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Langzeitstudien

Forscher entdecken neuen Faktor, der das Eintreten von Demenz beschleunigen könnte

Computer-Illustration des Gehirns eines älteren Mannes
Laut einer neuen Studie kann offenbar ein Herzinfarkt die Entwicklung einer Demenz beschleunigenFoto: Getty Images

Weltweit arbeiten Forscher daran, die Gründe für das Eintreten von Demenz zu entschlüsseln. Denn nur, wenn man die genauen Ursachen kennt, lässt sich der geistige Verfall im Alter aufhalten – im besten Fall kann man sogar vorbeugen. Nun sind Forscher einen Schritt weiter gekommen und haben einen neuen wichtigen Faktor entdeckt, der das Eintreten von Demenz beschleunigen könnte.

Die Demenz, zu der auch die Alzheimer-Erkrankung gehört, ist einer der wohl am meisten gefürchteten Krankheiten im höheren Alter. Sie fängt meistens schleichend mit leichten Gedächtnisstörungen an und breitet sich im späteren Verlauf auch auf die Aufmerksamkeit, Sprache und Auffassungsgabe der Betroffenen aus. Es handelt sich um einen allgemeinen geistigen Verfall, der in 90 Prozent der Fälle nicht umkehrbar ist.1 Umso wichtiger ist es, jene Faktoren zu kennen, die zu einer Demenz führen können. Forscher haben nun einen Weiteren gefunden: den Herzinfarkt.

Zusammenhang zwischen Herzerkrankungen und Demenz

Eine neue US-Studie, die in Zusammenarbeit mit der Amercian Heart Association entstand, warnt, dass Menschen, die einen Herzinfarkt überlebt haben, nicht komplett aus der Gefahrenzone sind.2 Ganz im Gegenteil: der Herzinfarkt beschleunige womöglich das Eintreten einer Demenz. So belegen ihre Studienergebnisse, dass Patienten, die nach dem Herzinfarkt Demenzsymptome zeigen, einen schnelleren geistigen Verfall erleiden. Zwar seien die Behandlungsmethoden von Herzinfarkt-Patienten immer besser, doch diese zielen vor allem auf die Herzgesundheit und nicht das Gehirn ab.

„Zu lange haben wir über Herzkrankheiten und Gehirnerkrankungen als zwei getrennte Zustände nachgedacht und sie auch so behandelt“, sagt die Hauptautorin der Studie Dr. Michelle Johansen von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore. Laut ihr müssen wir erkennen, dass das, was im Herzen und im Gehirn vor sich geht, miteinander verbunden ist. So sei die Vermeidung von Risikofaktoren als Vorbeugung eines Herzinfarkts auch gut für das Gehirn.

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Demenz ist schleichend – auch nach einem Herzinfarkt

Bei der neuen Studie handelt es sich um eine Auswertung von bereits bestehenden Langzeitdaten.3 Dabei wurden die Daten von sechs Studien ausgewertet, die zwischen 1971 und 2017 durchgeführt wurden. Insgesamt waren darin 31.377 Probanden eingeschlossen, die bei den ersten Untersuchungen ein Durchschnittsalter von 60 Jahren hatten. Keiner der Teilnehmer hatte zuvor einen Herzinfarkt oder litt unter Demenz. Die Forscher harmonisierten die Studien, um die Daten miteinander vergleichen zu können. Daraus ergaben sich drei Test-Kategorien, welche die Probanden absolvierten:

  • Erinnerungsvermögen
  • exekutive Funktionen (z. B. Aufmerksamkeit, Planung, Organisation, komplexe Entscheidungen)
  • allgemeine kognitive Leistung (Gesamtleistung des Denkvermögens)

Der Beobachtungszeitraum betrug je nach ausgewerteter Studie zwischen rund fünf und 20 Jahren. Während diesen Zeitraums erlitten 1047 Teilnehmer einen Herzinfarkt. Zunächst wurden keine kognitiven Unterschiede festgestellt zwischen Herzinfarkt-Patienten und Nicht-Betroffenen. Erst in den darauf folgenden Jahren gab es einen rapiden Abfall der kognitiven Leistung unter den Probanden, die einen Herzinfarkt erlitten. Und zwar auf allen Ebenen, also beim Erinnerungsvermögen, den exekutiven Funktionen und der allgemeinen kognitiven Leistung.

„Wir haben gezeigt, dass ein Herzinfarkt mit der Zeit die Gesundheit des Gehirns beeinträchtigen kann“, sagt Dr. Michelle Johansen. Demenz sei ein langsamer und schrittweiser Prozess. „Mit Demenz wacht man nicht aus heiterem Himmel auf“, ergänzt die Forscherin. Vielmehr findet eine signifikante Veränderung erst mehrere Jahre nach dem Herzinfarkt statt.

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Wie hängen Herz und Gehirn zusammen?

Warum ein Herzinfarkt das Eintreten von Demenz beschleunigt, ist noch nicht eindeutig geklärt. Aber es gibt eine Reihe möglicher Erklärungen dafür. So könnten schon die sogenannten stillen Schlaganfälle (die oft unbemerkt ablaufen) das Gehirn dauerhaft schädigen. Sie sorgen nämlich für eine Unterversorgung mit Sauerstoff. Möglich ist auch, dass Risikofaktoren wie Rauchen und Bluthochdruck nicht nur einen Herzinfarkt verursachen können, sondern eben auch zur Demenz führen. Zudem könnte die geschädigte Herzstruktur dafür verantwortlich sein, dass zum Beispiel Mini-Blutgerinnsel ins Gehirn gelangen.

Risikofaktoren schon frühzeitig minimieren

Laut der Studienautorin Johansen sei es wichtig zu wissen, dass ein kognitiver Rückgang nach einem Herzinfarkt möglich ist. So sollten die behandelnden Ärzte sich sowohl um die Herzerkrankung, als auch um eventuelle Anzeichen von Demenz kümmern. Zudem gewinnt die Herzgesundheit durch diese Erkenntnis an Bedeutung. Indem Menschen versuchen, Risikofaktoren für Herzkreislauf-Erkrankungen zu minimieren, könnte dies auch das Risiko für eine Demenz reduzieren.

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„Ein gewisser kognitiver Rückgang ist mit zunehmendem Alter zu erwarten. Doch je mehr wir darüber erfahren, wie sich unser Gehirn mit dem Alter verändert, desto mehr stellen wir fest, dass die gleichen Risikofaktoren, die sich auf die Gesundheit des Herzens auswirken, auch die Gesundheit des Gehirns beeinträchtigen können“, erklärt Dr. Karen L. Furie, die die Neurologieabteilung der Warren Alpert Medical School an der Brown University leitet und nicht an der Studie beteiligt war. Laut ihr müsse man schon in der frühen bis mittleren Lebensphase (30. bis 50. Lebensjahr) auf Risikofaktoren achten und beispielsweise regelmäßig Blutdruck messen. Im späten Lebensalter sei es schon zu spät, um einer Demenz vorzubeugen.

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