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Forschung

Vitamin D beeinflusst Verlauf von Covid-19 offenbar doch nicht

Mann mit Mundschutz in der Sonne
Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D könnte sich offenbar positiv auf den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung auswirkenFoto: Getty Images

Von Beginn der Corona-Pandemie an war ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Krankheitsverlauf von Covid-19 und dem Vitamin-D-Status von Patienten Gegenstand der Forschung. Ein Mangel am „Sonnenhormon“, hieß es lange, erhöhe das Sterberisiko. Andersherum führe ein guter Vitamin-D-Spiegel seltener zu Komplikationen. Eine neue Studie widerspricht – und wirft entsprechenden Studien Verzerrung vor.

Der vermeintlich positive Effekt von Vitamin D auf den Krankheitsverlauf von Covid-19 schlug schon 2020 hohe Wellen. Es hieß, Vitamin D unterstütze die Immunantwort auf den Erreger, sodass der Organismus das Virus besser bekämpfen könne. Auch wenn die genauen Wirkmechanismen der Verbindung nie ganz klar waren, setzten viele Mediziner vermehrt auf eine Supplementierung von Vitamin D. Großbritannien erwog sogar den gezielten Einsatz von Vitamin-D-Pillen gegen Corona. Eine aktuelle Studie widerspricht den Studien der letzten Monate: Ein hoher Vitamin-D-Spiegel sei nicht mit weniger schweren Krankheitsverläufen verbunden.

Vitamin D und das Immunsystem

Sowohl in der Schulmedizin als auch in der Naturheilkunde setzen viele Behandler schon lange vermehrt auf Vitamin-D-Supplementierung zur Stärkung der Abwehrkräfte. Wesentlich für den Wirkmechanismus soll dabei die verstärkte Produktion von Cathelicidin-Genen (kurz: CAMP) sein – „einem natürlichen Anti-Virus-Mittel“, wie in dem Zusammenhang Dr. Sarfraz Zaidi von der University of California dem US-Medium „Psychology Today“ erklärt. Er lege auch bei der Behandlung von Autoimmunkrankheiten, welche in den Fachbereich des Endokrinologen fallen, einen wesentlichen Fokus auf den Vitamin-D-Spiegel.

Darüber hinaus kann ein Mangel am lebensnotwendigen Vitamin D die Entstehung verschiedener Krankheiten mit potenzieller Todesfolge begünstigen. Umgekehrt erkranken Menschen mit einem hohen Vitamin-D-Gehalt im Blut seltener an z. B. Krebs. Das berichtete u. a. das „Ärzteblatt“.

Alles Tatsachen, die Vitamin D nach der Beginn der Corona-Pandemie zu einer gewissen „Karriere“ verhalf. Die Empfehlung, nahrungsergänzend Vitamin D einzunehmen, um sich vor Covid-19 zu schützen oder damit einen milderen Verlauf zu erreichen, schien zunehmend wahrscheinlich – und tatsächlich gab es auch einige Studien, die die gesundheitliche Wirkung in diesem Zusammenhang zu bestätigen schienen.

Vitamin D und der Verlauf von Covid-19 – Studienlage

So wollten Forscher der Medizinischen Fakultät in Boston (Massachusetts) „Beweise“ dafür gefunden haben, dass eine hohe Konzentration an Vitamin D das Risiko auf Komplikationen im Rahmen einer Coronavirus-Infektion deutlich verringert. Sie bezogen sich dabei auf ihre Analyse der Daten von 235 Probanden – Covid-19-Patienten über 40, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden im Fachjournal „Plos One“ veröffentlicht.

Dort heißt es, dass bei Patienten mit guter Vitamin-D-Versorgung „signifikante Verringerung des CRP-Werts im Serum“ (=Entzündungsmarker im Blut) festgestellt worden sei; und das bei gleichzeitig erhöhtem Lymphozyten-Aufkommen. Somit könne eine ausreichende Vitamin-D-Konzentration dazu beitragen, die Immunantwort zu verbessern und einen sogenannten „Zytokinsturm“ (= lebensbedrohliche Entgleisung des Immunsystems) zu verhindern.

Diejenigen Patienten hingegen, bei denen eine unzureichende Vitamin-D-Versorgung gemessen worden war, hätten häufiger schwere Komplikationen erlitten. Sie mussten beispielsweise beatmet werden und waren auch diejenigen mit der höheren Sterberate.

Weitere Studien behandelten in der Vergangenheit einen Zusammenhang zwischen dem Vitamin-D-Spiegel und dem Covid-19-Verlauf. Bereits im Mai 2020, als Europa den Höhepunkt der ersten Welle gerade hinter sich gebracht hatte, zeigten die Daten indonesischer Forscher (sie stammten von 380 Covid-19-Patienten aus Italien, Spanien und der Schweiz), dass von den Personen mit einem diagnostizierten Vitamin-D-Mangel angeblich 99 Prozent ihrer Covid-19-Erkrankung erlagen. Von den Betroffenen mit einem etwas höheren, aber immer noch unzureichenden Vitamin-D-Spiegel, seien 88 Prozent verstorben.

Auffällig: Bei den Patienten mit ausreichender Vitamin-D-Versorgung lag die Sterberate offenbar bei nur vier Prozent. Die Forscher folgerten daher, dass die Vergabe entsprechender Nahrungsergänzungsmittel einen Teil der Covid-19-Behandlung ausmachen sollte. Genaueres dazu ist in der Online-Datenbank „Research Square“ nachzulesen.

Die genannten Studienergebnisse scheinen sehr eindeutig. Vitamin D schützt vor einem schweren Covid-19-Verlauf. Oder ist es vielleicht doch nicht so? Eine neue Studie der kanadischen McGill University (Montreal) sät nun Zweifel an den Schutzwirkung-Behauptungen.

Kanadische Forscher: Keine Beweise, dass Vitamin D gegen das Coronavirus wirkt

Laut den kanadischen Forschern gibt es keine genetischen Beweise dafür, dass Vitamin D als Schutzmaßnahme gegen das Coronavirus wirkt. Wie kommen die Forschenden zu ihrer Aussage? Zum einen bemängeln sie, dass in entsprechenden (unkomplexen) Studien mögliche andere Einflussfaktoren nicht berücksichtigt worden seien (höheres Alter, chronische Erkrankungen…). Mit anderen Worten: Der kausale Zusammenhang fehlt.

Punkt 2: Um die Beziehung zwischen dem Vitamin-D-Spiegel und dem Schweregrad von Covid-19-Erkrankungen zu beurteilen und potenzielle Verzerrungen durch die bekannten Risikofaktoren auszuschließen, führten sie daher eine sogenannte Mendelsche Randomisierungsstudie durch: Man checkte Daten von rund 14.000 Personen aus elf Ländern mit einem genetisch bedingt hohen Vitamin-D-Spiegel, die sowohl an Covid-19 erkrankt als auch nicht erkrankt waren.

Ihre Ergebnisse legen nahe, dass es bei Menschen, die die Krankheit entwickeln, keinen Unterschied im Vitamin-D-Spiegel und der Wahrscheinlichkeit gab, schwer zu erkranken, im Krankenhaus behandelt werden zu müssen oder überhaupt anfälliger für die Erkrankung zu sein. Eine Vitamin-D-Supplementierung als Maßnahme der öffentlichen Gesundheit zur Verbesserung [der Verläufe von Covid-19, Anm. d. Red. ] unterstützen sie daher nicht. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift „Plos Medicine“ veröffentlicht.

Allerdings: Die Studie berücksichtigt keine Patienten, die einen echten Vitamin-D-Mangel aufwiesen. Daher sei es „weiterhin möglich, dass diese Menschen von einer Nahrungsergänzung für den Schutz im Zusammenhang mit Covid-19 profitieren“, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität.

Das sagt der Ernährungswissenschaftler

Wenn der Vitamin-D-Spiegel also weniger Einfluss als vermutet auf eine Covid-19-Erkrankung hat – begünstigt er vielleicht vielmehr die generelle körperliche Konstitution der Menschen?

„Vitamin D wird im Körper zu einem Hormon aktiviert, das Hunderte von Genen in unseren Zellen der verschiedenen Gewebe und Organe anschalten kann“, erklärte dazu in einem FITBOOK-Interview Ernährungswissenschaftler Prof. Nicolai Worm. Einer ausreichenden Vitamin-D-Versorgung wird eine entsprechend große Bedeutung beigemessen, die (über die mentale Verfassung hinaus) diverse physische Prozesse unterstützen soll.

Wie kommt man an Vitamin D?
Vitamin D wird auch das „Sonnenhormon“ genannt. Setzen wir unsere Haut der UVB-Strahlung der Sonne aus, bewirkt diese eine Synthese des Pro-Vitamin D3 in den Hautzellen. Dieses speichert der Körper im Fett- und Muskelgewebe als inaktives D3 ab und kann eine Zeit lang davon zehren. In den dunklen Wintermonaten ist der Vitamin-D-Spiegel tendenziell logischerweise niedriger als im Sommer. Um über die Nahrung einen ausreichend hohen Vitamin-D-Spiegel zu gewährleisten, müsste man täglich große Mengen an fettem Fisch (wie z. B. Lachs oder Makrele) zu sich nehmen. Das tun nur die wenigsten Menschen. Deshalb setzen selbst Ernährungswissenschaftler häufig auf die Einnahme Vitamin-D-haltiger Nahrungsergänzungsmittel.

Fazit

Die Empfehlung, nahrungsergänzend Vitamin D einzunehmen, sollte nicht (ausschließlich) von einer etwaigen Covid-19-Erkrankung abhängen, sondern vielmehr vom generellen Versorgungsstatus. Das Hormon ist wichtig für alle körperlichen Prozesse und die generelle Gesundheit.