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Wie die Ernährung in der Kindheit mit späterer Intelligenz zusammenhängt

Welche Folgen haben frühe Essgewohnheiten? Neue Forschung zeigt mögliche Effekte auf Denken und Lernen.
Welche Folgen haben frühe Essgewohnheiten? Neue Forschung zeigt mögliche Effekte auf Denken und Lernen. Foto: Getty Images
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Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

10. Juni 2026, 13:55 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Die ersten Lebensjahre gelten als eine entscheidende Phase für die Entwicklung des Gehirns. Doch welche Rolle spielt dabei die Ernährung? Eine große neue Übersichtsarbeit hat 73 Studien ausgewertet und untersucht, ob Essgewohnheiten in Kindheit und Jugend mit späteren Denkfähigkeiten und Schulleistungen zusammenhängen. Die Ergebnisse liefern Hinweise darauf, dass der Einfluss von Ernährung möglicherweise deutlich weiter reicht als bislang angenommen.

Warum die ersten Lebensjahre für das Gehirn so wichtig sein könnten

Das Forschungsteam um Hayley A. Young von der Swansea University untersuchte, welchen Einfluss die Ernährung auf die kognitive Entwicklung und den schulischen Erfolg von Kindern und Jugendlichen hat. Dazu analysierten die Wissenschaftler, ob Ernährungsweisen und Ernährungsmaßnahmen im Alter von acht bis 19 Jahren mit Denkfähigkeiten, Intelligenz und Schulleistungen zusammenhängen.1 Das auffälligste Ergebnis: In mehreren Langzeitstudien schnitten Kinder, die in den ersten Lebensjahren insgesamt hochwertiger ernährt wurden, später bei Intelligenztests und in der Schule häufiger besser ab.

Der Hintergrund: Die Jugend ist eine wichtige Entwicklungsphase für das Gehirn. Bereiche, die unter anderem für Aufmerksamkeit, Planung, Lernen und Problemlösen zuständig sind, entwickeln sich in dieser Zeit weiter. Gleichzeitig sind Jugendliche sowohl für Nährstoffmängel als auch für eine Ernährung mit vielen stark verarbeiteten Lebensmitteln anfällig.2

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So wurde die Analyse durchgeführt

Bei der Arbeit handelt es sich um eine systematische Übersichtsarbeit. Dabei werden wissenschaftliche Studien nach festgelegten Kriterien gesucht, bewertet und zusammengefasst. Die Forscher durchsuchten vier große wissenschaftliche Datenbanken. Nach einer detaillierten Prüfung erfüllten 73 Studien die Einschlusskriterien.

73 Studien aus verschiedenen Ländern im Überblick

In die Analyse flossen 48 Studien ein, in denen bestimmte Ernährungsmaßnahmen gezielt getestet wurden, sowie 25 Langzeitstudien. „Langzeitstudie“ bedeutet, dass Teilnehmer über viele Jahre begleitet wurden, um zu untersuchen, wie sich frühere Ernährungsgewohnheiten auf die spätere Entwicklung auswirken.

In den Ernährungsstudien prüften die Forscher unter anderem den Einfluss von Eisen, Jod, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren. Untersucht wurden außerdem Cholin, Polyphenole (natürliche Pflanzenstoffe, die beispielsweise in Obst, Gemüse und Kräutern vorkommen), Multivitaminpräparate, Vollkornprodukte, Fisch, Walnüsse, die sogenannte neue Nordische Diät sowie Schulfrühstücksprogramme.

Die Langzeitstudien betrachteten vor allem die Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter sowie während der frühen Jugend und verglichen diese später mit Ergebnissen bei Intelligenztests, Denkaufgaben oder schulischen Leistungen.

Zusätzlich prüften die Autoren die Qualität der einzelnen Studien. Dabei zeigte sich, dass viele Langzeitstudien methodisch robuster waren als ein Teil der Ernährungsstudien.

Was Kinder früh essen, könnte Jahre später noch eine Rolle spielen

Die deutlichsten Zusammenhänge fanden sich in den ersten Lebensjahren

Die stärksten und konsistentesten Hinweise fanden sich in den Langzeitstudien. Mehrere Untersuchungen zeigten, dass Ernährungsweisen mit mehr Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und Milchprodukten häufiger mit besseren Ergebnissen bei späteren Intelligenztests und schulischen Leistungen verbunden waren. Ernährungsweisen mit mehr stark verarbeiteten Lebensmitteln, Softdrinks und zuckerreichen Produkten standen dagegen häufiger mit schlechteren Ergebnissen in Zusammenhang.

Besonders auffällig war, dass die Zusammenhänge in mehreren Studien für die Ernährung im ersten Lebensjahr am stärksten ausfielen. Die Autoren sehen darin einen Hinweis darauf, dass diese frühe Lebensphase besonders wichtig für die spätere geistige Entwicklung sein könnte.

Interessant ist dabei die Art der Intelligenz: Die frühe Ernährung prägt vor allem den verbalen IQ – also das durch die Umwelt erworbene Wissen. Nährstoffgaben in der Jugend scheinen dagegen eher den nichtverbalen IQ zu stützen, der das rein biologische Denkpotenzial widerspiegelt.

Eisenmangel im Säuglingsalter könnte lange nachwirken

Darüber hinaus fanden mehrere Langzeitstudien Hinweise darauf, dass Eisenmangel in der frühen Kindheit noch Jahre später mit Nachteilen bei Aufmerksamkeit, Gedächtnis und anderen Denkfähigkeiten verbunden sein kann – selbst dann, wenn der Mangel später behandelt wurde.

Die Forscher betonen jedoch, dass die Jugendzeit ein „zweites Fenster der Neuroplastizität“ öffnet. In dieser massiven Umbauphase ist das Gehirn erneut besonders empfänglich für eine gute Nährstoffversorgung – aber auch anfälliger für schädliche Einflüsse.

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Bei Jugendlichen waren die Ergebnisse deutlich uneinheitlicher

Bei den Interventionsstudien ergab sich dagegen ein gemischtes Bild.

Vorteile zeigten sich vor allem bei bestehenden Nährstoffmängeln

Eisenpräparate konnten in mehreren Untersuchungen bestimmte Denkfähigkeiten verbessern, vor allem bei Jugendlichen mit Eisenmangel oder Eisenmangelanämie, also einer durch Eisenmangel verursachten Blutarmut. Auch für Jod fanden einige Studien Vorteile bei Jugendlichen mit Jodmangel.

Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass Jugendliche mit einer unzureichenden Versorgung bestimmter Nährstoffe am ehesten von gezielten Ernährungsmaßnahmen profitieren könnten.

Für viele andere Maßnahmen fehlt ein klares Bild

Für Omega-3-Fettsäuren wurden vereinzelt Verbesserungen bei Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit oder einzelnen Denkaufgaben beobachtet. Andere Studien fanden hingegen keine messbaren Effekte.

Ähnlich widersprüchlich waren die Ergebnisse für Cholin, Vitamin D, Vollkornprodukte, polyphenolreiche Pflanzenstoffe, die neue nordische Diät, Schulfrühstücksprogramme oder Multivitaminpräparate.

Insgesamt kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es derzeit keine einzelne Ernährungsmaßnahme gibt, die nachweislich und zuverlässig die geistige Leistungsfähigkeit aller Jugendlichen verbessert. Die Daten deuten jedoch darauf hin, dass Ernährung grundsätzlich eine Rolle für die Entwicklung von Denken, Lernen und schulischen Leistungen spielen kann.

Was bedeuten die Ergebnisse für Eltern und Jugendliche?

Die Analyse liefert Hinweise darauf, dass Ernährung langfristige Auswirkungen auf die geistige Entwicklung haben könnte. Besonders relevant scheinen die ersten Lebensjahre zu sein. In dieser Phase wächst das Gehirn besonders schnell und bildet zahlreiche neue Verbindungen zwischen Nervenzellen.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Ernährungsqualität in der frühen Kindheit mit späteren geistigen Fähigkeiten zusammenhängen könnte. Das bedeutet jedoch nicht, dass einzelne Lebensmittel über die spätere Intelligenz entscheiden. Vielmehr deuten die Daten darauf hin, dass langfristige Ernährungsgewohnheiten wichtiger sein könnten als einzelne Mahlzeiten oder kurzfristige Ernährungsmaßnahmen.

Für Jugendliche zeigen die Ergebnisse außerdem, dass bestehende Nährstoffmängel relevant sein können. Vor allem bei Eisen- und Jodmangel wurden in mehreren Studien Vorteile durch eine verbesserte Versorgung beobachtet.

Was die Ergebnisse nicht bedeuten

Die Übersichtsarbeit zeigt Zusammenhänge, beweist aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Auch andere Faktoren beeinflussen die geistige Entwicklung, darunter Bildung, familiäres Umfeld, Schlaf, Bewegung und soziale Rahmenbedingungen.

Große Analyse, aber nicht ohne Schwächen

Mit 73 eingeschlossenen Studien bietet die Arbeit einen der bislang umfassendsten Überblicke zum Zusammenhang zwischen Ernährung, geistiger Leistungsfähigkeit und schulischem Erfolg im Jugendalter. Besonders aussagekräftig sind die Langzeitstudien, die Teilnehmer über viele Jahre begleiteten.

Dennoch sollten die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden. Kinder mit einer insgesamt gesünderen Ernährung wachsen häufig auch unter günstigeren sozialen Bedingungen auf. Zwar berücksichtigten viele Studien Faktoren wie Einkommen oder Bildungsstand der Eltern, vollständig ausschließen lassen sich solche Einflüsse jedoch nicht.

Auch die Interventionsstudien hatten Einschränkungen. Die Maßnahmen unterschieden sich teils deutlich hinsichtlich Dauer, Dosierung, Teilnehmergruppen und Testverfahren, was direkte Vergleiche erschwert. Zudem wiesen viele Studien methodische Schwächen auf, darunter kleine Teilnehmerzahlen, unvollständige Daten oder Probleme bei der Umsetzung der Interventionen.

Ein weiteres Manko: In einigen Studien wurden schulische Leistungen über selbst berichtete Noten erfasst. Solche Angaben können ungenauer sein als offizielle Schuldaten oder standardisierte Leistungstests. Die Autoren betonen daher, dass weitere hochwertige Studien notwendig sind.

Zudem gibt es einen wichtigen Aspekt zur Finanzierung. Als möglicher Interessenkonflikt ist zu erwähnen, dass die Arbeit durch einen Zuschuss des Institute for the Advancement of Food and Nutrition Sciences (IAFNS) unterstützt wurde. Die Organisation erhält finanzielle Mittel aus öffentlichen und privaten Quellen, darunter auch aus der Lebensmittelindustrie.

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Ein Fahrplan für die Zukunft der Forschung

Die Autoren beschränkten sich nicht auf die Auswertung der bisherigen Studienlage, sondern formulierten auch sieben Empfehlungen für zukünftige Forschung. Ernährung sollte demnach stärker über den gesamten Lebensverlauf betrachtet werden, statt einzelne Lebensphasen isoliert zu untersuchen. Zudem plädieren die Wissenschaftler dafür, weniger einzelne Nährstoffe und stärker komplette Ernährungsweisen in den Blick zu nehmen.

Wichtig sei außerdem der Einsatz biologischer Marker wie Blutwerte für Eisen oder Omega-3-Fettsäuren. So ließe sich besser überprüfen, ob Nährstoffe tatsächlich aufgenommen wurden und beobachtete Effekte biologisch plausibel sind.

Darüber hinaus empfehlen die Autoren, den Pubertätsstatus systematisch zu erfassen, Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen stärker zu berücksichtigen, Denk- und Schulleistungstests zu standardisieren sowie soziale und kulturelle Faktoren einzubeziehen.

Künftig sollten auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen stärker untersucht werden, da sie möglicherweise besonders von Ernährungsprogrammen und gesundheitspolitischen Maßnahmen profitieren könnten. Zudem sollten Langzeitstudien wichtige Einflussgrößen wie das familiäre Umfeld, die aktuelle Ernährung oder die Intelligenz der Mutter häufiger berücksichtigen.

Fazit: Frühe Ernährung könnte lange nachwirken

Die Analyse liefert Hinweise darauf, dass die Ernährungsqualität in den ersten Lebensjahren mit späteren Denkfähigkeiten und Schulleistungen zusammenhängen könnte. Für Ernährungsmaßnahmen im Jugendalter fällt die Evidenz deutlich schwächer aus. Um belastbare Empfehlungen ableiten zu können, sind nach Einschätzung der Autoren weitere hochwertige Studien erforderlich.

Quellen

  1. Young, HA., Gaylor, CM., Brennan, A. et al. (2026). Diet and the Developing Brain: A Systematic Review of Nutritional Influences on Adolescent Cognitive and Academic Outcomes. Adv Nutr. ↩︎
  2. Deutsches Ärzteblatt. Hirnentwicklung in der Adoleszenz: Neurowissenschaftliche Befunde zum Verständnis dieser Entwicklungsphase. (aufgerufen am 09.06.2026) ↩︎

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