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Zwei neue Studien

Was im Darm wächst, könnte Allergien bei Kindern mitbestimmen

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Zwei Studien zeigen, welchen Zusammenhang Darmpilze und mögliche Allergien bei Kindern haben können Foto: Getty Images/ MICROGEN IMAGES/SCIENCE PHOTO LIBRARY
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Martin Lewicki
Freier Autor

24. Juni 2026, 20:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Studien erschienen, die zeigen, wie wichtig der Darm für unsere Gesundheit ist. Der Einfluss der Darmbakterien auf die Körperfunktionen ist enorm hoch. Nicht nur auf die Verdauung, sondern auch auf das Immunsystem bis hin zum Gehirn. Zwei neue Studien zeigen, dass bestimmte Pilze im Darm offenbar einen Einfluss darauf haben, ob wir Allergien entwickeln oder nicht.

Laut einem Wissenschaftsbericht des Bundesinstituts für Risikobewertung entwickeln mehr als 30 Prozent der Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens eine allergische Erkrankung.1 

Hierbei kommt es zu einer Störung im Immunsystem, wodurch es überempfindlich auf bestimmte körperfremde Stoffe reagiert. Das können Pflanzenpollen, Medikamente, Chemikalien sowie Lebensmittel sein. Diese verursachen dann Symptome wie Juckreiz, Rötungen und Schwellungen. Gleich zwei neue Studien zeigen, dass eine bestimmte Pilzart im Darm von Kindern, eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Allergien wie Neurodermitis und Asthma spielen kann.

Was haben die beiden Studien genau untersucht?

Die erste Studie stammt von Dr. Stuart Turvey und seinem Team am kanadischen „BC Children’s Hospital Research Institute“ (BCCHR) in Vancouver.2 Sie analysierten Daten aus der großangelegten „CHILD Cohort Study“. Darin wird die Entwicklung von über 3500 Kindern wissenschaftlich begleitet. Für die vorliegende Untersuchung wurden 2256 Stuhlproben von 1409 Kindern im ersten Lebensjahr ausgewertet. Die Forscher wollten dabei herausfinden, welche Pilzarten sich im frühen Säuglingsalter im Darm ansiedeln. Zudem wurde untersucht, ob es Zusammenhänge mit der späteren Entwicklung von allergischen Erkrankungen wie Neurodermitis oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Kindern bis zum Alter von fünf Jahren gibt.

In der zweiten kanadischen Studie, die von Dr. Marie-Claire Arrieta vom „Snyder Institute for Chronic Diseases“ und dem „Alberta Children’s Hospital Research Institute“ der University of Calgary geleitet wurde, verfolgte man einen anderen Ansatz. Die Forscher untersuchten prospektiv, also in die Zukunft schauend, wie sich Antibiotika-Behandlungen bei Säuglingen unter sechs Monaten auf das Mikrobiom des Darms auswirken und welche immunologischen Folgen das haben kann.3

Ergänzend wurden Mausversuche durchgeführt, um kausale Zusammenhänge im Labor zu belegen. Das Besondere dabei: Die beiden Studien ergänzen sich gegenseitig und untermauern so ihre jeweiligen Ergebnisse.

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Pilzarten verfolgen unterschiedliche Entwicklungspfade

Die Auswertung der Daten aus der „CHILD Cohort Study“ von Dr. Stuart Turvey und seinem Team ergab, dass verschiedene Pilzarten im Säuglingsdarm charakteristische Entwicklungsverläufe aufweisen. So nahm die Pilzfamilie Saccharomyces (auch als Zuckerhefen bekannt) im ersten Lebensjahr kontinuierlich zu. Die Gattung Malassezia (ebenfalls ein Hefepilz) zeigte den gegenteiligen Trend. Entscheidend war jedoch, dass die Häufigkeit einzelner Pilzarten im Zusammenhang mit späteren immunologischen Erkrankungen stand. So war Malassezia beispielsweise bei Säuglingen häufiger nachweisbar, die im Verlauf ihrer Kindheit eine Neurodermitis entwickelten.

„Weltweit sind Hunderte Millionen Kinder von allergischen Erkrankungen betroffen, und die Zahl steigt“, kommentiert Dr. Stuart Turvey das Ergebnis seiner Studie. Ein besseres Verständnis der Ursachen dieser Erkrankungen und der Möglichkeiten zu ihrer Vorbeugung wäre für Kinder auf der ganzen Welt von enormem Nutzen.

Antibiotika verschieben das Pilzgleichgewicht

Doch was führt zu einer ungesunden Darmflora beziehungsweise einem Pilzungleichgewicht? Auf diese Frage liefert die zweite Studie von Dr. Marie-Claire Arrieta eine Antwort. Ihr Forschungsteam zeigte, dass eine Antibiotika-Behandlung im frühen Säuglingsalter die Anzahl von Pilzarten im Darm messbar erhöht. Dies galt insbesondere für den Hefepilz Malassezia. Genau diese Art steht in Zusammenhang mit der Entwicklung von Neurodermitis. In anschließenden Mausversuchen haben die Forscher festgestellt, dass eine Besiedlung mit dieser Pilzart zu einer verstärkten allergischen Entzündungsreaktion in Immunzellen des Darms und der Atemwege führt.

„Diese Ergebnisse decken einen bislang unbekannten Zusammenhang zwischen der Einnahme von Antibiotika in der frühen Kindheit und dem Risiko für allergische Erkrankungen auf und zeigen, wie das sich entwickelnde Immunsystem während einer entscheidenden Entwicklungsphase durch Pilze im Darmmikrobiom geprägt wird“, erklärt die Studienleiterin Dr. Arrieta in einer Pressemitteilung.4

Zwar seien Antibiotika oft eine unverzichtbare Behandlungsmethode bei Kleinkindern, doch zeige ihre Studie, dass es einen bislang übersehenen Effekt auf das Darmmikrobiom gebe. So können Antibiotika das Wachstum von Pilzarten wie Malassezia begünstigen und so die Immunfunktion direkt beeinflussen.

Diese Forschung rückt einen bisher oft übersehenen Teil unserer Darmflora ins Rampenlicht: das Mykobiom. Während die Rolle von Bakterien bereits gut erforscht ist, zeigen diese neuen Daten, dass Pilze wie Malassezia entscheidende Weichen für unser Immunsystem stellen. Da Antibiotika im Notfall lebenswichtig bleiben, könnten diese Erkenntnisse in Zukunft helfen, begleitende Therapien zu entwickeln, die das Pilzgleichgewicht im Darm während einer Behandlung schützen.

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Neue Therapien für Kinder mit Neurodermitis und Asthma in Aussicht

Beide Studien zeigen, wie bestimmte Pilzarten im Darm offenbar einen Einfluss darauf haben, ob wir Allergien entwickeln oder nicht. Vor allem der Hefepilz Malassezia steht laut den Forschern im Zusammenhang mit der Entwicklung von Neurodermitis und Asthma. Diese Erkenntnis, könnte dabei helfen, in Zukunft neue Therapieansätze zu entwickeln. Zudem könnte ein bewussterer Umgang mit Antibiotika helfen, ein übermäßiges Pilzwachstum in dieser kritischen Phase zu vermeiden.

Zukünftige Studien könnten dabei helfen, neue Behandlungsmethoden gegen Allergien zu entwickeln. Beispielsweise, um die Ausbreitung der Pilzart Malassezia im Darm zu verhindern.

Einordnung der Studien und mögliche Einschränkungen

Die Studien haben einige Stärken: Die erste basiert auf vielen Teilnehmern, die zweite ergänzt die Ergebnisse durch verschiedene Untersuchungen. Dadurch konnten mögliche biologische Zusammenhänge genauer untersucht werden.

Es gibt aber auch Einschränkungen: Die erste Studie zeigt nur Zusammenhänge und kann nicht beweisen, dass die Pilze tatsächlich die Ursache der Erkrankungen sind. Ergebnisse aus Mäuseversuchen liefern zudem wichtige Hinweise, lassen sich aber nicht immer direkt auf Menschen übertragen.

Außerdem fehlen Angaben zu Risikozahlen, Effektstärken und der Nachbeobachtungszeit. Daher ist die tatsächliche Bedeutung der Ergebnisse nur eingeschränkt beurteilbar.

Quellen

  1. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Wissenschaftsbericht zu Allergien - Hintergründe und Fakten (PDF - aufgerufen am 24.6.2026) ↩︎
  2. Hoskinson, C., Dai, D.L.Y., Petersen, C., et. al. (2026). Saccharomycetes and Malassezia fungi associate with early-life gut maturation and allergic disease risk in childhood. Nature Communications. ↩︎
  3. van Tilburg, Bernardes, E., Glatthardt, T., Gutierrez, M.W., et. al. (2026). Antibiotic-induced Malassezia expansion in the infant gut promotes early-life immune dysregulation and airway inflammation in mice. Nature Communications. ↩︎
  4. EurekAlert! Gut fungi may hold the key to treating Asthma worldwide (aufgerufen am 24.6.2026) ↩︎

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