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In den ersten Wochen nach Geburt

So verändert Vaterschaft das Gehirn von Männern

Das Gehirn von Männern verändert sich mit der Vaterschaft. Neue Daten zeigen mögliche Folgen für die Psyche im Alltag.
Das Gehirn von Männern verändert sich mit der Vaterschaft. Neue Daten zeigen mögliche Folgen für die Psyche im Alltag. Foto: OlgaPankova
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Friederike Ostermeyer
Freie Autorin

26. Mai 2026, 14:08 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Vaterschaft verändert das männliche Gehirn. Und zwar deutlich, wie eine aktuelle Studie aus Deutschland zeigt. FITBOOK erklärt, was die beteiligten Forscherinnen genau herausgefunden haben und welche Folgen die neuesten Erkenntnisse zur Vaterrolle und Psyche für Politik und Gesellschaft haben könnten.

Vor ca. drei Jahren sorgte diese Erkenntnis für Aufsehen in der Hirnforschung: Werdende Mütter durchlaufen während ihrer ersten Schwangerschaft eine Art „Muttertät“ (FITBOOK berichtete). Das heißt, Hormone setzen einen neuronalen Umbau in Gang, der unter anderem die Mutter-Kind-Bindung stärken soll. Nun gingen Forscherinnen der RWTH Aachen der naheliegenden Frage nach, ob und inwieweit die Vaterschaft das Gehirn von Männern verändert. Frühere Studien lieferten bislang widersprüchliche Ergebnisse. Manche fanden Veränderungen im Gehirn, andere kaum.1,2 Außerdem wurden Väter oft nur ein- oder zweimal untersucht.

Neue Rolle, „neues Gehirn“? Warum die Vermutung auch für frischgebackene Väter naheliegt

Die meisten Väter spüren instinktiv, dass sich auch bei ihnen etwas verändert, während sie ihr Baby durch die ersten Wochen begleiten. Dazu gehört das Bedürfnis, den kleinen Familienneuzugang zu beschützen, zu trösten und zu umsorgen, aber auch ein ganz neues Gefühl zu lieben. Intensive Lebenserfahrungen, wozu die Geburt eines Kindes eindeutig gehört, hinterlassen Spuren im Gehirn. Verändert also auch die Vaterschaft das männliche Gehirn messbar? Falls ja, welche Hirnregionen sind betroffen? Hängen diese Veränderungen mit der emotionalen Bindung zum Baby zusammen? Die neuesten Ergebnisse zu diesem Thema wurden aktuell in der Fachzeitschrift „Translational Psychiatry“ veröffentlicht.3

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Neues Studiendesign zu Vaterschaft und Gehirn soll Aufschluss geben

Das Forscherinnenteam um Studienleiterin Negin Daneshnia untersuchte die Gehirne von 25 biologischen Vätern (Durchschnittsalter 33 Jahre) während der ersten Wochen mit ihrem Baby. Spannend dabei: Die meisten von ihnen (80 Prozent) hielten zum ersten Mal ein eigenes Kind im Arm. Die Forscherinnen führten hochauflösende MRT-Scans durch, die insgesamt sechsmal wiederholt wurden. Der erste Scan erfolgte innerhalb der ersten Woche nach der Geburt, der letzte nach 24 Wochen „Papazeit“. Während der einzelnen Sitzungen schaute das Team nach Veränderungen in der grauen Substanz, die wichtig für Denken, Emotionen und die Verarbeitung sozialer Informationen ist. Außerdem wurde untersucht, ob einzelne Hirnverbindungen stärker oder schwächer kommunizierten. Ebenso füllten die Väter wiederholt Fragebögen aus, in denen unter anderem Verbundenheitsgefühle, Freude am Kontakt mit dem Baby, aber auch Gereiztheit bis hin zur Ablehnung erfragt wurden. Mit einer beachtlichen Menge an Datensätzen machte sich das Team an die Analyse und Auswertung.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • In den ersten Wochen nach der Geburt nahm das Volumen der grauen Substanz in mehreren Regionen ab. Nach etwa 12 Wochen begann sich diese langsam wieder aufzubauen.
  • Dieser scheinbare Verlust an grauer Substanz gilt nicht als Hirnschädigung, sondern entspricht dem Trend, der im weiblichen Gehirn im Verlauf der Schwangerschaft zu beobachten ist. Bei Männern wird dieser Trend vermutlich weniger durch Hormone, sondern durch Erfahrung, Motivation, das persönliche Selbstverständnis, ein guter Vater sein zu wollen, Schlafmangel etc. ausgelöst.
  • Die Forscherinnen entdeckten weitere Veränderungen in Regionen, die für Emotionen, Empathie und soziale Wahrnehmung zuständig sind. Es zeigte sich ihre sanftmütige Seite. Dies deutet darauf hin, dass sich das Vatergehirn an die Bedürfnisse eines hilflosen Babys anpasst. Dabei lernt das Gehirn regelrecht um: Die Forscherinnen beobachteten eine Verschiebung weg von der bloßen Verarbeitung von Sinnesreizen hin zu komplexeren emotionalen und kognitiven Prozessen.
  • Das Gehirn reagiert also weniger auf das reine „Rauschen“ der Reize und konzentriert sich stattdessen voll auf das Verstehen und Fühlen der kindlichen Bedürfnisse
  • Interessant: Je stärker die emotionale Bindung der Väter laut Fragebögen war, desto stärker zeigte sich teilweise die Vernetzung in den Scans.
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Einschränkungen und offene Fragen

Da es sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kontrollgruppe handelte, lässt sich nicht eindeutig beweisen, dass die Hirnveränderungen direkt durch die Vaterschaft entstehen. Auch ist nicht klar, welchen Unterschied beispielsweise kulturelle Gegebenheiten, gleichgeschlechtliche Eltern, Adoptivväter, „männliche“ Hormone oder längere Abwesenheiten von Vätern haben. All dies müsse noch untersucht werden, betonen, heißt es abschließend. Trotzdem gilt die Studie als aussagekräftig, da dieselben Männer über einen Zeitraum von sechs Monaten mehrfach untersucht wurden.

Väterliche Gefühle ernst nehmen – eine Studie von großer gesellschaftlicher Relevanz

Lange Zeit ging man davon aus, dass das menschliche Gehirn fest verdrahtet und unfähig zur Veränderung sei. Heute ist klar, dass sich das Gehirn ein Leben lang anpassen kann. Die aktuelle Studie ist eine der bislang klarsten Untersuchungen darüber, was im Gehirn eines Mannes in den ersten Wochen der Vaterschaft passiert. Auch wenn er keine physische Schwangerschaft erlebt, ist seine Vaterschaft eine lebensverändernde Erfahrung, die sich im Gehirn widerspiegelt. Dies deutet wiederum darauf hin, dass die Vaterrolle und die Vater-Kind-Bindung evolutionär entscheidend für das gesellschaftliche Zusammenleben sind. Ob für zukünftige Beschlüsse in der Familienpolitik oder für Forschung zu postpartalen Depressionen bei Männern: Die Arbeit des Aachener Forscherteams trägt dazu bei, die Rolle von Vätern biologisch und psychologisch noch ernster zu nehmen.

Quellen

  1. Kim, P., Rigo, P., Mayes, LC. et al. (2014). Neural plasticity in fathers of human infants. Soc Neurosci. ↩︎
  2. Martínez-García, M., Paternina-Die, M. et al. (2023). First-time fathers show longitudinal gray matter cortical volume reductions: evidence from two international samples. Cereb Cortex. ↩︎
  3. Daneshnia, N., Losse, E.M., Kurz, A. et al. (2026). The paternal brain: longitudinal insights into structural and functional plasticity and attachment over 24 weeks postpartum. Translational Psychiatry ↩︎

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