29. Januar 2026, 14:32 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Haferflocken sind in fast jeder Küche zu finden: Sie sind gesund, preiswert und halten lange satt. Doch laut einer neuen Studie aus Bonn können die gewalzten Haferkerne noch mehr: Bereits eine zweitägige Kur mit Haferflocken konnte bei den Teilnehmern die Cholesterinwerte messbar verbessern – und das auch über die zwei Tage hinaus. FITBOOK-Ernährungsexpertin Sophie Brünke hat die Studie unter die Lupe genommen.
Mit Hafer gegen das tödliche Quartett
Übergewicht, Bluthochdruck, Insulinresistenz und ungünstige Blutfettwerte (wie Cholesterin) bilden umgangssprachlich das „tödliche Quartett“ – genauer das sogenannte metabolische Syndrom. Es erhöht das Risiko für Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und betrifft schätzungsweise ein Viertel der Weltbevölkerung.1 Um den steigenden Fallzahlen entgegenzuwirken, braucht es wirksame und praktikable Präventionsstrategien. Und wie praktisch wäre eine Kur mit einem günstigen und weitverbreiteten Lebensmittel?
Hafer wird seit Langem als gesundheitsfördernd betrachtet, vor allem aufgrund seines Gehalts an Ballaststoffen wie β-Glucan. Ballaststoffe stabilisieren den Blutzucker und vergangene Studien zeigten bereits eine positive Wirkung von Hafer auf die Cholesterinwerte, doch der genaue Mechanismus dahinter blieb unbekannt.2
Die klinische Studie aus Bonn hatte das Ziel, zu untersuchen, ob und wie mikrobiell gebildete phenolische Verbindungen aus Hafer – etwa Ferulasäure (FA) und Dihydroferulasäure (DHFA) – zur Verbesserung des Fettstoffwechsels bei Menschen mit metabolischem Syndrom beitragen.3
Zwei Tage, zwei Gruppen, zwei Speisepläne
Die Studie bestand aus zwei parallel durchgeführten, kontrollierten, randomisierten Ernährungsinterventionen mit je 17 Teilnehmern (insgesamt 34) im Alter zwischen 45 und 70 Jahren, die am metabolischen Syndrom erkrankt waren.
Die Teilnehmenden der Hafergruppe verzehrten an beiden Tagen dreimal täglich je 100 Gramm Haferflocken in Form von Porridge. Außerdem durften sie ihre Mahlzeiten optional mit kleinen Mengen ausgewählten Obst- und Gemüsesorten ergänzen (Äpfel, Birnen, Beeren, Spinat, Lauch). Zucker, Salz oder Süßstoffe waren nicht erlaubt. Die Gesamtkalorienzufuhr betrug rund 1100 bis 1200 Kalorien, also etwa die Hälfte des üblichen Tagesbedarfs.
Die Kontrollgruppe erhielt eine haferfreie, aber makronährstoff- und kalorienangepasste Vergleichsdiät, ebenfalls bestehend aus drei täglichen Mahlzeiten. Frühstück und Abendessen bestanden aus Brotmahlzeiten mit Rohkost, das Mittagessen war eine warme, standardisierte Mahlzeit ohne Hafer. Auch hier waren nur bestimmte Obst- und Gemüsesorten zugelassen, um eine Vergleichbarkeit zur Hafergruppe sicherzustellen.
Die Teilnehmenden wurden engmaschig überwacht. Vor und nach der Intervention sowie nach zwei, vier und sechs Wochen gaben sie Blut- sowie Stuhlproben ab und die Studienautoren erhoben zusätzlich Daten zu Blutdruck, Gewicht, Größe, Taillenumfang und Körperfettgehalt.
Ergänzender Versuch über sechs Wochen
Zusätzlich zu der zweitägigen Kur prüften die Wissenschaftler, wie sich stattdessen eine sechswöchige Haferintervention auswirken würde. Wieder gab es je 17 Probanden in der Hafer- sowie der Kontrollgruppe. Dieses Mal mussten die Teilnehmer der Hafergruppe lediglich eine Mahlzeit pro Tag durch ein Hafergericht mit 80 Gramm Haferflocken ersetzen. Dafür erhielten sie ein Rezeptheft. Die restliche Ernährung blieb unverändert. Die gesamte Kalorienzufuhr wurde individuell berechnet, damit die Probanden weder zu- noch abnahmen. Die Kontrollgruppe durfte ihre gewohnte Ernährung unverändert fortführen und aß während der gesamten sechs Wochen keine Haferprodukte.
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Harte Kur schlägt tägliche Hafermahlzeit
Die Auswertung der Daten zeigt, dass die zweitägige Haferflocken-Kur der sechswöchigen, moderaten Haferaufnahme überlegen war. Bereits nach zwei Tagen sank das Gesamtcholesterin um durchschnittlich 15,61 mg/dL und das LDL-Cholesterin – also das „schlechte“ Cholesterin – um 16,26 mg/dL. Parallel dazu stiegen im Blut deutlich die Konzentrationen von FA und insbesondere DHFA an. Letztere ist ein Stoffwechselprodukt, das durch Darmbakterien aus Haferbestandteilen gebildet wird. Diese Veränderungen waren eng mit der Cholesterinsenkung verknüpft und auch noch sechs Wochen nach der Kur nachweisbar.
Im Gegensatz dazu zeigte die sechswöchige Intervention mit einer täglichen Haferportion keine signifikante Wirkung auf die Cholesterinwerte. Zwar wurden auch hier leichte Anstiege einzelner phenolischer Substanzen gemessen, doch ein messbarer Effekt auf die Blutfettwerte blieb aus.
Bedeutung der Ergebnisse
Diese Studie liefert erstmalig klare Belege dafür, dass von Darmbakterien aus Hafer gebildete Stoffe – vor allem DHFA – maßgeblich zur cholesterinsenkenden Wirkung beitragen. Damit wird ein neuer Wirkmechanismus neben der bekannten Wirkung von β-Glucan beschrieben. Für Personen mit metabolischem Syndrom könnte dies eine kostengünstige und alltagstaugliche Ergänzung oder Alternative zu medikamentösen Therapien darstellen.
Die Ergebnisse deuten zudem an, dass bereits kurzfristige Kuren mit Haferflocken positive Effekte auf den Cholesterinspiegel haben. Da der Effekt auch sechs Wochen später noch anhielt, könnten solche kurzfristigen Kuren künftig ein neuer Ansatz in der Ernährungsmedizin sein.
Seniorautorin Marie-Christine Simon teilt eine zukünftige Forschungsfrage in einer Pressemitteilung: „Nun kann im nächsten Schritt geklärt werden, ob eine sich alle sechs Wochen wiederholende intensive Hafer-Kur auch tatsächlich dauerhaft präventive Wirkung entfaltet.“4
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Einordnung der Studie
Die Studie besticht durch ihr hochwertiges Design: randomisierte kontrollierte Studien (RCT) sind der Goldstandard. Zudem führten die Wissenschaftler ergänzend drei In-vitro-Experimente durch, um die Ergebnisse zu validieren.
Allerdings ist die Teilnehmerzahl (wie bei klinischen Studien üblich) vergleichsweise klein, was eine begrenzte Aussagekraft bei subtilen Effekten und Subgruppenanalysen (z. B. geschlechterspezifisch) mit sich bringt. Zudem kontrollierten die Wissenschaftler die Ernährung der Teilnehmer nicht vollständig: Die Mahlzeiten wurden zu Hause zubereitet und die Compliance basierte auf Selbstauskünften.
Fazit
Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass phenolische Substanzen aus Hafer – besonders DHFA – eine zentrale Rolle bei der cholesterinsenkenden Wirkung spielen und mit dem Darmmikrobiom zusammenhängen. Eine kurzfristige Hafer-Kur kann den Cholesterinspiegel signifikant senken und hat Potenzial für einfache und effektive Ernährungsinterventionen bei Patienten mit metabolischem Syndrom.