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KOLUMNE: „MEIN ALKFREIES 2019“

Warum meine Alkoholpause eigentlich ein Entzug ist

Autor Markus Hofmann vor Alkohol
Für die meisten Deutschen unvorstellbar: ein ganzes Jahr ohne Alkohol. Unser Autor, FITBOOK-Redakteur Markus Hofmann, will genau das ausprobieren. Hier kommt Teil 3 der großen FITBOOK-Challenge.
Foto: FITBOOK

In Teil 3 meiner Kolumne habe ich meinen neuen klaren Geist gleich ausgenutzt und über meinen Alkoholkonsum der letzten Jahre nachgedacht. Mit erschreckender Erkenntnis, die mir langfristig aber helfen könnte.

Ich trinke jetzt schon seit fast zwei Monaten keinen Alkohol mehr. Die Tatsache, dass ich das überhaupt erwähne, lässt irgendwie tief blicken, oder? Andererseits kenne ich in meinem Freundeskreis niemanden, der länger als ein paar Wochen auf sein Feierabendbierchen – oder gelegentliches Gerstensaft-Gemetzel – verzichten will. Und kann. Seit Jugendzeiten. Das mag daran liegen, dass ich schlechten Umgang habe. Oder dass Bier und Wein einfach viel zu lecker sind, um davon die Finger zu lassen. Oder dass wir als Gesellschaft einfach nicht mehr ohne können. So oder so, ich bin mir sicher: Die meisten von uns sind in gewisser Hinsicht* „alkoholabhängig“.

Ich trinke, also gin ich

Bevor man mich falsch versteht: Ich meine damit keine klassische Alkoholabhängigkeit, keine körperlichen Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche, Kopfschmerzen. Das ist eine andere Liga und eine verdammt tragische noch dazu. Ich meine etwas Anderes, eine psychisch-soziale Form der Abhängigkeit. Genauer gesagt: die Beobachtung, dass sich in uns das Weltbild verankert hat, Alkohol gehöre einfach dazu. Zu einem Wochenende, zu einem Geburtstag, zu einem Feiertag. Als würde sich eine unsichtbare kausale Kette zwischen Samstag und Saufen spannen. Ich selbst habe diesen Automatismus die letzten 15 Jahre konsequent und unkritisch gelebt, seitdem ich als frisch gebackener Abiturient gehörig Gefallen am Feierngehen fand.

Ich kenne – und vermisse auch ein wenig – das aufgeregte Kribbeln, wenn die letzten Stunden der Arbeitswoche gezählt sind. Wenn sich das Rudel über Whatsapp zusammentrommelt. Im Zentrum einer jeden Unterhaltung steht dann nicht das Ob, sondern das Wo und Wann des kalkulierten Abschusses.

Auch interessant: Das bringt es, einen Monat auf Alkohol zu verzichten

Noch schlimmer die Unizeiten. Da brauchte man zum Trinken nicht mal einen so spießig anmutenden Anlass wie ein Wochenende, der bloße Studentenstatus war Einladung und fast schon Verpflichtung genug, sich auch mal an einem Dienstag die Kante zu geben. Hätte ich nicht alleine, sondern in einer WG gelebt, ich weiß nicht, ob ich heute nur psychologisch abhängig von Alkohol wäre.

Dabei geht es mir gar nicht darum, Alkohol – jetzt wo ich einmal keinen trinke – in scheinheiliger Von-Saulus-zu-Paulus-Manier schlecht zu machen. Nichts bringt mich schließlich so runter wie ein Bier nach getaner Arbeit. Und nichts bringt mich so sehr in Fahrt, wie wenn ich dem ersten Bier zwei schnelle Gin Tonics folgen lasse. Außerdem macht Alkohol locker. Alkohol verbindet. Im besten Fall schmeckt Alkohol sogar – auch wenn sich viele Menschen Wodkashots „gönnen“, ihre Mimik aber eigentlich signalisiert: Die Würgefee ist wieder da.

Alkohol ist super sozialverträglich – und deswegen gefährlich

Es geht mir darum aufzuzeigen, dass man sich in unserer Gesellschaft gar nicht mehr die Frage stellt, ob man heute Alkohol trinken sollte oder nicht. Ein Kollege verlässt die Redaktion, also stößt man mit Bier auf seinen Abschied an. Eine Mitarbeiterin wird befördert und schon stehen alle mit Sektflöten im Anschlag um die Glückliche herum. Warum eigentlich? Warum denn nicht?, könnte natürlich die erboste Gegenfrage lauten. Und tatsächlich, was spricht denn dagegen, dass man hierzulande einen so entspannten und tabufreien Umgang mit Alkohol pflegt?

Nun, da wäre etwa die Tatsache, dass rund 10 Millionen Menschen in Deutschland Alkohol in gesundheitlich bedenklichen Dosen zu sich nehmen. Dass 1,8 Millionen Menschen in Deutschland „richtig“ alkoholabhängig sind. Dass mindestens 74.000 Menschen in Deutschland Jahr für Jahr an den Folgen von Alkohol sterben. Alkohol ist eine gefährliche Droge, die körperlich wie psychisch abhängig macht. Gefährlich deswegen, weil fast keiner sie ernst nimmt und sie von fast allen konsumiert wird.

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Achtung, Rutschgefahr: Alkohol als DAS soziale Schmiermittel

Mein (aber nicht nur mein) Hauptproblem: Der Alkohol hat mich im Griff, nicht andersrum. Oder besser: Meine erlernten Gedanken und Überzeugungen, meine psychologische Konditionierung sagen mir: Es ist Freitagabend, du sitzt in einem Restaurant und du willst einen schönen Abend haben. Darum gibt’s jetzt ein lecker Pils für dich. Unfrei halt – und genau deswegen abhängig.

Wie sehr ich Alkohol mit Entspannung gleichsetze, habe ich besonders im Umgang mit Frauen erlebt. Habe ich jemals ein Tinder-Date ohne Alkohol durchgestanden? Niemals. Bin ich jemals völlig nüchtern zu einem Date erschienen? Ich bin doch nicht lebensmüde. Selbst als ich meine Schwiegermutter in spe kennenlernen sollte, habe ich mir – „sicherheitshalber“ – vorher noch zwei Bier reingeknüppelt.

Ein weiteres klassisches Arbeitsfeld der psychologischen Wunderwaffe Alkohol: Er lässt uns gut verdrängen. Sei es der Job, der uns unglücklich macht; die Beziehung, die nur noch für Frust sorgt; oder die schwere Krankheit eines geliebten Menschen, von der man einfach mal Abstand braucht: Viele Menschen trinken, um sich und ihre Existenz besser auszuhalten, um sich vor unangenehmen Wahrheiten zu verstecken. Völlig menschlich. Das Problem: Die Wirkung des Alkohols lässt früher oder später immer nach. Was zurückbleibt, ist der alte Schmerz – und ein neuer pulsierender irgendwo zwischen Stirn und Nacken. Keine gute Kombination übrigens. Das mag neunmalklug und fast schon selbstgefällig klingen, beruht aber auf meiner persönlichen Erfahrung. Meine bisher längste Alkoholpause – drei Monate – habe ich 2015 gemacht, in dem Jahr, als auch mein Vater nach langer Krankheit starb. Nachdem ich monatelang meinen Schmerz mit Alkohol betäubt hatte, beschloss ich, die letzten Wochen in seinem Leben so bewusst wie möglich wahrzunehmen – so wie auch die Wochen der Trauer nach seinem Tod. Das hieß dann natürlich kein Alkohol. Aber dafür Abschiednehmen ohne Ablenkung.

Abhängigkeit ist Abhängigkeit

Natürlich ist eine körperliche Ausprägung der Abhängigkeit nicht gleichzusetzen mit einer psychologischen. Ich möchte aber eine Sache zu bedenken geben: Dass es unterm Strich eigentlich keinen Unterschied macht, ob ich nun aus einem physischen Verlangen heraus zum Alkohol greife oder eben „nur“, um meine Nerven zu beruhigen. Was beide Motive eint: Eine Sache, die stärker ist als ich und meine guten Vorsätze, lässt mich etwas tun, das meiner Gesundheit schadet. Unfrei halt – und genau deswegen abhängig.

Übrigens sollte man auch eine psychologische Form der Abhängigkeit auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen. Denn oft beginnt es damit, dass man regelmäßig trinkt, um runterzukommen und seine Probleme zu vergessen, bevor die Sucht dann langsam auch körperliche Symptome zeigt. Doch einen gravierenden, denn spürbaren Unterschied gibt es auf jeden Fall.

Meine Art des Entzugs tut sofort gut

Egal, was einem die Mitmenschen einreden wollen: Man fühlt sich besser, fokussierter, irgendwie befreit, so etwas wie Entzugserscheinungen habe ich in nunmehr zwei Monaten nicht ein einziges Mal erlebt. Und das ist nicht nur mein Gefühl, sondern auch das, was mir Dutzende Menschen geschrieben haben, die für längere Zeit (manche sogar schon seit Jahrzehnten) dem Alkohol abgeschworen haben.

Jetzt geht es darum, meine alten Gewohnheiten und Gleichungen über Bord zu werfen, mein Hirn neu zu programmieren. Ein erster Schritt in die richtige Richtung war es auf jeden Fall, meinen bisherigen Alkoholkonsum als eine Art psychologische Abhängigkeit zu verstehen. Wie sich diese Erkenntnis (und hey, dieses Eingeständnis) auf meine kommenden – hoffentlich alkfreien – Monate auswirken wird, können Sie auch weiterhin auf FITBOOK.de oder in unserem beliebten Newsletter nachlesen.

Und wer letztens nicht dazu kam, mich für mein Vorhaben zu beleidigen, kann das immer noch gerne mit einer E-Mail an info@fitbook.de tun.

Alle bisherigen Teile der Kolumne:

  1. 7 Gründe, warum ich ein Jahr keinen Alkohol trinken will!
  2. So geht es mir nach einem Monat ohne Alkohol!

*Wichtig:

In gewisser Hinsicht heißt übrigens nicht in medizinischer Hinsicht, ich verwende den Begriff abhängig hier nur laienhaft. Denn von Abhängigkeit (auch wenn „nur“ psychologisch) kann man laut Suchtmediziner Dr. med. Mathias Luderer – Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Goethe-Universität Frankfurt – nur dann sprechen, wenn eine ganz bestimmte Anzahl bestimmter Kriterien erfüllt ist. Dazu Luderer im FITBOOK-Interview:

„Alkoholabhängigkeit ist ein enges Krankheitsbild. Wenn man den Begriff zu sehr ausweitet, besteht die Gefahr, dass diejenigen, die davon wirklich betroffen sind, in gewisser Form untergehen. Aber: Mechanismen und Verhaltensmuster, die man von Abhängigen kennt, kommen auch schon bei Menschen vor, die nur gelegentlich trinken. Ein Begriff, der deutlich mehr Menschen abholt und betrifft, ist der des riskanten Konsums. Riskanter Konsum erhöht das Risiko für Folgeerkrankungen und für Alkoholabhängigkeit.“ Laut dem Fachverband Sucht e.V. weisen in Deutschland 21,5 % der Männer und 10,9 % der Frauen einen riskanten Alkoholkonsum auf.