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Nachgefragt beim Arzt

Woran erkennt man, dass man ein schwaches Immunsystem hat?

Niesende Frau
Öfter mal erkältet zu sein, bedeutet nicht automatisch, dass man ein schwaches Immunsystem hatFoto: Getty Images

Menschen, die öfter mal erkältet sind, haben einer verbreiteten Ansicht nach ein schwaches Immunsystem. FITBOOK weiß vom Experten, warum man das so eigentlich nicht sagen kann, welche Faktoren die Abwehrstärke beeinflussen und was zu tun ist, um das Immunsystem bestmöglich zu unterstützen.

Infektionskrankheiten lauern überall. Doch nicht jeder steckt sich damit an. Andere wiederum leiden scheinbar ständig an Husten oder entzündeten Nebenhöhlen. Dass sie ein schwaches Immunsystem haben, muss das aber nicht heißen.

Empfänglichkeit für Infekte vs. „echte“ Immunschwäche

„Man muss unterscheiden zwischen dem, was Laien als schwaches Immunsystem bezeichnen, und einer medizinisch ‚echten‘ Immunschwäche“, erklärt uns der Frechener Allgemeinarzt Dr. med. Michael Feld.

Wenn das gesamte Abwehrsystem nicht funktioniert

Zunächst erläutert er letzteren Fall: Störungen, aufgrund derer die T-Helferzellen – also wesentliche „Schaltstellen im Immunsystem“, so Feld zu FITBOOK – tatsächlich nicht mehr richtig arbeiten. Eine solche Immunschwäche könne mit bestimmten Krankheiten einhergehen. Manchmal rühre sie aber auch von erblich bedingten Defekten her.

Daneben nehmen manche Patienten Immunsupressiva ein, also Medikamente, die das Immunsystem gezielt unterdrücken. Die kann u. a. zur Behandlung der Symptome von Autoimmunkrankheiten (z. B. Schuppenflechte) sinnvoll sein oder im Nachgang von Organtransplantationen.

Der subjektive Eindruck, oft erkältet zu sein

Das vermeintlich „schwache Immunsystem“, da es auffällig oft Erkältungen abbekommt, ist demnach eher umgangssprachlich zu verstehen. Und dies hängt nicht zuletzt mit der subjektiven Wahrnehmung zusammen.

So gehen Forscher schon länger davon aus, dass Menschen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich etwa 200 bis 300 Erkältungen durchmachen. Das wären circa drei Erkältungen pro Jahr – und, wie Dr. Feld aus seiner praktischen Erfahrung berichtet, eine relativ normale Anzahl.

Interessant: Auch scheinbar etwas öfter erkältet zu sein, ist laut Dr. Feld kein Grund zur Besorgnis – sondern tatsächlich sogar „ganz gut“. So stelle es für den Körper und das Immunsystem ein wichtiges Training dar, Infekte durchzumachen. Zu seltenes Kranksein sei genauso ungünstig wie übermäßig häufiges. Anders gesagt: Alles Schädliche abzuwehren, ist nicht im Sinne der Abhärtung und Widerstandsfähigkeit.

Wie das Immunsystem arbeitet

Um zu verstehen, was es bedeutet, ein schwaches Immunsystem zu haben, hilft es, die gewöhnlichen Abläufe dieses zu kennen. Das Immunsystem ist ein Überbegriff für ein extrem komplexes Zusammenspiel aus Immunzellen, Antikörpern und Botenstoffen.

Auch interessant: Immunologe im Interview: »Am besten läuft das Immunsystem, wenn man es in Ruhe lässt!

Erste Abwehr über Haut und Schleimhäute

So ist die körpereigene Abwehr schon im Einsatz, wenn sich Krankheitserreger Zugang zu unserem Körper verschaffen wollen. Bereits die Haut ist eine erste Schranke. Sie verfügt über einen pH-Wert im leicht sauren Bereich, wodurch erste Angreifer abgewehrt werden sollen.

Haben Erreger es in den Mund- und Rachenraum geschafft, schreiten im nächsten Schritt Speichel und Nasensekret ein. Viren, Bakterien und Co. haben es schwerer, sich festzusetzen, wenn die Schleimhäute gut durchfeuchtet sind. Daneben bezwecken die Absonderungen, etwaige Erreger auszuwerfen (z. B. beim Schnäuzen) oder an Stellen zu befördern, an denen sie unschädlich gemacht werden. Schlucken wir sie mit unserem Speichel oder Nasenschleim herunter, ist im nächsten Schritt der Krankheitsabwehr der Magen dran, genauer gesagt: die im Magensaft enthaltene Säure. Sie zersetzt den Schleim, wobei Erreger abgetötet werden sollen.

Die Wissenschaft kommt auf diesem Gebiet zu immer neuen Erkenntnissen. So zeigt sich zunehmend die wesentliche Bedeutung des Darms und seines Mikrobioms für (u. a.) unsere Abwehr. FITBOOK berichtete erst kürzlich über die Erkenntnis einer Studie, dass spezielle Zellen im Darm Alarm schlagen, wenn das Immunsystem angegriffen wird.

Die gezielte Aktivierung von Immunzellen

Haut, Schleimhäute und deren Absonderungen sind ein Teil unseres „angeborenes“ Abwehrsystems. Wenn dieses scheitert, aktiviert der Körper gezielt Immunzellen. Diese werden an verschiedenen Körpers gebildet – u. a. „in der Milz, in der Thymusdrüse, im Knochenmark und in der Leber“, so Feld. Jene Immunzellen schwimmen im Blut und kämpfen gegen dort befindliche Erreger.

Immunzellen gehören teilweise zum angeborenen und teilweise zum erworbenen Abwehrsystem. Bereits in den ersten Jahren des Lebens lerne der Organismus, zwischen körpereigenen und -fremden Strukturen zu unterscheiden. Daneben entwickelt der Körper Antikörper, die ebenfalls einen wichtigen Teil unseres (erworbenen) Abwehrsystems darstellen. Sie entstehen etwa im Zuge einer durchgemachten Erkrankung, um dem Organismus bei der Genesung zu unterstützen, und können manchmal für eine gewisse Zeit immun machen. Ebenso bewirken Impfungen das Vorkommen bestimmter Antikörper.

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Die Bedeutung lokaler Abwehrschwächen

Wenn nun jemand dazu neigt, immer wieder an ähnlichen Infekten zu erkranken, könne dies an lokalen Abwehrschwächen liegen. Sprich: an beeinträchtigten Funktionen im Bereich bestimmter Hauptkontaktstellen, die den Menschen mit seiner Umwelt verbinden.

An der Stelle erinnert der Mediziner uns noch einmal an die wichtige Abgrenzung zur echten Immunschwäche. Davon sei jemand, der bspw. immer wieder an Infekten der Atemwege leidet, nicht betroffen. Viel wahrscheinlicher: dass dieser Patient an einer lokalen Abwehrbarriere geschwächt ist. Mögliche Ursachen hierfür können eine entsprechende Veranlagung oder bestimmte Gewohnheiten sein (z. B. macht Rauchen anfälliger für Atemwegserkrankungen), ebenso ein früheres Ereignis in der Krankheits-Vorgeschichte des Patienten.

Nicht ausgestandene Krankheiten können chronisch werden

So können bestimmte Infekte, wenn sie nicht richtig ausgeheilt sind, die Wahrscheinlichkeit auf eine Wiedererkrankung langfristig erhöhen. Bei Patienten etwa, die eine schwere Nasennebenhöhlenentzündung nicht gründlich auskuriert haben, kann die Neigung dazu chronisch werden.

Versuchen Sie, Ihr Immunsystem zu unterstützen

Lokale Abwehrschwächen lassen sich lokal behandeln. Dr. Feld nennt in diesem Zusammenhang bspw. Medikamente für die Nasenschleimhaut („Nasenöl-Sprays“) oder gezielte Maßnahmen, um diese feucht zu halten. Dazu sei es unerlässlich, ausreichend zu trinken.

Gleichzeitig können Patienten von einer unspezifischen Immunaktivierung profitieren. Damit gemeint sind beispielsweise Eigenblutbehandlungen (zur Anregung der Zell-Regeneration) oder die Verabreichung gesundheitsförderlicher Mikronährstoffe. Das Immunsystem „boosten“, kann man bekanntlich nicht. Aber: durch die richtigen Maßnahmen, also einen bewussten Lebensstil, dazu beitragen, das volle Potenzial seiner Abwehrkräfte ausschöpfen.

Dafür gilt es vor allem, Dinge zu vermeiden, die das Immunsystem schädigen können. Dazu gehören Schlaf-, Bewegungs- und Sauerstoffmangel sowie ein ständig hohes Stresslevel und ungesunde Ernährungsgewohnheiten. Besonders schädlich sei es, zu rauchen und dauerhaft viel Alkohol zu trinken.

Fazit

Wer ein wirklich schwaches Immunsystem hat – aufgrund eines Gendefekts, einer schweren Erkrankung oder der Einnahme bestimmter Medikamente –, der würde es laut Dr. Feld daran merken, dass er „alle möglichen obskuren Infektionen“ bekommt. Meistens wüssten entsprechende Patienten aber bereits um ihre Immunschwäche, die ohnehin behandelt werden müsse.

Menschen, die bspw. öfter mal an Husten oder auch einer Blasenentzündung erkranken, sind sehr wahrscheinlich lokal abwehrgeschwächt. Hier kann sich eine gezielte Therapie in Absprache mit Ihrem Hausarzt lohnen.