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Studie

Wie es sich auf den Blutzucker auswirken könnte, wenn der Partner beim Essen dabei ist

Blutzucker nach dem Essen
Nicht allein zu essen, ist oft gut für die Seele – und offenbar auch für den Blutzucker Foto: Getty Images

28. September 2026, 9:43 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten

Haben Sie schon einmal vom Konzept der Sozialphysiologie gehört? Es beschreibt, wie soziale Beziehungen und soziale Nähe mit körperlichen Regulationsprozessen zusammenhängen. Die Fähigkeit des Körpers, sein inneres Gleichgewicht trotz wechselnder Anforderungen aufrechtzuerhalten, wird als physiologische Homöostase bezeichnet. Eine Studie hat untersucht, ob soziale Nähe diese Regulation tatsächlich beeinflusst. Besonders interessant ist dabei der Blick auf den Blutzucker, schließlich ist die Glukoseregulation ein grundlegender körperlicher Prozess. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Nähe eines vertrauten Menschen beeinflussen kann, wie der Körper mit einer Kohlenhydratbelastung umgeht.

Studie zur körpereigenen Selbstregulation

Der Begriff Homöostase ist Ihnen vielleicht neu, das Prinzip dahinter jedoch garantiert vertraut. Er steht dafür, dass der Körper seinen inneren Zustand ständig an wechselnde Anforderungen anpassen muss. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Temperaturregulation des Körpers, also die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur. Wenn sich der Mensch in einer heißen Umgebung befindet, beginnt er zu schwitzen. Durch die Verdunstung von Schweiß auf der Haut kühlt der Körper etwas ab. Diese Art der Gegenregulation ist wichtig, da man sonst überhitzen würde.

Auch interessant: Temperatursturz nach Hitze! Was das mit unserem Körper macht

Homöostase spielt auch im Kontext des Blutzuckerspiegels eine wichtige Rolle. Der Konsum von Kohlenhydraten führt zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels, woraufhin die Bauchspeicheldrüse Insulin ausschüttet. Sinkt der Blutzuckerspiegel hingegen ab, setzt sie Glukagon frei, um den Blutzuckerspiegel wieder zu erhöhen. Bei Menschen mit Diabetes mellitus ist diese Regulation bekanntlich gestört – je nach Diabetestyp wird entweder nicht ausreichend Insulin produziert oder die Körperzellen reagieren nicht ausreichend auf das vorhandene Insulin. Dadurch kann der Blutzuckerspiegel nach der Aufnahme von Kohlenhydraten stärker oder länger ansteigen als bei gesunden Menschen.

Wichtig zu wissen: Die Studie untersuchte diesen Effekt an gesunden jungen Erwachsenen. Bei Erkrankungen wie Diabetes ersetzt soziale Nähe natürlich keine medizinische Behandlung, zeigt aber, wie grundlegend unser Körper auf Mitmenschen reagiert.

Wichtige körperliche Prozesse – und was sie beeinflussen könnte

Es sind nur zwei von vielen Beispielen, die zeigen, wie wichtig eine funktionierende Regulation für die Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts ist. Die Autoren der vorliegenden Studie stellen nun die These auf, dass die Regulation der Homöostase effizienter funktioniert, wenn man sich in sozialer Nähe zu einem vertrauten Menschen (wie dem eigenen Partner) befindet.1 Vereinfacht gesagt: Durch die Gesellschaft soll der Körper Belastungen schneller und mit einer geringeren physiologischen Reaktion regulieren können.

Aber warum eigentlich – warum sollte ausgerechnet soziale Nähe physiologisch relevant sein? Die Autoren begründen diesen Ansatz unter anderem aus evolutionärer Perspektive: Der Mensch hat sich als soziales Wesen in enger Gemeinschaft mit anderen entwickelt. Daraus ergibt sich die Frage, ob soziale Nähe nicht nur unser Verhalten und unsere Psyche, sondern auch grundlegende körperliche Regulationsprozesse beeinflusst.

Wie beeinflusst Nähe einer vertrauten Person die Regulation des Blutzuckers?

Die Forscher gingen zum einen der Frage nach, ob soziale Nähe die Glukoseregulation beeinflussen kann. Der Glukosestoffwechsel eignet sich dafür besonders, weil er weitgehend automatisch abläuft und in der Forschung bislang nicht als klassisches sozial reguliertes System betrachtet wurde. Frühere Studien zeigen, dass die Glukoseregulation durch ein Zusammenspiel verschiedener Körpersysteme beeinflusst wird, etwa durch die Kooperation von Gehirn und Bauchspeicheldrüse.2 Die Forscher wollten nun untersuchen, ob der Körper eine Kohlenhydratbelastung effizienter verarbeitet, wenn sich eine vertraute Person in seiner Nähe befindet.

Neben dem Blutzucker prüften die Forscher, ob sich der mögliche Effekt gegebenenfalls auch auf andere physiologische Systeme übertragen lässt. Dafür untersuchten sie zusätzlich die Temperaturregulation bei Kälte sowie die Aktivität des sympathischen Nervensystems unter einer Stressbelastung.

Details zur Untersuchung

Die Untersuchung setzte sich aus insgesamt vier Experimenten zusammen. In einem Pilotversuch untersuchten die Forscher die Stressreaktion von 56 Mutter-Kind-Paaren.

Die drei anschließenden Experimente wurden mit Erwachsenen durchgeführt. Sie zielten auf den Glukosestoffwechsel, die Temperaturregulation und die sympathische Aktivierung ab – sie versetzt den Körper in einen Zustand erhöhter Bereitschaft und unterstützt ihn dabei, auf körperliche Anstrengung, Stress oder potenzielle Gefahren schnell zu reagieren.

An den Erwachsenenexperimenten nahmen insgesamt 180 Personen in einer Altersspanne von 18 bis 37 Jahren teil. Es waren jeweils Menschen in Beziehungen – also 90 Paare, die seit mindestens neun Monaten monogam lebten. Insgesamt waren 339 experimentelle Beobachtungen Gegenstand der Auswertung: 108 zum Glukosestoffwechsel, 116 zur Temperaturregulation und 115 zur Stressreaktion.

Der Effekt auf Blutzucker im Test

Alle Experimente wurden jeweils einmal in einer Allein-Bedingung und einer Sozial-Bedingung durchgeführt. In der Sozial-Bedingung waren die Partner der Probanden anwesend. Die Paare durften auf natürliche Weise miteinander sprechen und einander auch berühren. Die Reihenfolge der Bedingungen wurde zufällig und ausgeglichen festgelegt.

Wir konzentrieren uns hier auf den Blutzucker-Teil der Untersuchung. Beim Glukosetest verzehrten die Teilnehmer 102 Gramm Weißbrot, welches zu rund der Hälfte aus verfügbaren Kohlenhydraten bestand – also aus Kohlenhydraten, die den Blutzuckerspiegel beeinflussen. Die Messung des Blutzuckers lief über 120 Minuten.

Ergebnis: weniger Blutzuckerspitzen, wenn eine vertraute Person dabei war

Hier zeigte sich ein deutlicher Befund – laut Studiendokumentation der deutlichste der gesamten Untersuchung. Nach der Aufnahme von 50 Gramm Kohlenhydraten fiel die Glukoseantwort in Anwesenheit des Partners geringer aus und normalisierte sich schneller. Die mittlere Fläche unter der Kurve lag bei 1926,51 mg/dl·min in der Allein-Bedingung und bei 1576,64 mg/dl·min in der Sozial-Bedingung. Das entspricht einer mittleren Reduktion von 14,55 Prozent. Der Unterschied war statistisch signifikant (p = 0,001; n = 108).

Auch im Vergleich der Gruppe, die den Test allein durchführte, mit der Gruppe, die den Test in Anwesenheit des Partners durchführte, zeigte sich ein vergleichbares Ergebnis: In Anwesenheit des Partners fiel die Glukoseantwort deutlich geringer aus. Die iAUC war dabei im Durchschnitt um 23,9 Prozent niedriger als in der Gruppe, die den Test allein durchführte. Auch dieser Unterschied war statistisch signifikant (p = 0,01).

Einschätzung eines unabhängigen Diabetologen

FITBOOK sprach mit dem Internisten und Diabetologen Dr. med. Matthias Riedl. Er hält die Ergebnisse der Studie für physiologisch plausibel. „Soziale Nähe wirkt auf uns stressmindernd“, erklärt er. Der Mensch sei von Natur aus auf das Leben in Gruppen und die Nähe zu anderen Menschen ausgerichtet. Auch der Aufenthalt im Wald oder Waldbaden könne stressmindernd wirken. „Das sieht man durch geringere Cortisolspiegel.“

Eine geringere Stressbelastung könnte nach Einschätzung des Arztes auch die Blutzuckerreaktion beeinflussen. Bei Menschen mit Diabetes könnte der Effekt sogar stärker ausfallen, da es bei ihnen zu größeren Blutzuckerschwankungen komme.

Neben der Stressreaktion sieht Dr. Riedl einen weiteren möglichen Erklärungsansatz im Essverhalten. „Gemeinsame Mahlzeiten werden langsamer aufgenommen. Das verbessert die Sättigung und theoretisch reduziert das die Nahrungsaufnahme.“ Auch der Blutzuckerverlauf könnte davon profitieren: „Es kann aber auch sein, dass die langsamere Aufnahme den Blutzuckeranstieg ausbremst. Also langsameres Anfluten.“

Redaktioneller Hinweis: Die Aussagen zu Menschen mit Diabetes, Cortisol und dem langsameren Essen sind Einschätzungen des Arztes. Die vorliegende Studie untersuchte weder Menschen mit Diabetes noch Cortisolspiegel oder unterschiedliche Essgeschwindigkeiten.

Ein ähnliches Muster wie beim Blutzucker beobachteten die Studienautoren bei der Temperaturregulation. Für diesen Untersuchungsteil hatten die Teilnehmer zunächst fünf Minuten in einem zwölf Grad Celsius kalten Raum und anschließend 15 Minuten zur Erholung bei 25 Grad Celsius verbracht – jeweils allein oder in Anwesenheit ihres Partners. In Anwesenheit des Partners fiel die Temperaturreaktion geringer aus und die Erholung verlief schneller. Die iAUC war je nach Auswertung um etwa sieben bis 16 Prozent niedriger.

Auch die sympathische Stressreaktion war geringer in Anwesenheit des Partners, schreiben die Autoren. Der Effekt war jedoch kleiner und in einer der beiden Auswertungen statistisch nicht signifikant.

Studienautorin erklärt FITBOOK die Bedeutung der Ergebnisse

FITBOOK sprach mit Professor Shir Atzil über die Ergebnisse. Wie sie erklärt, ist die wichtigste Erkenntnis die, dass ein neues biologisches Prinzip identifiziert werden konnte. „Dies könnte erklären, warum Menschen soziale Nähe suchen. Unsere körperliche Regulation funktioniert in Gesellschaft eines nahestehenden Menschen besser.“

Das zeigte sich laut der Forscherin beim Glukosestoffwechsel, bei der Regulierung der Körpertemperatur und beim Umgang mit Stress. „In Anwesenheit eines engen Partners konnte der Körper diese Prozesse jeweils effizienter regulieren.“

Soziale Nähe könnte demnach nicht nur emotionale und praktische Vorteile haben, sondern auch unmittelbar auf den Körper wirken. „Dieser psychobiologische Nutzen könnte dazu beitragen, dass wir soziale Bindungen als lohnenswert erleben und sie deshalb eingehen und aufrechterhalten.“ Diese Möglichkeit hat die Studie zwar aufgezeigt, aber nicht direkt überprüft, räumt sie ein.

Genauer Wirkmechanismus ist noch unklar

Doch wie genau entsteht der beobachtete Effekt? „Das wissen wir bislang noch nicht. Den zugrunde liegenden Mechanismus zu verstehen, ist eine der spannendsten Fragen, die unsere Studie aufwirft“, so Professor Atzil.

Die Forscherin erklärt, dass eine grundlegende Aufgabe des Gehirns darin besteht, die körperlichen Bedürfnisse zu steuern und vorauszusehen. Es müsse gewissermaßen den „Haushalt“ des Körpers verwalten und dafür sorgen, dass etwa Energieversorgung und Körpertemperatur im Gleichgewicht bleiben. „Beim Menschen entwickelt sich dieses Regulationssystem von Anfang an in einem sozialen Umfeld. Schon als Säuglinge sind wir darauf angewiesen, dass unsere Bezugspersonen uns bei der Regulierung grundlegender körperlicher Bedürfnisse unterstützen.“

Die Vermutung der Forscher: Bei einem so sozialen Lebewesen wie dem Menschen könnten nahestehende Personen fest in dieses körperliche Regulationssystem eingebunden sein. „Ihre Anwesenheit könnte deshalb beeinflussen, wie effizient das Gehirn beispielsweise den Glukosestoffwechsel steuert.“ Nun wollen Atzil und ihr Team genauer untersuchen, wie dieser Effekt zustande kommt. Dabei geht es unter anderem um die Insulinausschüttung und die Insulinempfindlichkeit des Körpers, das vegetative Nervensystem und verschiedene Hormone. Auch Stress, Berührungen, die Dauer einer Mahlzeit und der Body-Mass-Index wurden in der Studie berücksichtigt. Diese Faktoren konnten den beobachteten Effekt jedoch nicht erklären.

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Fazit

Zusammenfassend liefert die Studie Hinweise darauf, dass soziale Nähe dem Körper helfen könnte, grundlegende physiologische Prozesse effizienter zu regulieren. Das bedeutet allerdings nicht, dass Gesellschaft den Blutzucker oder andere Körperfunktionen grundsätzlich und in jeder Situation verbessert.

„Unsere Hypothese ist, dass die Anwesenheit eines nahestehenden Menschen dem Körper helfen kann, Energie und andere Ressourcen zu sparen, die ihm dann für weitere lebenswichtige Funktionen zur Verfügung stehen.“ Enge Beziehungen könnten damit eine Art energetische Ressource sein. Oder, wie die Forscherin es ausdrückt: „Gemeinsam ist das Leben leichter.“

Einschränkungen

Trotz der zunächst beeindruckenden Ergebnisse weist die Studie verschiedene Einschränkungen auf. Zwar wurden einige mögliche Einflussfaktoren statistisch berücksichtigt und der beobachtete Effekt blieb bestehen. Doch die Studie untersuchte ausschließlich kurzfristige physiologische Reaktionen. Daher lässt sich nicht ableiten, dass soziale Nähe auch langfristig die Gesundheit beeinflusst und die beobachteten Effekte über längere Zeit bestehen bleiben.

Es wurden nur gesunde junge Paare in festen Beziehungen untersucht. Wie der Körper bei Fremden oder in Konfliktsituationen reagiert, ist eine andere Frage. Auch Berührungen spielten je nach Körpersystem eine unterschiedliche Rolle.

Auch die genauen biologischen Mechanismen hinter den Effekten sind noch nicht geklärt. Zudem waren die Ergebnisse nicht in allen Bereichen gleich eindeutig: Bei der sympathischen Stressreaktion war der Unterschied innerhalb derselben Personen etwa statistisch nicht signifikant. Ferner zeigten sich deutliche individuelle Unterschiede. Einige Personen hatten stärker von der Anwesenheit ihres Partners profitiert, bei anderen war der Effekt schwächer – oder sogar umgekehrt.

Quellen

  1. Masalha, M., Cohen, M., Aloni, M. et al. (2026). Social Physiology: Human homeostasis is more efficient in social proximity. Sciences Advances. ↩︎
  2. Schwartz, M., Seeley, R., Tschöp, M. et al. (2013). Cooperation between brain and islet in glucose homeostasis and diabetes. Nature. ↩︎

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