20. Juli 2026, 13:28 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Es ist ein Moment, den viele Eltern ihr Leben lang nicht vergessen: die Hochzeit der eigenen Tochter. Die Freude ist riesig, die Gefühle überwältigend. Doch kann Glück tatsächlich so groß werden, dass es dem Herzen zu viel wird? Genau das könnte einer 65-jährigen Frau passiert sein. Wenige Tage nach der Feier landete sie plötzlich mit starken Brustschmerzen und Atemnot im Krankenhaus. Zunächst schien alles auf einen Herzinfarkt hinzudeuten. Doch die Ärzte machten eine überraschende Entdeckung.
Alles sprach zunächst für einen Herzinfarkt
Als die Frau medizinische Hilfe suchte, hatten die Ärzte zunächst kaum einen Zweifel: Ihre Beschwerden passten zu einem Herzinfarkt. Sie klagte seit drei Tagen über Brustschmerzen, außerdem fiel ihr das Atmen schwer – vor allem bei körperlicher Belastung. Auch das erste Elektrokardiogramm (EKG), das die elektrische Aktivität des Herzens misst, zeigte auffällige Veränderungen. Deshalb wurde sie sofort in die Notaufnahme eines spezialisierten Krankenhauses überwiesen. Der Fallbericht wurde jetzt im Journal „Oxford Medical Case Reports“ veröffentlicht.1
Doch dann passte plötzlich etwas nicht mehr zusammen. Zwar war ein wichtiger Blutwert erhöht, der auf eine Schädigung des Herzmuskels hindeuten kann. Als die Ärzte jedoch die Herzkranzgefäße untersuchten – also die Blutgefäße, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgen –, fanden sie weder eine Verengung noch einen Verschluss. Genau das wäre bei einem klassischen Herzinfarkt zu erwarten gewesen.
Der Herzinfarkt bestätigte sich nicht
Die Ärzte suchten deshalb weiter nach der Ursache. Dabei zeigte sich etwas Unerwartetes: Das Herz der Frau arbeitete plötzlich deutlich schwächer als noch wenige Monate zuvor. Vor allem die linke Herzkammer war betroffen. Sie ist die wichtigste Pumpkammer des Herzens und befördert sauerstoffreiches Blut durch den gesamten Körper.
Normalerweise konnte ihr Herz bei jedem Herzschlag rund 58 Prozent des Blutes aus dieser Herzkammer weiterpumpen. Jetzt waren es nur noch 35 Prozent. Das bedeutet: Das Herz konnte den Körper vorübergehend nicht mehr so gut mit Blut und Sauerstoff versorgen. Gleichzeitig zog sich die Herzspitze kaum noch zusammen – ein Muster, das Ärzte vom Takotsubo-Syndrom kennen. Dieses ist auch als Broken-Heart-Syndrom bekannt und eine Form akuter Herzschwäche, die durch starken emotionalen oder körperlichen Stress ausgelöst wird. Auch der Herzwert Troponin war deutlich erhöht. Dieser Blutwert steigt an, wenn Herzmuskelzellen geschädigt werden.2
Trotzdem fanden die Ärzte weder einen Verschluss der Herzkranzgefäße noch Hinweise auf einen Herzinfarkt oder eine Herzmuskelentzündung. Erst das MRT brachte schließlich Gewissheit: Die Diagnose lautete tatsächlich Takotsubo-Syndrom.
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Erholung statt bleibender Schäden
Die Frau erhielt die empfohlene Behandlung (diese ähnelt zunächst der Behandlung eines akuten Herzinfarkts, angepasst an die individuelle Symptomatik) und wurde anschließend kardiologisch weiter betreut. Schon bei der Nachuntersuchung hatte sich ihre Herzfunktion deutlich verbessert. Die Pumpleistung war wieder auf 56 Prozent angestiegen. Das Herz arbeitete damit fast wieder so gut wie vor der Erkrankung. Nach Angaben der Autoren konnte sie ihren Alltag ohne Einschränkungen wieder aufnehmen und lebt weiterhin gesund.
Die andere Seite des Broken-Heart-Syndroms
Die Beschwerden traten wenige Tage nach der Hochzeit der Tochter auf – einem Ereignis, das die Patientin als besonders glücklich erlebt hatte. Deshalb ordneten die Ärzte den Fall als „Happy-Heart-Syndrom“ ein. Ob die Freude tatsächlich der Auslöser war, kann diese Fallstudie allerdings nicht beweisen. Sie zeigt lediglich, dass beides zeitlich zusammenfiel.
Dass starke Gefühle das Herz beeinflussen können, ist nicht neu. Meist tritt ein Takotsubo-Syndrom nach belastenden Erlebnissen wie Trauer, Angst oder starkem Stress auf. Deshalb wird die Erkrankung umgangssprachlich auch „Broken-Heart-Syndrom“ genannt. Wesentlich seltener gehen den Beschwerden besonders glückliche Ereignisse voraus – dann sprechen Ärzte vom „Happy-Heart-Syndrom“. Diese Erkenntnisse stammen aus früheren wissenschaftlichen Studien und wurden durch den aktuellen Fallbericht nicht neu nachgewiesen, aber weiter untermauert.
Was frühere Studien bereits zeigen
Das Takotsubo-Syndrom ist insgesamt selten. Nach Angaben der Autoren macht es schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Fälle aus, bei denen Ärzte zunächst einen Herzinfarkt oder eine ähnliche akute Herzerkrankung vermuten. Andere Studien berichten bei bestimmten Patientengruppen von einem Anteil zwischen einem und drei Prozent. Diese Zahlen stammen aus früheren wissenschaftlichen Arbeiten und nicht aus der aktuellen Fallstudie.3
Die meisten Takotsubo-Syndrome treten nach belastenden Ereignissen wie Trauer, Angst oder starkem Stress auf. Nur ein kleiner Teil wird durch besonders starke positive Gefühle ausgelöst. Nach einer früheren Untersuchung traf das auf rund 4,1 Prozent aller Fälle zu, die durch emotionale Auslöser bedingt waren. Diese Form wird als „Happy-Heart-Syndrom“ bezeichnet. Betrachtet man auch Takotsubo-Fälle, die durch körperlichen Stress hervorgerufen werden, ist es mit etwa 1,1 Prozent sogar noch seltener. Diese Zahlen stammen aus einer früheren Studie und nicht aus dem aktuellen Fallbericht.4
Warum manche Menschen nach großer Freude und andere nach Trauer oder starkem Stress erkranken, ist bislang nicht vollständig geklärt. Vermutet wird, dass in beiden Fällen eine starke Ausschüttung von Stresshormonen den Herzmuskel vorübergehend beeinträchtigen kann. Diese Erkenntnisse stammen ebenfalls aus früheren Studien und wurden in der aktuellen Fallstudie nicht untersucht.
Warum die Diagnose so schwierig war
Dass die Ärzte zunächst an einen Herzinfarkt dachten, überrascht kaum. Brustschmerzen, Atemnot, auffällige EKG-Veränderungen und erhöhte Herzwerte gehören zu den typischen Warnzeichen eines Herzinfarkts. Genau deshalb wurde die Patientin zunächst auch entsprechend behandelt. Wichtig für die Einordnung ist zudem, dass die Frau bereits an Bluthochdruck und Diabetes Typ 2 erkrankt war und wegen erhöhter Fettwerte in ärztlicher Behandlung war.
Erst als die Herzkranzgefäße untersucht wurden, zeigte sich: Die eigentliche Ursache musste eine andere sein. Genau das macht das Takotsubo-Syndrom so schwer zu erkennen. Ohne weitere Untersuchungen wäre die Erkrankung kaum von einem Herzinfarkt zu unterscheiden gewesen.
Nach Ansicht der Autoren sollten Ärzte deshalb auch dann an ein Takotsubo-Syndrom denken, wenn Patienten kurz zuvor kein belastendes, sondern ein besonders freudiges Ereignis erlebt haben. Gerade diese ungewöhnliche Vorgeschichte könnte dazu führen, dass die richtige Diagnose zunächst übersehen wird.
Schon mal vom Happy-Heart-Syndrom gehört? Zu viel Freude könnte Ihr Herz schädigen
Was ist das Broken-Heart-Syndrom?
Die gute Nachricht
Auch wenn die Diagnose zunächst beunruhigend klingt – das „Happy-Heart-Syndrom“ ist häufig nicht von Dauer. Bei der 65-jährigen Frau erholte sich das Herz nach der Behandlung deutlich. Die Pumpleistung stieg von 35 auf 56 Prozent und lag damit fast wieder auf dem ursprünglichen Wert. Nach Angaben der Autoren konnte die Patientin ihren Alltag wieder ohne Einschränkungen aufnehmen. Sie freut sich inzwischen darauf, weitere wichtige Familienereignisse ihrer Kinder mitzuerleben.
Mehr Hinweis als Beweis
So spannend der Fall auch ist: Er beantwortet längst nicht alle Fragen. Die Veröffentlichung beschreibt nur eine einzige Patientin. Deshalb lässt sich daraus weder ableiten, dass große Freude grundsätzlich ein „Happy-Heart-Syndrom“ auslöst, noch wie häufig das tatsächlich passiert.
Auch warum manche Menschen nach einem freudigen Ereignis erkranken und andere nicht, bleibt offen. Dafür sind deutlich größere Studien notwendig. Die Autoren selbst ziehen aus ihrem Bericht deshalb keine allgemeinen Schlussfolgerungen, sondern ordnen ihn als gut dokumentierten Einzelfall ein.
Die Diagnose gilt als gut abgesichert
Trotzdem hat der Bericht einen wichtigen Wert. Die Ärzte überprüften ihre Diagnose mit mehreren Untersuchungen. Dazu gehörten EKG, Bluttests, Herzultraschall, Herzkatheter und ein MRT. Außerdem schlossen sie andere mögliche Ursachen wie einen Herzinfarkt oder eine Herzmuskelentzündung aus. Dadurch zählt der Bericht zu den gut dokumentierten Fällen des „Happy-Heart-Syndroms“.