14. Februar 2026, 9:42 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Eine neue Studie liefert womöglich einen wichtigen Beitrag zur Frühprävention für Demenz. Daten von mehr als 131.000 Personen schieben Koffein als den „wahrscheinlichen neuroprotektiven Hauptakteur“ ins Rampenlicht. Für den möglichen geistigen Schutz scheint es sogar eine optimale Dosis an Kaffee und Tee zu geben – sofern die Getränke Koffein enthalten.
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Weniger Demenz durch Kaffee und Tee – aber bitte mit Koffein
Der Konsum von koffeinhaltigem Kaffee und Tee ist signifikant mit einem geringeren Risiko für Demenz sowie einer besseren kognitiven Gesundheit verbunden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie. Diese wurde jetzt in der medizinischen Fachzeitschrift „Journal of the American Medical Association“ veröffentlicht.1 Der Schutz scheint vom Koffein auszugehen – denn entkoffeinierter Kaffee zeigte keinen signifikanten Zusammenhang mit einem verringerten Demenzrisiko. Den größten Nutzen identifizierten die Forscher bei zwei bis drei Tassen koffeinhaltigem Kaffee pro Tag – oder etwas weniger Tee.
Forscher u. a. der Harvard T.H. Chan School of Public Health und des Brigham and Women’s Hospital in Boston konnten das anhand von Daten aus über vier Jahrzehnten und von mehr als 131.000 Teilnehmern zeigen. Deren langfristige Gewohnheiten hatten sie immer wieder erfasst. Zentral war die Frage, wie viel Kaffee, Tee oder Koffein sie konsumierten. Dabei wurde akribisch zwischen koffeinhaltigen und entkoffeinierten Varianten unterschieden.
Parallel dazu werteten die Forscher offizielle Diagnosen und Sterberegister aus, befragten die Teilnehmenden regelmäßig nach ihrer eigenen Wahrnehmung des Gedächtnisses und führten bei einem Teil der Gruppe sogar strukturierte, telefonische Kognitionstests durch. Damit die Ergebnisse am Ende nicht durch andere Faktoren verfälscht wurden, rechneten die Wissenschaftler störende Einflüsse wie das Rauchverhalten, die sonstige Ernährung, Begleiterkrankungen oder sogar die genetische Veranlagung mathematisch aus ihren Daten heraus.
Kernergebnis der Studie
Ein moderater täglicher Genuss von koffeinhaltigem Kaffee oder Tee kann das Risiko für eine spätere Demenzerkrankung signifikant senken. Am deutlichsten war der Zusammenhang bei koffeinhaltigem Kaffee. Die Forscher kamen auf 18 Prozent weniger Demenzfälle bei Personen, die viel koffeinhaltigen Kaffee tranken, im Vergleich zu denen, die sehr wenig oder keinen tranken. Ein höherer koffeinhaltiger Teekonsum zeigte ähnliche, wenn auch etwas schwächere Zusammenhänge.
Wirkung bei 2 bis 3 Tassen Kaffee bzw. 1 bis 2 Tassen Tee am deutlichsten
Die deutlichsten Unterschiede hinsichtlich Dosis und Wirkung wurden bei einem Konsum von etwa zwei bis drei Tassen koffeinhaltigem Kaffee bzw. ein bis zwei Tassen Tee pro Tag beobachtet. Dieser Schutzeffekt ist laut den Forschern so robust, dass er sogar für Menschen gilt, die aufgrund ihrer genetischen Veranlagung (wie dem APOE4-Gen) eigentlich ein höheres Demenzrisiko haben.
Besonders aufschlussreich ist die Rolle des Wachmachers Koffein: Während koffeinhaltiger Kaffee und Tee glänzten, gab es bei entkoffeiniertem Kaffee keinerlei Hinweise auf eine vorbeugende Wirkung gegen Demenz. Dieser war weder mit einem geringeren Demenzrisiko noch mit einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit verbunden. Entkoffeinierter Tee wurde nicht untersucht.
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Weniger wahrgenommene Gedächtnisprobleme – kaum spürbar „verjüngtes“ Gehirnalter
Neben dem womöglich geringeren Krankheitsrisiko fühlten sich die Teilnehmer, die koffeinhaltigen Kaffee oder Tee tranken, auch subjektiv geistig fitter und berichteten über deutlich weniger wahrgenommene Gedächtnisprobleme.
Den eher nüchternen Abschluss bilden die Ergebnisse der objektiven Leistungstests: Beim kognitiven Abbau schnitten über die Jahrzehnte Kaffeetrinker zwar statistisch messbar besser ab, doch der Vorsprung war minimal und entsprach lediglich einem „verjüngten“ Gehirnalter von etwa 0,6 Jahren – ein Unterschied, der im täglichen Leben kaum wahrnehmbar sein dürfte.
Das fanden die Forscher noch heraus
„Jungbrunnen“-Effekt bis 75 Jahre
Der „Jungbrunnen“-Effekt scheint altersabhängig. Die schützende Wirkung des Koffeins war bei Studienteilnehmern, die 75 Jahre oder jünger waren, deutlich stärker ausgeprägt als bei den über 75-Jährigen. Die Forscher vermuten, dass die Prävention in jüngeren Jahren ansetzen muss, um ihre volle Kraft zu entfalten.
Mehr bringt nicht mehr
Mehr als drei Tassen koffeinhaltiger Kaffee bringen laut den Forschern keinen Zusatznutzen. Sie erklären dies in etwa so, dass unser Körper Koffein und andere Wirkstoffe nur bis zu einem gewissen Punkt optimal verarbeiten und speichern könne. Hier verweisen sie auch auf Studien, die zeigen, dass zu viel Koffein den Schlaf stören oder Angstzustände fördern könnte. Das würde die positiven Effekte wieder zunichtemachen.2
Rätsel um entkoffeinierten Kaffee
In einigen Analysen zeigten Vieltrinker von entkoffeiniertem Kaffee sogar eine Zunahme der subjektiv wahrgenommenen Gedächtnisprobleme, schreiben die Forscher. Sie warnen aber davor, dies als direkte Ursache zu sehen. Es könnte „umgekehrt“ sein. Menschen, die bereits gesundheitliche Probleme oder Schlafstörungen (mögliche Vorboten einer Demenz) spüren, steigen oft erst deshalb auf entkoffeinierten Kaffee um.
Die Wissenschaftler betonen, dass ihre Arbeit angesichts der begrenzten Behandlungsmöglichkeiten für Demenz einen entscheidenden Beitrag zur Frühprävention leistet. Sie identifizieren Koffein als den „wahrscheinlichen neuroprotektiven Hauptakteur“, der durch den Schutz der Synapsen und die Verringerung von Entzündungen im Gehirn wirkt.
Dennoch mahnen sie zur Besonnenheit bei der Interpretation der messbaren Leistungssteigerungen. Die beobachteten Vorteile bei kognitiven Tests seien zwar auf Bevölkerungsebene statistisch signifikant, sollten aber eher als „bescheidene Unterschiede“ und nicht als Garant für eine klinisch spürbare Verbesserung bei jedem Einzelnen verstanden werden.
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Kein Beweis für Kausalität
Auch eine so umfangreiche Untersuchung wie die Harvard-Studie weist Limitationen auf. Die Forscher benennen diese Mankos in ihrem Bericht sehr transparent. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann sie statistische Zusammenhänge aufzeigen, aber nicht zweifelsfrei beweisen, dass der Kaffee die direkte Ursache für das geringere Demenzrisiko ist. Auch das ist ein Manko: Die verwendeten Fragebögen erfassten zwar die Menge, aber keine Details zur Zubereitung – etwa, ob der Kaffee mit Milch getrunken wurde. Hier gibt es allerdings auch Studien, die nahelegen, dass die gesundheitlichen Vorteile von Kaffee durch Milch nicht vollständig aufgehoben werden. Weitere Schwächen: Die Teilnehmer waren fast ausschließlich Angehörige von Gesundheitsberufen. Während das Demenzrisiko für Männer und Frauen analysiert wurde, fanden die objektiven Leistungstests nur in der weiblichen Kohorte statt.
Trotzdem: Kaffee ist ein leicht modifizierbarer Lebensstilfaktor – das macht ihn wertvoll für die Gesundheit
Das Resümee der Forscher ist dennoch klar: In einer Gesellschaft, in der sich die Demenzfälle bis 2050 fast verdoppeln werden, ist die Identifizierung solch leicht modifizierbarer Lebensstilfaktoren wie der tägliche Kaffeegenuss von unschätzbarem Wert für die öffentliche Gesundheit.
Dass Kaffee mehr als nur ein Wachmacher ist, vermutet die Wissenschaft schon länger. Tatsächlich stützen die neuen Ergebnisse der Harvard-Forscher erste Hinweise aus früheren Meta-Analysen und großen Datensammlungen wie der britischen UK Biobank. Sie deuteten bereits einen schützenden Effekt von Koffein an.
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Schlecht oder gut? Die Wirkung von Kaffee auf das Herz
Das zeigen ältere Studien zur Wirkung von Kaffee und Tee auf das Gehirn
Weitere Studien, über die FITBOOK bereits in der Vergangenheit berichtet hat, ergänzen die große Harvard-Untersuchung, weil sie etwa Risikogruppen (wie Menschen mit Bluthochdruck) genauer unter die Lupe nehmen oder sagen, ab wann der positive Effekt ins Gegenteil umschlägt. Drei weitere, besonders aussagekräftige Arbeiten zur Wirkung von Kaffee und Tee auf das Gehirn stellen wir hier noch vor.
Studie der Ningxia Medical University (UK Biobank): Fokus auf Bluthochdruck
Der besondere Wert einer Studie von Forschern der Ningxia Medical University in China aus dem Jahr 2024 liegt darin, dass sie den Zusammenhang zwischen Kaffee/Tee und Bluthochdruck analysierte. Diese Untersuchung ist aufgrund ihrer enormen Größe von über 450.000 Teilnehmern sehr aussagekräftig.3
Ergebnis: Insbesondere Menschen mit Hypertonie können von moderatem Konsum profitieren. Deutlich gewarnt wird aber vor mehr als sechs Tassen täglich. Schwachpunkt der Studie: Sie beruht auf subjektiven Angaben und kann somit keine Kausalität beweisen.
Studie der Edith Cowan University zu möglichem Grund für den Gehirn-Schutzfaktor von Kaffee
Mit nur 227 Teilnehmern ist diese 2023 veröffentlichte Studie zwar klein, aber methodisch spannend, da sie Gehirnscans und Proteinmessungen (Aβ-Amyloid) einsetzte. Sie liefert einen möglichen biologischen Grund für den Schutzfaktor: Kaffee scheint die Ablagerung von schädlichen Amyloid-Proteinen im Gehirn zu verlangsamen. Manko dieser Studie: Es wurde nicht zwischen koffeinhaltigem und entkoffeiniertem Kaffee unterschieden.4
Studie der University of South Australia warnt vor Übermaß
Diese 2021 veröffentlichte Analyse von über 17.700 Datenpunkten von Menschen aus UK ist besonders wertvoll für die Bestimmung von Obergrenzen beim Kaffeekonsum. Die Forscher der University of South Australia konnten die Risiken von exzessivem Konsum darstellen: Mehr als sechs Tassen pro Tag wurden mit einem geringeren Gehirnvolumen und einem steigenden Demenzrisiko in Verbindung gebracht.5
Fazit: Es scheint auf die Menge anzukommen
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein moderater Konsum von koffeinhaltigem Kaffee (ca. eine bis drei Tassen) und Tee nachweislich mit einem reduzierten Risiko für Demenz einhergeht und die kognitive Gesundheit bis ins hohe Alter zu stützen scheint. Während die Forschung biologische Schutzmechanismen wie den verlangsamten Abbau von Amyloid-Proteinen hervorhebt, betont sie gleichzeitig, dass die Dosis entscheidend ist. Ein Übermaß von mehr als sechs Tassen täglich kann den schützenden Effekt ins Gegenteil umkehren und das Gehirnvolumen sogar mindern. Besonders spannend ist, dass dieser Schutzfaktor offenbar sowohl bei Menschen mit Bluthochdruck als auch bei Personen mit genetischer Veranlagung greift, sofern auf die richtige Menge geachtet wird.