Bild.de Hier geht es zurück zu Bild.de

Aspiration

Neue Stiko-Empfehlung an Ärzte für Corona-Impfung

aspiration impfung: Person mit Spritze
Bei der Aspiration wird der Spritzenkolben etwas angezogen, um zu prüfen, ob Blut angesaugt wurde und im Kanülenansatz sichtbar ist. So kann sichergestellt werden, dass kein Blutgefäß getroffen wurde.Foto: Getty Images

Eine neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) sorgt für Verwirrung. So soll bei der Corona-Impfung wieder ein Verfahren eingesetzt werden, das seit 2016 eigentlich kaum noch Anwendung findet. Was steckt dahinter?

Regelmäßig veröffentlicht die Stiko einen Bericht zu aktuellen Infektionskrankheiten. Seit 2020 enthält dieser natürlich auch stets Updates und Empfehlungen rund um Corona. Das „Epidemiologische Bulletin“ vom 17. Februar sorgt nun für Verwunderung. Die Fachzeitschrift enthält die Empfehlung, die Aspiration bei Corona-Impfungen anzuwenden. Und das, nachdem die Stiko vor Jahren geraten hatte, auf diese Maßnahme zu verzichten.

Aspiration bei Corona-Impfung

Das Statement der Stiko lautet: „Im Tiermodell kam es nach direkter intravenöser Injektion eines mRNA-Impfstoffs zum Auftreten von Perimyokarditis. Wenngleich akzidentielle intravasale Injektionen bei einer i.m.-Impfstoffapplikation nur selten auftreten, ist bei COVID-19-Impfungen eine Aspiration bei i.m.-Applikation zur weiteren Erhöhung der Impfstoffsicherheit sinnvoll.“1 Die Abkürzung i.m. steht für intramuskulär. Denn, so heißt es außerdem: „Die Impfung ist strikt intramuskulär (i.m.) und keinesfalls intradermal, subkutan oder intravaskulär (i. v.) zu verabreichen.“ Soweit also das offizielle Wording. Doch was genau ist darunter zu verstehen?

Auch interessant: Genesen und geimpft! Diese Kombination bietet längeren Schutz vor Reinfektion  

Das bedeutet die Stiko-Empfehlung

Zunächst einmal bedeutet das Statement, dass die Corona-Impfung in den Skelettmuskel (intramuskulär) erfolgt. Die Spritzen werden also nicht etwa in die obere oder untere Hautschicht (intradermal bzw. subkutal) oder – wie bei dem erwähnten Tiermodell – in ein Gefäß (intravaskulär) gesetzt.

Aspiration wegen Möglichkeit der Herzmuskelentzündung

Doch das, was nun für Verwunderung sorgt, ist der andere Teil des Stiko-Statements. Die Experten sehen es als sinnvoll an, die Aspiration bei Corona-Impfungen einzuführen und begründen das mit Studienergebnissen bei Tieren.2 Dort war es zu Herzmuskelentzündungen (Perimyokarditis) gekommen, nachdem intravenös (in ein Blutgefäß) geimpft worden war. Um zu vermeiden, dass bei der Impfung ein Blutgefäß getroffen wird, solle nun vorsichtshalber wieder die Aspiration angewendet werden. Ein Vorgang, der genau dies verhindern soll. Dennoch überrascht die Empfehlung, da die Stiko nämlich selbst noch betont, dass es nur selten passiert, dass eine Corona-Impfung aus Versehen ins Blutgefäß statt in die Muskulatur gegeben wird. Warum also deswegen eine Sicherheitsvorkehrung wiederbeleben, die aus gutem Grund so gut wie abgeschafft wurde?

Auch interessant: Faktoren, die die Wirksamkeit der Corona-Impfung beeinträchtigen können

Was ist eine Aspiration?

Mithilfe der Aspiration kann nach dem Einstich einer Spritze festgestellt werden, ob sich die Nadel in einem Blutgefäß befindet oder nicht. Bei einer Blutabnahme ist dies erwünscht, bei einer Impfung hingegen nicht. Als Sicherheitsmaßnahme wird bei der Aspiration deshalb der Spritzenkolben etwas angezogen, um zu prüfen, ob Blut angesaugt wurde und im Kanülenansatz sichtbar ist. Ist dies der Fall, nimmt man eine neue Spritze und startet einen neuen Versuch. Ist dies nicht der Fall, ist die Platzierung der Nadel für eine Impf-Injektion korrekt.3

Auch interessant: Schwere Nebenwirkungen bei Corona-Impfungen extrem selten

Warum ist die Aspiration bei Impfungen veraltet?

Die Aspiration war bei Impfungen früher üblich, aber mittlerweile bereits seit Jahren nicht mehr. Auch dies geht auf eine Stiko-Empehlung zurück. So heißt es auf der Webseite des Robert Koch-Instituts (RKI): „Die Stiko weist darauf hin, dass eine Aspiration vor der Injektion nicht notwendig ist und bei intramuskulären Injektionen vermieden werden soll, um Schmerzen zu reduzieren. Die Blutgefäße an den Körperstellen, die für die Injektion von Impfstoffen empfohlen sind (M. vastus lateralis oder M. deltoideus) und in Reichweite der Nadel liegen, sind zu klein, um eine versehentliche intravenöse Gabe zu ermöglichen. Berichte über Verletzungen von Patienten aufgrund unterlassener Aspiration gibt es nicht.“4

Auch interessant: Omikron-Reinfektion ist möglich – doch wie häufig ist sie und wenn trifft sie?

Experte verwirrt

Warum die Stiko jetzt quasi zurückrudert und nur für Corona-Impfungen nun doch wieder die Aspiration empfiehlt, verwundert auch Mediziner, wie Infektiologe und Facharzt für Innere Medizin Tomas Jelinek. Er kann, so erklärte er im Interview mit „Welt“, die Entscheidung „nicht wirklich nachvollziehen“.5 Es sei bekannt, dass Herzmuskelentzündungen nach einer Corona-Impfung nur sehr selten auftreten. Zudem sei das Risiko bei korrekter intramuskulärer Impfung „nahezu ausgeschlossen“. Die Stiko stütze sich also auf Tierstudien, diese seien jedoch auch nicht ganz neu, sondern stammten bereits von August 2021. Es hat daher den Anschein, dass die Stiko womöglich mit übertriebener Vorsicht agiert. Jelineks Vermutung: Man möchte sich in alle Richtungen absichern.

Quellen