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Forschung

Warum Optimisten oft gesünder sind – und was sie im Alltag anders machen

Optimisten bewerten Rückschläge häufig anders als Pessimisten. Welche Gewohnheiten sich übernehmen lassen und was die Forschung dazu sagt.
Optimisten bewerten Rückschläge häufig anders als Pessimisten. Welche Gewohnheiten sich übernehmen lassen und was die Forschung dazu sagt Foto: Getty Images
Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

7. September 2026, 10:39 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Der Kaffee landet auf der frisch angezogenen Bluse, die Bahn fährt vor der Nase weg und dann kommt auch noch eine Nachricht, die man lieber nicht gelesen hätte. Manchmal reichen Kleinigkeiten und der ganze Tag scheint gelaufen. Optimisten ticken anders. Sie rechnen nicht automatisch damit, dass auf ein Missgeschick gleich das nächste folgt. Und genau diese Haltung könnte sogar ihrer Gesundheit zugutekommen.

Was Optimismus mit dem Herzen zu tun hat

Optimisten erleben dieselben „schlechten“ Dinge wie Pessimisten. Der Unterschied liegt aber eher darin, was sie daraus machen. Sie erwarten nicht automatisch, dass es so weitergeht. Genau das interessiert inzwischen auch die Forschung. Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur positiven Psychologie und Herz-Kreislauf-Gesundheit aus dem Jahr 2026 zeigt, dass Optimismus, positive Emotionen und emotionale Vitalität mit weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer geringeren Sterblichkeit verbunden sind. Untersucht werden zudem Methoden wie Dankbarkeitsübungen, Optimismustraining und Achtsamkeit.1 Solche Ansätze zeigen Verbesserungen bei Herz-Kreislauf-Risikofaktoren und gesundheitsbezogenem Verhalten.

Für kurzfristige körperliche Effekte werden diese Untersuchungen typischerweise häufig über acht bis zwölf Wochen durchgeführt. Um Verhaltensänderungen aufrechtzuerhalten, könnte anschließend eine weniger intensive Fortführung nötig sein. Noch hat die Forschung allerdings Grenzen: Viele der bisherigen Studien sind klein, die untersuchten Gruppen wenig vielfältig und langfristige gesundheitliche Auswirkungen bislang nicht ausreichend untersucht.

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Nach Rückschlägen nach vorn schauen

Wie sich eine optimistische Haltung in einer gesundheitlich besonders schwierigen Situation bemerkbar machen könnte, zeigt eine 2023 veröffentlichte Untersuchung.2 Dafür begleiteten Wissenschaftler 879 Menschen ab 50 Jahren nach einem Schlaganfall. Die Gruppe der optimistischen Teilnehmer ohne Depression zeigte in den ersten drei Monaten die stärkste funktionelle Erholung. Insgesamt fanden die Forscher einen Zusammenhang zwischen Optimismus, Depression und dem Verlauf der Genesung.

Das bedeutet nicht, dass Optimismus die bessere Genesung verursacht. Die Wissenschaftler weisen jedoch auf einen interessanten Punkt hin: Eine optimistische Haltung geht häufig mit erlernten Verhaltensweisen wie Problemlösen, Bewältigungsstrategien und dem Setzen von Zielen einher. Genau davon lässt sich etwas in den Alltag übertragen. Nach einem Rückschlag nicht ausschließlich darauf schauen, was nicht funktioniert hat. Interessanter ist die Frage: Was wäre jetzt ein realistisches nächstes Ziel – und was kann ich dafür tun?

Wenn die Probleme mit ins Bett kommen

Dass Optimismus auch mit unserem Schlaf zusammenhängen könnte, zeigte 2020 eine österreichische Untersuchung mit 1004 Menschen.3 Bei optimistischen Teilnehmern war die Wahrscheinlichkeit für Schlafstörungen beziehungsweise Schlaflosigkeit rund 70 Prozent geringer als bei pessimistischen. Als mögliche Erklärung für den beobachteten Zusammenhang nennen die Wissenschaftler unter anderem bessere Strategien zur Problembewältigung und weniger empfundenen Stress in schwierigen Situationen.

Eine solche Strategie lässt sich ausprobieren: Kann man dieses Problem heute Abend noch lösen? Falls ja, kann man einen nächsten Schritt festlegen. Falls nein, bringt auch die zehnte Wiederholung im Kopf keine neue Antwort.

Optimismus und Schlaganfallrisiko

Noch weiter zurück reicht eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2011. Die Wissenschaftler betrachteten 6044 Erwachsene über 50, die zu Beginn keinen Schlaganfall gehabt hatten.4

Während der zweijährigen Nachbeobachtung traten 88 Schlaganfälle auf. Ein höherer Optimismuswert war mit einem niedrigeren Schlaganfallrisiko verbunden. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem zahlreiche gesundheitliche, biologische, psychologische und soziodemografische Faktoren statistisch berücksichtigt worden waren.

Warum Optimismus damit zusammenhing, konnten die Forscher nicht abschließend klären. Sie nennen unter anderem das Gesundheitsverhalten als möglichen Weg. Und genau darin steckt etwas, das sich abschauen lässt: Optimismus bedeutet nicht, darauf zu vertrauen, dass einem schon nichts passieren wird. Wer dagegen glaubt, dass das eigene Verhalten einen Unterschied machen kann, könnte eher bereit sein, tatsächlich etwas für seine Gesundheit zu tun.

Nicht immer gleich vom Schlimmsten ausgehen

Dass Pessimismus sogar mit dem Blutdruck zusammenhängen könnte, untersuchten Wissenschaftler bereits 1999.5 In einer Studie betrachteten sie Optimismus, Pessimismus und Ängstlichkeit sowie den Blutdruck von Erwachsenen im Alltag. Pessimistische und ängstliche Menschen hatten dabei höhere Blutdruckwerte als Optimisten beziehungsweise wenig ängstliche Menschen. Das bedeutet natürlich nicht, dass sich ein hoher Blutdruck einfach positiv wegdenken lässt. Spannend ist vielmehr, was wir daraus für unsere Gedanken mitnehmen können. Der Chef möchte plötzlich sprechen? Das heißt noch lange nicht, dass die Kündigung folgt. Eine Nachricht bleibt unbeantwortet? Auch dafür kann es zahlreiche Erklärungen geben. Bevor aus einer Möglichkeit im Kopf eine Gewissheit wird, hilft deshalb ein kurzer Realitätscheck: Was weiß man wirklich – und was befürchtet man gerade lediglich?

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Auch das Immunsystem reagiert auf Belastungen

Einen weiteren Hinweis lieferte bereits 1998 eine Studie mit Studierenden der Rechtswissenschaften während ihres ersten Studiensemesters. Die Wissenschaftler untersuchten Optimismus, Stimmung, Stressbewältigung und Veränderungen des Immunsystems.6

Optimismus war unter anderem mit einer größeren Zahl von T-Helferzellen und einer höheren Aktivität natürlicher Killerzellen verbunden. Bei einigen dieser Zusammenhänge spielten auch die Stimmung beziehungsweise der wahrgenommene Stress eine Rolle.

Daraus lässt sich nicht ableiten, dass positives Denken automatisch die Abwehrkräfte stärkt. Der interessante Punkt liegt erneut im Umgang mit Belastungen. Wenn sich eine schwierige Situation nicht sofort beseitigen lässt, kann man zumindest entscheiden, worauf man seine Energie richtet: auf das Problem selbst oder auf den Teil, den man noch beeinflussen kann.

Kann man Optimismus lernen?

Bleibt eine entscheidende Frage: Was bringt all das Menschen, die sich selbst eindeutig zur pessimistischen Fraktion zählen? Es gibt Hinweise darauf, dass sich Optimismus zumindest in gewissem Maße trainieren lässt. Eine Möglichkeit ist die sogenannte „Best Possible Self“-Methode. Dabei stellt man sich vor und schreibt auf, wie das eigene bestmögliche Leben in der Zukunft aussehen könnte. Anschließend geht es darum, darüber nachzudenken und realistische Ziele zu entwickeln.7

Auch die aktuelle Übersichtsarbeit von 2026 beschäftigt sich mit Optimismustraining sowie Dankbarkeits- und Achtsamkeitsübungen. Es geht also nicht darum, eines Morgens plötzlich als vollkommen anderer Mensch aufzuwachen. Bestimmte Denkweisen können gezielt geübt werden.

Eine Grenze gibt es allerdings. Wer grundsätzlich davon ausgeht, dass schon nichts passieren wird, kann Risiken und sinnvolle Vorsichtsmaßnahmen unterschätzen. Optimismus bedeutet deshalb nicht, jedes Problem schönzureden.

Der Kaffee auf der Bluse darf nerven. Die verpasste Bahn ebenso. Nur muss aus zwei schlechten Momenten noch lange kein schlechter Tag werden.

Quellen

  1. Hernandez, R., Kwon, S., Vela, AM. et al. (2026). Positive Psychology Interventions and Cardiovascular Health: Frequency and Duration to Sustain Cardiovascular Benefits. Cardiol Clin. ↩︎
  2. Sloane, KL., Kasner, SE., Favilla, CG. et al. (2023). Always Look on the Bright Side: Associations of Optimism With Functional Outcomes After Stroke. J Am Heart Assoc. ↩︎
  3. Weitze,r J., Papantoniou, K. et al. (2020). The contribution of dispositional optimism to understanding insomnia symptomatology: Findings from a cross-sectional population study in Austria. J Sleep Res. ↩︎
  4. Kim, ES., Park, N., Peterson, C. (2011). Dispositional optimism protects older adults from stroke: the Health and Retirement Study. Stroke. ↩︎
  5. Räikkönen, K., Matthews, KA. et al. (1999). Effects of optimism, pessimism, and trait anxiety on ambulatory blood pressure and mood during everyday life. J Pers Soc Psychol.  ↩︎
  6. Segerstrom, SC., Taylor, SE. et al. (1998). Optimism is associated with mood, coping, and immune change in response to stress. J Pers Soc Psychol. ↩︎
  7. Medizinische Universität Wien. Optimistische Menschen schlafen besser. (aufgerufen am 04.09.2026) ↩︎

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