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Neue Harvard-Studie

Wie Musikstreaming unsere geistige Aufmerksamkeit beeinflussen könnte

Beim Autofahren verarbeitet das Gehirn zahlreiche Reize. Eine Studie zeigt, wie Musikstreaming dabei mit Ablenkung zusammenhängen könnte.
Beim Autofahren verarbeitet das Gehirn zahlreiche Reize. Eine Studie zeigt, wie Musikstreaming dabei mit Ablenkung zusammenhängen könnte. Foto: Getty Images
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Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

19. August 2026, 9:28 Uhr | Lesezeit: 11 Minuten

Unser Gehirn kann leichter abgelenkt werden, als wir im Alltag bemerken. Besonders beim Autofahren kann das entscheidend sein: Während wir den Verkehr beobachten und auf andere Fahrzeuge reagieren, können Smartphone, Musik und Infotainmentsystem zusätzlich Aufmerksamkeit beanspruchen. Doch welche Rolle spielt Musikstreaming dabei? Eine neue US-Studie nähert sich dieser Frage über die Veröffentlichung großer Musikalben – Tage, an denen Millionen Menschen besonders viel streamen.

Warum die Forscher Musikstreaming untersuchten

Die 2026 in „JAMA Network Open“ veröffentlichte Studie von Vishal R. Patel und seinen Kollegen untersuchte, ob stark steigendes Musikstreaming mit einer höheren Zahl von Verkehrstoten zusammenhängt. Dahinter steht die Frage, ob Smartphone-gestütztes Streaming die Aufmerksamkeit beim Autofahren zusätzlich beanspruchen könnte.1

Die Autoren nennen dafür mehrere mögliche Wege: Fahrer können ihr Smartphone bedienen, Musik auswählen oder mit dem Infotainmentsystem interagieren. Zudem verweisen sie auf frühere Untersuchungen, nach denen auch das Musikhören selbst ablenken kann. Aufmerksamkeit ist dabei eine kognitive Leistung: Sie wird benötigt, um Informationen aus dem Verkehr aufzunehmen, zu verarbeiten und darauf zu reagieren.

Album-Releases ermöglichten den Vergleich

Direkt testen lässt sich die Frage im realen Straßenverkehr nicht, weil Forscher Autofahrer nicht gezielt einer möglichen Ablenkung aussetzen können. Deshalb nutzten sie die Veröffentlichungstage besonders erfolgreicher Alben. An diesen Tagen steigt das Musikstreaming stark an. Die Veröffentlichungstermine gelten dabei unabhängig davon, wie hoch an einem bestimmten Tag das Risiko für Verkehrsunfälle ist.

Welche Daten die Forscher ausgewertet haben

Analysiert wurden Verkehrsdaten aus den USA vom 1. Januar 2017 bis zum 31. Dezember 2022. Sie stammten aus dem „Fatality Analysis Reporting System“ (FARS), dem offiziellen US-Register für tödliche Verkehrsunfälle auf öffentlichen Straßen. Insgesamt erfasste die Untersuchung 233.809 Verkehrstote.

Für die Musiknutzung verwendeten die Forscher Spotify-Daten. Sie wählten die zehn Alben mit den höchsten Streamingzahlen an einem einzelnen Tag zwischen 2017 und 2022 aus und untersuchten jeweils den Veröffentlichungstag sowie die zehn Tage davor und danach.

Immer wieder freitags

Die meisten großen Alben erschienen an einem Freitag. Das musste bei der Auswertung berücksichtigt werden, weil sich das Unfallgeschehen je nach Wochentag unterscheiden kann. Die Forscher bezogen deshalb Wochentag, Feiertage, Kalenderwoche und Jahr in ihre Berechnungen ein. Das Zeitfenster von zehn Tagen vor und nach einem Release enthielt außerdem denselben Wochentag jeweils eine Woche davor und danach.

So prüften die Forscher andere Erklärungen

Zusätzlich führten die Wissenschaftler mehrere Kontrollanalysen durch. Sie ersetzten die echten Album-Releases durch zehn zufällige Tage und separat durch zehn zufällige Freitage aus den Jahren 2017 bis 2022. Beide Berechnungen wiederholten sie jeweils 1000-mal.

Zudem betrachteten sie die entsprechenden Kalenderdaten in anderen Jahren. Freitagsveröffentlichungen wurden zusätzlich direkt mit dem Freitag sieben Tage davor und sieben Tage danach verglichen. Die Autoren bezeichnen dieses Vorgehen als quasi-experimentell. Vereinfacht bedeutet das: Die Forscher führten kein künstliches Experiment durch, sondern nutzten Ereignisse aus dem wirklichen Leben, um unterschiedliche Zeiträume miteinander zu vergleichen.

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An Album-Releases wurde 43 Prozent mehr gestreamt

In den zehn Tagen vor und nach einer Albumveröffentlichung kamen die 200 meistgestreamten Songs auf Spotify auf durchschnittlich 86,1 Millionen Streams pro Tag. Am Release-Tag stieg die Zahl auf 123,3 Millionen – ein Plus von 43 Prozent. Bei jedem der zehn untersuchten Alben wurde an diesem Tag der höchste Streamingwert erreicht.

Gleichzeitig lag die Zahl der Verkehrstoten höher

Nach statistischer Berücksichtigung von Feiertagen, Wochentag, Kalenderwoche und Jahr lag die berechnete Zahl der Verkehrstoten an den Veröffentlichungstagen bei durchschnittlich 139,1. An den Vergleichstagen waren es 120,9.

Der Unterschied betrug damit 18,2 Todesfälle pro Veröffentlichungstag, genauer gesagt 15,1 Prozent. Der Unterschied war statistisch signifikant. Das bedeutet vereinfacht: Die statistische Auswertung spricht dagegen, dass die Differenz allein durch zufällige Schwankungen zustande kam. Über die zehn untersuchten Veröffentlichungstage entspricht der berechnete Unterschied laut den Autoren ungefähr 182 Verkehrstoten.

Hielt das Ergebnis weiteren Prüfungen stand?

Bei den 1000 Berechnungen mit zufälligen Tagen trat ein mindestens ebenso großer Unterschied wie beim tatsächlichen Ergebnis in 14 Fällen auf. Bei den 1000 Berechnungen mit zufälligen Freitagen geschah dies in 20 Fällen.

Auch wenn ausschließlich Albumveröffentlichungen an Freitagen mit den Freitagen genau eine Woche davor und danach verglichen wurden, blieb die Zahl der Verkehrstoten an den Release-Tagen erhöht. Das Verhältnis betrug 1,13 – auf 100 Verkehrstote an den Vergleichsfreitagen kamen rechnerisch 113 an den Veröffentlichungstagen.

Die Forscher wiederholten ihre Analyse außerdem mit den fünf, zehn, 15, 20 und 25 Alben mit den höchsten Streamingzahlen. In allen diesen Berechnungen blieb die Zahl zusätzlicher Verkehrstoter positiv und statistisch signifikant. Bei neun der zehn ursprünglich ausgewählten Alben lag die Zahl am Veröffentlichungstag ebenfalls über der an vergleichbaren Wochentagen.

Was die Ergebnisse mit unserer Aufmerksamkeit zu tun haben könnten

Als mögliche Erklärung diskutieren die Autoren Ablenkung durch Smartphone-gestütztes Musikstreaming. Dabei geht es nicht ausschließlich darum, ob ein Fahrer auf sein Handy schaut. Das Bedienen des Smartphones kann Aufmerksamkeit beanspruchen. Gleiches gilt für die Interaktion mit einem Infotainmentsystem. Darüber hinaus nennen die Autoren Geräusche beziehungsweise Musik und die Reaktion des Menschen auf die Musik als mögliche Quellen der Ablenkung.

Sie verweisen dabei auf frühere Untersuchungen, nach denen sowohl die Steuerung von Musik über verschiedene Geräte als auch das Musikhören selbst beim Autofahren ablenken können.2

Auch geistige Aufmerksamkeit kann abgezogen werden

Die Autoren beziehen sich ausdrücklich auf die kognitiven Anforderungen des Fahrens. Damit sind die geistigen Aufgaben gemeint, die nötig sind, um eine Verkehrssituation wahrzunehmen, Informationen zu verarbeiten und angemessen darauf zu reagieren. Smartphone-Nutzung kann Aufmerksamkeit von diesen geistigen und körperlichen Aufgaben abziehen. Die Autoren sehen in der Ablenkung deshalb einen möglichen Mechanismus hinter ihren Ergebnissen.

Die aktuelle Studie hat die Aufmerksamkeit der einzelnen Fahrer allerdings nicht gemessen. Sie zeigt daher nicht, wie stark Streaming Konzentration oder Reaktionsfähigkeit verändert. Ebenso wurden keine langfristigen Auswirkungen auf das Gehirn untersucht.

Bei jüngeren Fahrern fiel der Unterschied größer aus

In zusätzlichen Analysen betrachteten die Wissenschaftler verschiedene Gruppen. Bei Fahrern unter 40 Jahren errechneten sie an den Veröffentlichungstagen 7,8 zusätzliche Verkehrstote. Bei Fahrern ab 65 Jahren waren es 4,1.

Die Autoren nennen als mögliche Erklärung, dass jüngere Menschen häufiger Musik streamen. Dafür verweisen sie auf eine andere, im Studienartikel zitierte Erhebung: Demnach hatten 2022 in den USA 87 Prozent der 12- bis 34-Jährigen innerhalb des vorherigen Monats Streaming-Audio genutzt. Bei den 35- bis 54-Jährigen waren es 81 Prozent und bei Menschen ab 55 Jahren 52 Prozent.

Auch zwischen Männern und Frauen gab es Unterschiede

Bei männlichen Fahrern errechneten die Forscher an den Album-Veröffentlichungstagen 13,5 zusätzliche Verkehrstote, bei weiblichen Fahrern 4,4.

Diese Zahlen sagen nicht aus, um wie viel das persönliche Unfallrisiko eines jungen oder männlichen Fahrers durch Musikstreaming steigt. Die Analyse betrachtete die Zahl der Todesfälle innerhalb der jeweiligen Gruppen und nicht das individuelle Risiko einzelner Menschen. Zudem waren diese Gruppenanalysen explorativ. Das bedeutet: Sie dienten der Suche nach möglichen Mustern, waren aber nicht für einzelne Hypothesentests vorab festgelegt. Außerdem wurden die Ergebnisse nicht dafür korrigiert, dass zahlreiche statistische Vergleiche vorgenommen wurden.

Was Taylor Swift mit der Studie zu tun hat

Taylor Swift war gleich mit drei Veröffentlichungen unter den zehn untersuchten Alben vertreten. An der Spitze stand „Midnights“: Das Album erschien am 21. Oktober 2022 und erreichte am ersten Tag 184.695.609 Streams auf Spotify.

„Red (Taylor’s Version)“ kam auf 90.556.180 Streams, „Folklore“ auf 79.443.136. Auch Drake war mehrfach vertreten. „Certified Lover Boy“ erreichte am ersten Tag 153.441.565 Streams und „Scorpion“ 132.384.203. Weitere untersuchte Veröffentlichungen stammten unter anderem von Bad Bunny, Kendrick Lamar und Harry Styles.

Untersucht wurde nicht die Musik der Stars

Die Forscher verglichen nicht, ob Taylor Swift, Drake oder andere Künstler unterschiedlich stark ablenken. Auch einzelne Songs oder Musikrichtungen wurden nicht auf ihre Wirkung auf die Aufmerksamkeit untersucht. Entscheidend für die Auswahl waren die hohen Streamingzahlen. Die Album-Releases lieferten den Forschern klar bestimmbare Tage mit besonders hoher Streaming-Nutzung.

Warum Alleinfahrer in der Analyse auffielen

Bei Unfällen mit nur einem Fahrzeuginsassen fiel der Anstieg der Verkehrstoten an Veröffentlichungstagen stärker aus als bei Unfällen mit mehreren Insassen. Die Autoren diskutieren dafür zwei mögliche Erklärungen. Ein Beifahrer könnte beispielsweise die Bedienung des Streamingdienstes übernehmen. Zudem könnte ein Fahrer mit Mitfahrern seltener selbst mit seinem Smartphone interagieren.

Ob dies tatsächlich geschah, wurde nicht untersucht. Die Daten enthielten keine Information darüber, wer im Fahrzeug Smartphone oder Musiksystem bediente.

Infotainmentsysteme fielen ebenfalls in der Analyse auf

Die Wissenschaftler verglichen Fahrzeuge mit und ohne eine bestimmte Infotainment-Plattform. Bei Autos mit dieser Funktion fiel der Anstieg der Verkehrstoten an den Album-Veröffentlichungstagen stärker aus. Weil solche Systeme vor allem in neueren Fahrzeugen verbreitet sind, beschränkte sich diese Analyse auf Modelle ab 2016.

Als mögliche Erklärungen nennen die Autoren zwei gegensätzliche Effekte: Funktionen wie die freihändige Sprachsteuerung könnten Ablenkung verringern. Der einfachere Zugriff könnte Fahrer aber auch dazu bringen, häufiger Streamingfunktionen zu nutzen. Welche Erklärung zutrifft, lässt sich aus den Daten nicht bestimmen.

Unterschiede bei Alkohol und Wetter

Bei nüchternen Fahrern und klarem Wetter fiel der Anstieg der Verkehrstoten größer aus. Nach Ansicht der Autoren spricht der erste Befund gegen Alkohol als wichtigste Erklärung. Bei guten Wetterbedingungen könnten sich Fahrer zudem sicherer fühlen und sich dadurch leichter ablenken lassen.

Zwischen Tag und Nacht sowie zwischen Stadt und Land zeigten sich keine klaren Unterschiede. Diese zusätzlichen Analysen liefern lediglich Hinweise und müssen vorsichtig interpretiert werden.

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Was die Studie für die kognitive Gesundheit bedeutet

Beim Autofahren muss unser Gehirn konstant Informationen aufnehmen, einordnen und schnell darauf reagieren. Smartphone und Musikstreaming können gleichzeitig Aufmerksamkeit beanspruchen. Die Autoren sehen darin eine mögliche Erklärung dafür, warum an Tagen mit besonders viel Streaming auch mehr Verkehrstote registriert wurden.

Die Studie ergänzt frühere Untersuchungen aus Fahrsimulationen und Befragungen um Daten aus dem realen Straßenverkehr. Sie zeigt allerdings nicht, wie stark Musikstreaming die Konzentration oder Reaktionsfähigkeit eines einzelnen Fahrers beeinflusst, denn diese Fähigkeiten wurden nicht direkt gemessen.

Auch über langfristige Folgen für das Gehirn, etwa für das Gedächtnis, sagt die Untersuchung nichts aus. Im Mittelpunkt steht die kurzfristige Aufmerksamkeit – und die Frage, ob digitale Medien davon etwas beanspruchen, während sie für das sichere Fahren benötigt wird.

Was die Studie nicht beweisen kann

Die zentrale Einschränkung: Die Wissenschaftler konnten nicht feststellen, ob die tödlich verunglückten Fahrer überhaupt Musik streamten. Die Spotify-Daten zeigen lediglich, dass auf der Plattform an den untersuchten Tagen insgesamt deutlich mehr Musik gehört wurde. Die zusätzlichen Streams könnten während Autofahrten entstanden sein, aber ebenso zu Hause, bei der Arbeit oder bei Beifahrern.

Umgekehrt enthält das Unfallregister keine Information darüber, ob ein Fahrer unmittelbar vor einem Unfall einen Song auswählte, das Infotainmentsystem bediente oder auf andere Weise mit einem Smartphone interagierte. Damit lässt sich der beobachtete Zusammenhang nicht eindeutig auf Musikstreaming am Steuer zurückführen. Trotz der verschiedenen Kontrollanalysen können andere Einflussfaktoren nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Weitere Grenzen der Untersuchung

Die Studie erfasste ausschließlich tödliche Verkehrsunfälle. Ob an Album-Veröffentlichungstagen auch mehr nicht tödliche Unfälle oder andere Formen abgelenkten Fahrens auftraten, wurde nicht untersucht.

Spotify wurde genutzt, um die größten Album-Releases zu bestimmen und die Veränderung der Streamingzahlen zu messen. Menschen hören Musik jedoch auch über andere Streamingdienste und andere Formate. Die Autoren weisen deshalb darauf hin, dass ihre Schätzung den Effekt der Albumveröffentlichungen über Plattformen und Formate hinweg widerspiegelt. Die Ergebnisse zu Alter, Geschlecht, Alleinfahrern, Alkohol, Wetter und Infotainmentsystemen stammen aus zusätzlichen Gruppenanalysen und sind zurückhaltender zu interpretieren als das Hauptergebnis.

Interessenkonflikte der Autoren
Christopher M. Worsham berichtete über Honorare verschiedener Unternehmen und Medien, Einnahmen aus Buchrechten sowie Vortragshonorare in den vergangenen 36 Monaten. Anupam B. Jena gab ebenfalls persönliche Honorare verschiedener Unternehmen und Medien sowie eine unbezahlte Vorstandstätigkeit beim United Network for Organ Sharing an. Laut Studienartikel standen diese Tätigkeiten nicht im Zusammenhang mit der eingereichten Arbeit. Für die übrigen Autoren wurden keine weiteren Interessenkonflikte angegeben.

Quellen

  1. Patel, VR., Worsham, CM., Liu, M., Jena, AB. (2026). Smartphones, Online Music Streaming, and Traffic Fatalities. JAMA Netw Open.  ↩︎
  2. Pushpa, Choudhary,, Akshay, Gupta. et al. (2022). Perceived risk vs actual driving performance during distracted driving: A comparative analysis of phone use and other secondary distractions. Transportation Research Part F: Traffic Psychology and Behaviour. ↩︎

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