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Alkfrei-Kolumne

7 Dinge, die ich in einem Jahr ohne Alkohol gelernt habe

Markus Hofmann
Für die meisten Deutschen unvorstellbar: ein ganzes Jahr ohne Alkohol. Unser Autor, FITBOOK-Redakteur Markus Hofmann, wollte genau das ausprobieren. Und hat es gepackt. Hier sein Fazit.
Foto: FITBOOK

Das Jahr ist um, meine Leber ist saniert und es ist höchste Eisenbahn, ein Fazit zu ziehen. Teil 8 meiner Alkfrei-Kolumne.

2019 habe ich es tatsächlich geschafft, keinen einzigen Tropfen Alk anzurühren. Das schreit natürlich nach einem Fazit. Und zwar darüber, was mich ein ganzes Jahr ohne Alkohol – oder noch besser: 12 (zwölf!) Monate – völligen Nüchternseins gelehrt haben.


Alle Teile der Kolumne:

  1. 7 Gründe, warum ich ein Jahr keinen Alkohol trinken will!
  2. So geht es mir nach einem Monat ohne Alkohol!
  3. Warum meine Alkoholpause eigentlich ein Entzug ist
  4. So hat die Frauenwelt auf meinen Alkoholverzicht reagiert
  5. So hat sich mein Leben nach sechs alkoholfreien Monaten verändert
  6. So lief mein erster Junggesellenabschied ohne Alkohol
  7. An diesem Horror-Tag wäre ich fast schwach geworden
  8. 7 Dinge, die ich in einem Jahr ohne Alkohol gelernt habe
  9. Nach einem Jahr Verzicht – warum ich wieder Alkohol trinke

1) Ich war emotional stabiler

Nein, ich bin kein Emo (oder Emu), ich war auch vor meiner alkfreien Zeit schon ein ziemlich ausgeglichener Mensch. Trotzdem habe ich festgestellt, dass ich an „normalen“ Tagen im letzten Jahr fast durchgehend dieselbe Laune hatte. Zugegeben: Selten fühlte ich mich wirklich euphorisch, dafür spürte ich eine wohlig-verlässliche Zufriedenheit, die mich in den allermeisten Lebenslagen umgab. Wenn ich trinke, ähnelt mein Leben eher einer bewegten Sinuskurve. Es gibt deutliche Stimmungsausschläge nach oben, leider aber auch nach unten. Wer kennt ihn bitte nicht, den Post-Suff-Blues? 2019 glich eher einer Geraden auf sehr passablem Feelgood-Niveau.

2) Ich war niveauvoller

Stichwort Niveau: Wo kein Alkohol getrunken wird, sinkt auch das Niveau (fast gar) nicht in den Keller. Und wenn dann bewusster und kontrollierter.

Oder anders ausgedrückt: 2019 war ein Jahr mit viel weniger Gewissensbissen als die Jahre zuvor. Fast nie wachte ich auf und dachte mir: Was zum Teufel habe ich gestern getan? Kein Wunder, blieb doch der (Trink-)Teufel aus meinem Leben ausgesperrt. Ich baute einfach viel weniger Scheiße und konnte zu 99 Prozent meiner Entscheidungen auch noch einen Tag später stehen.       

3) Ich war authentischer

Ich bilde mir ein, dass ich 2019 viel häufiger nur das gemacht habe, worauf ich wirklich Bock hatte. Ein Beispiel: Die letzten Jahre habe ich mich von meinen Freunden immer wieder dazu mitreißen lassen, in einem Berliner Schickimicki-Club feiern zu gehen. Die Musik dort ist immer gut, die Leute aber arroganter Absturz. Um mich trotz der Gucci-Schal-Knechte zu amüsieren, habe ich ordentlich an der Bar getankt. Teurer und damit nur erkaufter Spaß.

Letztes Jahr sind meine Freunde wieder in dem Laden feiern gewesen, nur diesmal ohne mich. Klar liegt es auch daran, dass Clubs der Endgegner alkfreier Unterhaltung sind, doch in einige (wenige) Tanzschuppen bin ich 2019 ja gegangen. Darum lautet mein Fazit: Ohne Alk ist man authentischer.

4) Ich war klarer

Vielleicht ist man auch authentischer, weil man klarer ist – und weil man klarer sieht, was man will und was nicht.

Die meisten kennen das wahrscheinlich. Man hat ein Wochenende oder ein paar Wochen nichts getrunken und fühlt sich im Oberstübchen gleich frischer. Dieses Gefühl der Klarheit nimmt mit jeder Woche, in der man nichts trinkt, immer weiter zu. Man denkt schneller, erkennt plötzlich viel mehr Zusammenhänge, betrachtet Dinge häufiger in ihrer Tiefe und weiß intuitiv, was als Nächstes am besten für einen wäre. Klingt erschreckend eso, ist aber so. 

Dieses Gefühl der intellektuellen Supermacht wird besonders dann verstärkt, wenn man am Wochenende nachts in Berliner U-Bahnen unterwegs ist. Das ist dann in der Regel auch der Moment, wo man sich fragt: Wirke ich sonst auch immer so peinlich und primitiv? Themawechsel!

5) Dates gingen auch ohne Alkohol

Alkohol macht bekanntlich euphorisch, redselig, mutiger. Alkohol macht uns weniger wählerisch, zumal er in der Regel in schummrigen Bars getrunken wird. Klingt also nach dem perfekten Helferlein, um einem wildfremden Menschen gegenüberzutreten.

Und natürlich habe ich aus obigen Gründen in der Vergangenheit nie auf Alk verzichtet, wenn Dates anstanden. In der Regel habe ich mir sogar schon VORHER ein bis zwei Bier reingestellt, um die Nerven zu beruhigen und/oder mehr Lust auf Smalltalk-Wüsten zu wecken.

All das ging 2019 nicht, aber ich weiß jetzt, dass Dates auch nüchtern gehen. Das hat schon einen ganz einfachen Grund: Durch meinen Alkverzicht hatten wir gleich schon mal ein Thema. Denn wenn Mann beim Date ein alkoholfreies Bier bestellt, bleibt das natürlich nicht unkommentiert.

Weiterer Vorteil: Man trinkt sich keinen Menschen erst schön oder sympathisch, sondern lernt in den paar Stunden die Person so kennen, wie sie ist (oder sich verstellt). Denn einen Suffschleier über der Wahrnehmungsmaschinerie gab es 2019 bei mir nicht. Ich selbst blieb auch viel ruhiger und kontrollierter, möchte aber keinem was vormachen: Dates sind mit Alk vielleicht weniger authentisch, leichter von der Hand gehen sie dann trotzdem.

6) Traurigsein ging auch ohne Alk vorbei

Schon als Heranwachsender lernt man es aus Filmen: Wem das Leben übel mitgespielt hat, der greift als Trost zum Alkohol und spült den Kummer einfach runter. Und klar, Alkohol betäubt und lässt uns ein paar Stunden halbwegs vergessen, warum wir ihm an jenem Tag unsere volle Aufmerksamkeit geschenkt haben. Doch genauso klar ist auch, dass am folgenden Tag die Sorgen und die Traurigkeit noch immer da sind, nur leider jetzt verstärkt durch den Kack-Kater.

Ich bin ein Mensch, der glücklicherweise ein glückliches Leben führt – doch 2019 hatte für mich einen Tiefpunkt parat. An einem Tag im September ging meine letzte Beziehung in die Brüche (auch wenn das Ende alles andere als überraschend kam) und kaum zu Hause angekommen erfuhr ich, dass einer meiner besten Freunde bei einem Autounfall fast ums Leben gekommen wäre. Der Doppelschlag traf mich hart und ja, am liebsten hätte ich nach meinem nächtlichen Krankenhausbesuch zu Bier und Schnaps gegriffen. Ich tat es nicht – und bin bis heute stolz darauf. Denn das war sie: die Reifeprüfung meiner No-Suff-Challenge. Traurigkeit und Entsetzen waren am nächsten Tag noch da, aber eben auch ein klarer Geist, der wusste, was jetzt zu tun war.

7) Wochenenden waren gefühlt doppelt so lang

Last but not least: Als 40 Stunden die Woche arbeitender Mensch hat man wenig Zeit und muss vieles aufs Wochenende schieben. Wenn man – wie ich vor 2019 – am Freitag und/oder Samstag einen guten Zug am Glas hat, ist das Wochenende leider kürzer, als einem lieb ist. Angefangen damit, dass man entweder lange ausschläft (was ich nicht mehr kann) oder zu früh aufwacht und den restlichen Tag gerädert ist. So bleibt dann vieles von dem liegen, was man sich doch für seine zwei freien Tage vorgenommen hatte.

Ganz anders meine Wochenenden 2019: Jeden Samstag – auch wenn ich am Abend davor weg war – wachte ich mit klarer Birne auf und konnte direkt in den Tag starten. Endlich wurden bürokratische Hausaufgaben abgearbeitet, ich ging regelmäßig zum Sport, konnte mich mit insgesamt mehr Menschen treffen und habe zudem noch viel mehr gelesen als die Jahre zuvor. In einem Satz: Ich schob weniger auf und machte einfach!

Darum lautet mein Gesamt-Fazit auch: Ich bin sehr froh darüber, dass mir Ende 2018 die Schnapsidee in den Sinn kam, ein ganzes Jahr lang auf Alk zu verzichten. Es war in jedem Fall die richtige Entscheidung. Warum ich jetzt trotzdem wieder Alkohol trinke, erkläre ich euch beim nächsten Mal.

Und wer letztes Jahr nicht dazu kam (auch wegen zu viel Alk), mich für mein Vorhaben zu beleidigen, kann das immer noch mit einer E-Mail an info@fitbook.de tun.