17. März 2026, 17:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Mit dem Tod der Ehefrau steigt das Demenzrisiko älterer Männer, so eine aktuelle Studie aus Japan. Frauen geht es nach der Trauerphase hingegen oft sogar besser. Wie ist das zu erklären?
Der Verlust des Ehepartners ist eines der stressreichsten Lebensereignisse überhaupt. Vor allem ältere Paare müssen sich darauf einstellen, dass einer von ihnen früher oder später zuerst gehen muss. Ist es so weit, leidet in den allermeisten Fällen das Wohlbefinden des Hinterbliebenen. Doch wie stark beeinflusst Verwitwung die Gesundheit wirklich? Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Und kann auch im späten Leben die Zeit noch Wunden heilen? Ein Forschungsteam der Boston University School of Public Health und der Chiba-Universität in Japan wollte diese Fragen genauer klären. Die Ergebnisse der in der Fachzeitschrift „Journal of Affective Disorders“ veröffentlichten Studie sind vor allem für Männer besorgniserregend.1 Ihnen kann der Tod der Ehefrau buchstäblich den Verstand kosten.
Studie mit fast 26.000 japanischen Frauen und Männern über 65 Jahren
Für ihre Analyse nutzte das Team Daten der Japanischen Gerontologischen Evaluationsstudie, einer großangelegten Studie unter japanischen Seniorinnen und Senioren ab 65 Jahren. Dabei beobachteten die Forscher insbesondere die Jahre 2013, 2016 und 2019 und stellten den Teilnehmern zunächst folgende Fragen:
- Ist die Person aktuell verheiratet?
- Oder inzwischen verwitwet?
- Wann ist der Partner gestorben?
Insgesamt erlebten in diesem Zeitraum 1076 Probanden den Tod ihres Ehepartners. Ihnen wurden 37 gesundheitliche Fragen gestellt, die mit dem Verlust in Verbindung stehen. Darunter: Schwere des Trauergefühls, (ungesunde) Bewältigungsstrategien wie Alkoholkonsum, Einsamkeitsempfinden sowie klinische Diagnosen wie Depressionen oder Demenz.
Gleichzeitig schauten die Forscher, ob sich das körperliche und psychische Wohlbefinden drei bzw. sechs Jahre später verbessert oder verschlechtert hatte. Zudem wurde untersucht, ob der zurückgebliebene Partner in der Zwischenzeit selbst verstorben war. Nachdem das Team die Ergebnisse nach Männern und Frauen unterteilt hatte, zeigte sich ein spannendes Bild.
Demenz, Depressionen, Isolation – so gesundheitsschädlich ist für Männer der Tod ihrer Ehefrau
Die geschlechtsspezifischen Unterschiede erwiesen sich als enorm. Im Vergleich zu nicht verwitweten Männern wiesen Männer, die ihre Partnerin verloren hatten, ein höheres Demenzrisiko auf. Auch ihre Lebenszufriedenheit nahm in der Regel massiv ab, gefolgt von Hoffnungslosigkeit, was wiederum zu einem höheren Alkoholkonsum führte. Der daraus resultierende geistige und körperliche Verfall erhöhte die Sterblichkeit. Allgemein gilt die Zeit drei bis sechs Monate nach dem Verlust als besonders kritisch – dafür lieferten frühere Untersuchungen bereits Hinweise.2
Das heißt: Mit dem Tod ihrer Ehefrauen verkürzt sich die Lebenserwartung japanischer Männer. Eine Besserung ist zwar möglich, sie stellte sich jedoch nur schleichend ein und ist ein langwieriger Prozess.
Glückliche Witwen
Frauen schienen den Tod ihres Mannes hingegen besser zu verkraften. Zwar litten auch sie zunächst unter dem Verlust, doch nach der Trauerphase kam die Lebensfreude schnell zurück. Auch konnten die Forscher kein erhöhtes Risiko für Demenz oder Depressionen feststellen. Im Gegenteil: Viele japanische Witwen berichteten von einem verbesserten Wohlbefinden, das sogar immer weiter zunahm. Wie ist das zu erklären? Immerhin reagierten die untersuchten Frauen und Männer auf den Tod ihres Ehepartners ähnlich, indem sie zunächst versuchten, sozial aktiver zu werden. Dazu zählten etwa Treffen mit Freunden und Familie, die Teilnahme an Nachbarschaftsaktivitäten oder ein Ehrenamt. Männer taten sich vergleichsweise schwer damit. Während Frauen durch neue Kontakte echten Rückhalt fanden, fühlten sich Männer trotz der Aktivitäten oft weiterhin allein gelassen – das soziale Netz fing sie emotional weniger auf.
Der unterschätzte Einfluss der Kultur
Männer tragen vermutlich kein Gen in sich, das für das erhöhte Demenzrisiko nach dem Tod ihrer Ehefrau verantwortlich ist. „In Japan und vielen anderen Kulturen dreht sich das männliche Leben um die Arbeit. Dadurch sind sie besonders stark auf die emotionale und praktische Unterstützung ihrer Partnerin angewiesen“, erklärt Studienleiter Koichiro Shiba in einer Mitteilung der Boston University.3 Möglicherweise hatten Männer daher weniger Gelegenheiten, soziale Kontakte zu pflegen, und fühlen sich nach dem Verlust ihrer Partnerin isoliert. Auch für das gesteigerte Witwen-Glück hat der Wissenschaftler eine Vermutung. „Japanische Frauen sind viel häufiger die Hauptpflegepersonen ihrer Partner. Fällt diese Belastung weg, haben sie mehr Zeit für sich und ihre Interessen.“
Stärken und Schwächen der Studie
Mit insgesamt 34.000 Beobachtungen, die sich auf drei Zeiträume verteilen, ist dies die bislang größte und ausführlichste Studie ihrer Art. Zusätzlich geht sie mit ihren zahlreichen Fragen besonders in die Tiefe. Dies ist insofern interessant, als das Thema Trauer noch viel zu wenig erforscht ist, wie die Studienautoren betonen. Bisherige Untersuchungen konzentrierten sich vor allem auf die Auswirkung bei Frauen, da sie aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung häufiger betroffen sind.4 Wichtiger Aspekt: Die Antworten basieren auf Selbstauskünften. In der japanischen Kultur ist es eher unüblich, negative Gefühle klar zu benennen. Daher sind Verzerrungen nicht ausgeschlossen. Und: Wie jede Beobachtungsstudie kann sie keine Aussagen über Ursache und Wirkung machen. Sie zeigt jedoch einmal mehr auf, wie traditionelle Geschlechterrollen die Männergesundheit beeinflussen.
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Was jetzt dringend erforscht werden muss
Trotz einiger aufschlussreicher Erkenntnisse bleiben viele Fragen offen. Zum einen unterscheiden sich die japanische Kultur, ihre Geschlechterrollen und sozialen Systeme stark von den westlichen. Deshalb ist unklar, inwieweit sich die Ergebnisse, die zudem nur für ältere Personen gelten, übertragen lassen und welche Rolle die Beziehungsqualität der einzelnen Paare spielt. „Auch wenn der allergrößte Anteil kulturellen und sozialen Ursachen geschuldet ist, könnten biologische Mechanismen den Effekt verstärken“, erklärt Studienleiter Prof. Kenjiro Kawaguchi auf Anfrage von FITBOOK. „Trauerbedingter Stress kann beispielsweise die HPA-Achse aktivieren und entzündliche Marker erhöhen. Darauf reagieren Frauen und Männer unterschiedlich.“ Aber auch hier besteht weiterer Forschungsbedarf.
Das rät der Studienleiter betroffenen Familienmitgliedern
Trotz enormer Unterschiede bezüglich Gesundheitssystemen und Normen hält Kawaguchi die Ergebnisse im Groben dennnoch auch auf Deutschland für übertragbar. „So zeigte eine deutsche Studie außerdem, dass Männer anfälliger dafür sind, später depressive Symptome zu entwickeln.“ Ein Aspekt lässt sich universal ableiten: Wie alle Menschen sollten auch Männer in seelisch schmerzhaften Phasen nicht allein gelassen werden. Das bedeutet, mit ihnen über Gefühle zu sprechen und sie aktiv dabei zu unterstützen, am sozialen Leben teilzunehmen. Wie kann ich meinem trauernden Großvater oder Vater konkret helfen? „Das erste Jahr nach einem Trauerfall ist eine besonders kritische Phase. Unterstützen Sie ihn dabei, ein soziales Netz aufzubauen, auf das er sich verlassen kann. Halten Sie Kontakt und stellen Sie sicher, dass er regelmäßig zum Arzt geht.“ Laut dem Wissenschaftler ist die zentrale Botschaft, dass der Tod der Ehefrau nicht nur das Gefühlsleben beeinflusst, sondern obendrein auf körperlicher und kognitiver Ebene ernsthaft krank machen kann.