24. Dezember 2025, 18:04 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Früher schwor ich meinem Teddy: Nie wieder wandern in den Bergen. Heute liebe ich es, mich auf anstrengende, steinige Pfade im Hochgebirge zu begeben. Woher kommt diese Magie?
Ich schwor meinem Teddy: Nie wieder wandern
Auf einer langen Gletscherwanderung Anfang der 90er, ich war sechs oder sieben Jahre alt, packte ich einmal jeden Bergkristall ein, der glitzernd in der Sonne vor meinen Füßen lag. Weil ich mich nicht von meinen Schätzen trennen konnte und meine Mutter es verständlicherweise nicht einsah, zusätzlich zu ihrem Gepäck noch meinen Steine-Rucksack zu tragen, schleppte ich ihn einen ganzen Tag und bis ins Tal hinunter, schlief zwei Tage durch und schwor meinem Teddy: Nie wieder wandern.
Heute suche ich körperliche Erschöpfung und Ruhe in den Bergen
Ich glaube, diese Erfahrung von damals hat mich stark geprägt. Einerseits hielt sie meine Abneigung gegenüber Bergtouren lange lebendig. Andererseits hatte ich mir als Kind bewiesen, dass ich starke, körperliche Anstrengung durchhalten kann bzw. diese vergehen. Heute treibt mich genau dieses Gefühl regelmäßig in die Berge: körperliche Erschöpfung als Ruhequelle. Je karger die Landschaft, je mehr Felsen und Geröll, desto besser.
Körner für den letzten Anstieg müssen irgendwoherkommen
An ausgesetzten Stellen muss jeder Schritt überlegt sein. Nebel versperrt manchmal die Sicht auf den nächsten Schritt. Gelegentlich löst sich plötzlich Geröll unter dem Fuß. Schwinden die Kräfte, weil man schon stundenlang unterwegs ist, hat aber noch lange nicht den Abstieg in Sicht, müssen die Körner einen letzten Anstieg trotzdem noch irgendwoherkommen. Wandern in den Bergen ist schließlich nicht wie ein Training im Gym, das man abbrechen oder bei dem man die Intensität anpassen kann. Es muss dort oben zu Ende gebracht werden.
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Erschöpft in die Gerölllandschaft schluchzen
Manchmal ist es so anstrengend, dass ich vor Erschöpfung weine. Es sind keine traurigen Tränen. Sie entstehen, wenn der Körper endlich alles ablegen darf, was er sonst trägt. Und die karge Landschaft verstärkt in mir das Gefühl, dass alles herauskommen kann, weil sie keine Ablenkung anbietet. Ich schluchze in die Gerölllandschaft. Sie ist groß genug dafür, was soll’s.
Im Aufstieg pumpt mein Herz doll. Ich versuche, es mit ruhigem Atem zu kontrollieren. Die Kombination bestimmt den Rhythmus, mit dem ich einen Fuß vor den anderen setze. Kieselsteine knirschen unter den Sohlen, ich lasse Steinadler-Rufe auf mich wirken. Über 2000 Meter ist die Akustik ziemlich nackig. Keine Vegetation und kein weicher Boden schlucken den Schall. Jedes Geräusch wirkt überdimensioniert.
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Verantwortung aus dem Alltag schrumpft in den Bergen zusammen
Wo ich in meinem Alltag ununterbrochen für irgendetwas verantwortlich bin, etwas absprechen oder planen muss, schrumpft meine Verantwortung beim Wandern in den Bergen überschaubar zusammen. Ein Schritt, noch ein Schritt: Wenn „nur“ mein Körper funktionieren muss, entspannt mich das.
Wie damals mit dem Rucksack voller Steine
Dazu kommt: Berge strahlen Macht aus, weil sie groß sind und steil, gewaltig, unwegsam. Sie urteilen nicht. Ihr Anblick macht mich klein, auch das fühlt sich für mich entlastend an. Beim Wandern in den Bergen stelle ich mir gerne vor, die Zivilisation sei Lichtjahre entfernt. (Ist sie nicht, es gibt ja Berghütten und das Handy habe ich aus Sicherheitsgründen natürlich immer am Start). Jedenfalls stelle ich mir vor, auf mich allein gestellt zu sein. Wie damals mit dem Rucksack voller Steine. Hätte ich sie nicht ins Tal getragen, wüsste ich vielleicht bis heute nicht, dass ich das kann.