rolle, aber längst nicht jeder erkannte damals ihre Bedeutung. Ich erinnere mich an einen Arzt aus dem Umfeld der Mannschaft, der mal meinte, das Thema Ernährung werde überschätzt. Gleichzeitig standen amerikanische Athletiktrainer daneben und konnten kaum glauben, was sie hörten. In den USA waren Leistungssport und Ernährung bereits viel enger verwoben als in Deutschland. Für mich war Ernährung einer der größten Leistungshebel überhaupt. Ernährung ist nach Sauerstoff schließlich unsere wichtigste Energiequelle. Natürlich schießt Ernährung keine Tore. Aber sie beeinflusst alles, was körperlich und auch mental möglich ist. Genau deshalb ist sie so entscheidend. Es gab damals keinen bestehenden Ernährungsansatz, den ich einfach übernommen hätte. Ich habe Ernährung als Leistungsbaustein Schritt für Schritt entwickelt und in den Alltag der Mannschaft integriert.“

Holger Stromberg und seine Frau Freya.
Holger Stromberg und seine Frau Freya. Foto: Mike Meyer

„Niemand gewinnt allein durch gutes Essen eine Weltmeisterschaft“

Inwiefern kann die Ernährung im Profisport einen Unterschied auf dem Spielfeld bedeuten?
„Niemand gewinnt allein durch gutes Essen eine Weltmeisterschaft. Fußball bleibt ein Spiel, das über Technik, Taktik, Mentalität und individuelle Qualität entschieden wird. Aber wenn all diese Faktoren auf höchstem Niveau nahezu gleich sind, dann entscheiden oft Nuancen. Genau dort spielt Ernährung ihre größte Rolle. Sie sorgt nicht dafür, dass ein Spieler plötzlich den perfekten Pass spielt. Aber sie beeinflusst, wie regeneriert er ist, wie konzentriert er bleibt, wie schnell er Entscheidungen trifft und wie leistungsfähig sein Körper über 90 Minuten oder über ein ganzes Turnier hinweg arbeitet.“

Welchen Anteil hat Ernährung am sportlichen Erfolg?
„Ich habe oft gesagt: etwa 30 Prozent. Das ist keine wissenschaftlich exakte Zahl, aber eine gute Orientierung. Natürlich entscheiden Technik, Taktik und mentale Faktoren über Sieg oder Niederlage. Aber ohne eine optimale körperliche Basis kann niemand sein volles Potenzial ausschöpfen. Wer Ernährung optimiert, kann Energie, Regeneration und Leistungsfähigkeit erheblich verbessern.“

„Das Interesse war am Anfang nicht sehr groß“

Wie sind Sie das Thema Ernährung bei der Mannschaft angegangen?
„Zuerst musste ich Begehrlichkeit schaffen. Ich habe mein gesamtes kulinarisches Repertoire genutzt, um die Spieler neugierig zu machen. Deren Interesse war am Anfang nicht sehr groß. Das ist auch völlig normal. Man darf nicht vergessen: Viele Spieler waren Anfang zwanzig. Sterne-Restaurants oder internationale Küche gehörten damals für die wenigsten zum Alltag. Also musste ich einen anderen Zugang finden.“

Welche Tricks haben gewirkt?
„Ich habe damals den Genuss betont und erst dann die Nährstoffe. Am Buffet habe ich neben den gewohnten Speisen auch viele kleine Gerichte, regionale Spezialitäten aus den jeweiligen Spielorten und immer wieder neue Produkte angeboten – alles auch optisch schön zubereitet. Denn das Auge isst mit! Die meisten Spieler kannten damals viele Zutaten oder Gerichte schlicht nicht. Deshalb ging es zunächst darum, neue Geschmäcker kennenzulernen und Berührungsängste abzubauen. Wer etwas immer wieder sieht, verliert die Skepsis davor. So kommt man ins Gespräch über Lebensmittel – und genau dort beginnt Ernährungsbildung.“

Per Mertesacker und das Sauerteigbrot

Haben Sie ein konkretes Beispiel?
„Sauerteigbrot. Damals gab es in vielen Hotels hauptsächlich Weißbrot oder Baguette. Ernährungsphysiologisch war das nicht ideal. Also habe ich Sauerteigbrote mitgebracht. Wenn man die einfach aufs Buffet legt, nimmt sie keiner. Also habe ich daraus ein Erlebnis gemacht: dekoriert auf einem Wagen, Geschichten dazu erzählt, frisch angeschnitten und nur den Trainern am Tisch serviert. Meine Hoffnung war: Dann wollen die Spieler auch. Per Mertesacker war dann der Erste, der dann auch ein Brot wollte. Ich habe ihm zunächst gesagt: ‚Das mögt ihr doch gar nicht, ihr wollt doch immer nur euer Tankstellen-Baguette.‘ Das hat ihn natürlich gereizt. Später hat er es probiert, wir haben darüber gesprochen – und die anderen Spieler zogen nach. Irgendwann war das Brot etabliert. Es ging mir dabei aber nie nur um das Brot selbst. Ich wollte, dass die Spieler spüren, welchen Einfluss bestimmte Lebensmittel auf Verdauung, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit haben.“

In Südafrika wollten alle nur noch Fleisch essen

Mussten Sie die Spieler manchmal regelrecht bremsen?
„Ja, durchaus. Es gab immer wieder Ernährungstrends, die auch vor dem Fußball nicht Halt gemacht haben. Während der WM in Südafrika gab es zum Beispiel Spieler, die plötzlich zu viel Fleisch essen wollten, weil Fleisch angeblich stark macht und Südafrika für gutes Fleisch bekannt ist. Da musste ich einbremsen und erklären, dass Leistungssport nicht von einzelnen Lebensmitteln lebt, sondern von Ausgewogenheit bzw. Balance.“

Weil Ernährung leistungsfördernd, aber auch leistungsbremsend wirken kann?
„Natürlich. Wenn Ernährung den Körper unnötig belastet, muss er permanent mit Verdauung, Stoffwechsel und Ausgleichsprozessen beschäftigt sein. Es geht nicht darum, möglichst wenig oder die so oft gehypten Superfoods zu essen. Es geht darum, intelligent und in Rückkopplung mit seinem eigenen Körper zu essen.“

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„Es gab Spieler, die gern Chips gegessen haben“

Dürfen Profifußballer aber trotzdem auch mal Chips essen?
„Natürlich. Die Dosis macht das Gift. Unser Körper kann unglaublich viel kompensieren. Es gab Spieler, die gern Chips gegessen haben. Andere wollten plötzlich besonders viel Fleisch essen. Wieder andere verzichteten vor Spielen auf Kohlenhydrate, weil sie sich damit besser fühlten, oder naschten Gummibärchen. Das Entscheidende ist immer die Balance. Kein einzelnes Lebensmittel entscheidet grundsätzlich über Gesundheit oder Leistung.“

Haben Sie trotzdem gewisse Snacks bei der Nationalmannschaft verbannt?
„Ja, weil es häufig um Gewohnheiten geht. Wenn bestimmte Süßigkeiten oder Snacks ständig präsent sind, greifen manche automatisch zu. Deshalb habe ich vieles aus dem direkten Umfeld entfernt. Gleichzeitig habe ich attraktive Alternativen geschaffen. Menschen verändern ihr Verhalten dauerhaft, wenn sie eine bessere Alternative erleben, statt nur Verbote zu hören.“

Was können Hobbysportler davon lernen?
„Vor allem, wieder auf den eigenen Körper zu hören. Ich wollte den Spielern nie einfach vorschreiben, was sie essen sollen. Stattdessen habe ich sie aufgefordert, Veränderungen wahrzunehmen. Fühle ich mich besser? Klappt die Verdauung besser? Schlafe ich besser? Regeneriere ich schneller? Jeder Mensch reagiert etwas anders. Deshalb sollte man Experten zuhören, aber letztlich den eigenen Körper ernst nehmen.“

Was haben Sie für sich aus den zehn Jahren Zusammenarbeit mit dem Nationalteam mitgenommen?
„Die Erkenntnis, dass Ernährung niemals nur Wissenschaft ist. Ernährung ist Psychologie, Kultur, Gewohnheit und Genuss zugleich. Menschen ändern ihr Essverhalten nicht, weil sie eine Studie lesen. Sie ändern es, wenn sie erleben, dass etwas schmeckt und ihnen guttut. Bei der Nationalmannschaft konnte ich beweisen, dass Veränderung möglich ist.“

100 Tage im Jahr mit der Nationalmannschaft unterwegs

Warum war es nach zehn Jahren Zeit für Sie, weiterzuziehen?
„Nach so vielen Jahren muss man Platz machen für neue Impulse. Ich war rund 100 Tage im Jahr mit der Nationalmannschaft unterwegs und insgesamt etwa 350 Tage im Jahr im Einsatz. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich selbst an meine Grenzen komme. Außerdem wollte ich mein Wissen weiterentwickeln. Mich hat zunehmend die Frage beschäftigt, warum gesunde Ernährung im Alltag so häufig scheitert. Bei der Nationalmannschaft konnte ich viele Dinge kontrollieren. Im normalen Leben funktioniert das nicht.“

Wenn Sie heute auf diese Zeit zurückblicken – worauf sind Sie am meisten stolz?
„Nicht auf Titel oder Medaillen. Sondern darauf, dass wir begonnen haben, Ernährung anders zu denken. Weg von Verboten, hin zu Genuss und echter Leistungsfähigkeit. Wenn davon heute noch etwas geblieben ist, dann freut mich das sehr. Denn genau deshalb bin ich damals zur Nationalmannschaft gegangen.“

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