25. September 2025, 20:27 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Kaum jemand bleibt verschont: Vier von fünf Personen erleben im Laufe ihres Lebens körperliche Beschwerden, für die sich keine eindeutige Ursache finden lässt. Ob Rückenschmerzen, Herzklopfen oder Magenprobleme – am Ende beim Arzt heißt es: „Alles in Ordnung.“ Doch was steckt dahinter, wenn der Körper Alarm schlägt, obwohl medizinisch nichts vorliegt? Die Antwort steckt hinter einem Begriff, den viele noch nie gehört haben: somatoforme Störungen.
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Übersicht
Was sind somatoforme Störungen?
Somatoforme Störungen sind psychische Erkrankungen, bei denen Betroffene immer wieder unter körperlichen Beschwerden leiden, für die sich trotz gründlicher medizinischer Untersuchungen keine organische Ursache finden lassen. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, diese Symptome als bloß eingebildet oder vorgetäuscht abzutun. Vielmehr entsteht die Erkrankung durch ein komplexes Zusammenspiel von psychischen und körperlichen Faktoren. Für die Betroffenen sind die Beschwerden sehr real und gehen oft mit erheblichem Leidensdruck einher. „Betroffene müssen ständig erleben, dass sie mit ihren körperlichen Beschwerden nicht mehr ernst genommen werden, müssen sich ständig rechtfertigen, fühlen sich schuldig und ziehen sich immer mehr zurück“, erklärt die Diplompsychologin Sandra Jankowski auf FITBOOK-Nachfrage. Somatoforme Störungen gehören zu den häufigsten, aber oft auch am wenigsten verstandenen psychischen Erkrankungen.1
Es wird angenommen, dass die körperlichen Beschwerden bei somatoformen Störungen als unbewusster Versuch entstehen, innere seelische Konflikte zu lösen. Häufig spielt dabei eine starke emotionale Anspannung eine entscheidende Rolle.
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Mögliche Auslöser
Die folgenden Auslöser sind mit Vorsicht zu betrachten, all diese Aspekte können einen erheblichen Einfluss auf die Psyche haben und starke emotionale Anspannung verursachen, sind aber auch sehr weitreichend und müssen nicht zwangsläufig zu einer Erkrankung führen:
- Beruflicher Stress ohne Anerkennung oder Belohnung
- Erfahrungen von Entwertung oder Herabsetzung
- Wahrnehmung nachlassender Leistungsfähigkeit
- Spannungen im Arbeitsumfeld, z. B. durch betriebliche Umstrukturierungen
- Konflikte in Beziehungen
- Verlust oder Tod einer nahestehenden Person
- Finanzielle Schwierigkeiten oder Arbeitslosigkeit
- Ungelöste innere Konflikte aus der Kindheit
Symptomatik
Bei rund 90 Prozent der Patienten verschwinden die Symptome im Laufe der Zeit wieder von selbst. Bei etwa zehn Prozent jedoch bleibt die Symptomatik bestehen und nimmt einen chronischen Verlauf. Außerdem können die Symptome auch schon früh variieren, z. B. unterschiedliche Organsysteme betreffen. Die folgenden Symptome sind typische Erscheinungen:
- Anhaltende Schmerzen (z. B. Kopf-, Rücken- oder Bauchschmerzen)
- Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung
- Herz-Kreislauf-Symptome wie Herzrasen, Brustschmerzen oder Schwindel
- Atembeschwerden, Engegefühl oder Kurzatmigkeit
- Erschöpfungs- und Schwächegefühle
- Taubheitsgefühle, Kribbeln oder andere Missempfindungen
Doctor-Hopping
Bei Betroffenen von somatoformen Störungen ist häufig das Phänomen des sogenannten „Doctor-Hoppings“ zu erkennen. Damit ist gemeint, dass Betroffene immer wieder verschiedene Ärzte aufsuchen, in der Hoffnung, endlich eine körperliche Erklärung oder wirksame Behandlung für ihre Beschwerden zu finden. Da die Symptome sehr real und oftmals belastend sind, wächst bei jedem ausbleibenden Befund die Unsicherheit und das Misstrauen gegenüber Ärzten.
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Die anspruchsvolle Diagnostik
Bei somatoformen Störungen gibt es keine „klassische“ oder einfach nachweisbare Diagnose im Sinne eines eindeutigen Tests oder Labornachweises. Die Diagnose basiert auf einer ausführlichen Anamnese (Gespräch über Beschwerden, Lebensumstände, psychische Belastungen) und dem Ausschluss organischer Ursachen. Die Ärzte müssen sorgfältig prüfen, ob hinter den wiederkehrenden körperlichen Beschwerden eine körperliche Erkrankung steckt. Erst wenn diese ausgeschlossen wurde und die Beschwerden über einen längeren Zeitraum anhalten, wird an eine somatoforme Störung gedacht.
Die genauen diagnostischen Kriterien unterscheiden sich je nach Form der somatoformen Störung.2
Die Psychologin betont, dass es einerseits wichtig sei, psychische Störungen in der Gesellschaft zu entstigmatisieren und andererseits Ärzte zu sensibilisieren. „Ein Grund, warum es somatoforme Störungen gibt, liegt ja darin begründet, dass die Betroffenen es für sich ablehnen, einen psychischen Grund für Ihre körperlichen Symptome zu sehen, aus Angst dann von anderen nicht mehr als vollwertiger Mensch gesehen zu werden. Auch wenn ihnen das in dem Moment nicht bewusst ist“, so Janowski.
Beide Seiten, also Patient und medizinischer Apparat, müssen eine besondere Sensibilität aufweisen. Ärzte, Therapeuten und medizinisches Fachpersonal dürfen Patienten nicht mit Vorurteilen konfrontieren. Und auf der anderen Seite darf der Patient eine psychische Komponente nicht grundlegend ablehnen. Viele Betroffene tun sich schwer damit, eine psychiatrische Diagnose zu erhalten. Da beide Seiten sehr labil und Potenzial zu Konflikten haben, ist es besonders wichtig, dass ein gutes Verhältnis besteht.
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Verschiedene Formen
Somatisierungsstörung
- vielfältige, wiederholt auftretende körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Magendarmprobleme oder Kreislaufbeschwerden
- Beschwerden bestehen mindestens zwei Jahre
- Organische Ursache kann nicht gefunden werden
- Häufige Arztbesuche, ohne dass ein eindeutiger Befund gestellt wird
Undifferenzierte somatoforme Störung
- Eine oder mehrere körperliche Beschwerden, weniger ausgeprägt als bei der Somatisierungsstörung
- Beschwerden halten mindestens mehrere Monate an
- Keine ausreichende organische Erklärung
- Deutliche Beeinträchtigung im Alltag
Hypochondrische Störung
- Überzeugung, an einer schweren körperlichen Krankheit zu leiden
- Starke Angst vor einer Erkrankung trotz wiederholt negativer ärztlicher Befunde
- Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit und Körpersymptomen
- Beeinträchtigung des alltäglichen Lebens durch Angst
Somatoforme autonome Funktionsstörung
- Beschwerden, die Organfunktionen wie Herz, Magen, Darm oder Atmung betreffen
- Typische Symptome: Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, Magenbeschwerden
- Keine ausreichende organische Ursache nachweisbar
Anhaltende somatoforme Schmerzstörung
- Andauernder und quälender Schmerz, der durch keine körperliche Ursache erklärt werden kann
- Schmerz steht im Vordergrund der Symptomatik
- Mindestens sechs Monate andauernd
- Oft Zusammenhang mit emotionalen oder psychosozialen Belastungen
Sonstige somatoforme Störungen
- körperliche Beschwerden, die keiner der oben genannten Kategorien klar zugeordnet werden können
- Keine ausreichende organische Erklärung
- Symptome führen zu erheblicher Beeinträchtigung
- Beispiele: einzelne, nicht näher spezifizierte Beschwerden
Nicht näher bezeichnete somatoforme Störung
- Körperliche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursache
- Kriterien der anderen Formen werden nicht erfüllt
- Unspezifische oder vorübergehende Beschwerden
- Diagnose wird genutzt, wenn keine genauere Zuordnung möglich ist
Behandlung
Die Behandlung setzt in der Regel auf mehrere Säulen.3 Zunächst ist es wichtig, die Beschwerden der Betroffenen ernst zu nehmen und eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung aufzubauen. Ein zentraler Bestandteil der Therapie ist die psychotherapeutische Behandlung, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie. Hier lernen die Patienten, die Zusammenhänge zwischen seelischer Anspannung und körperlichen Symptomen zu erkennen und neue Strategien im Umgang mit Stress zu entwickeln. Ergänzend können auch Entspannungsverfahren, körperliche Aktivierung oder gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung nötig sein, wenn zum Beispiel begleitende Depressionen oder Angststörungen auftreten. Darüber hinaus können nach Einschätzung der Expertin auch Verfahren wie Akupunktur, Hypnose oder Hydrotherapie eine hilfreiche Ergänzung sein.