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Laut Studie

Verbreitetes Unkraut könnte sich positiv auf Gehirngesundheit auswirken

Ein unscheinbares Gartengewächs rückt in den Fokus der Forschung. Welche Rolle spielt es für Gedächtnis und kognitive Prozesse?
Ein unscheinbares Gartengewächs rückt in den Fokus der Forschung. Welche Rolle spielt es für Gedächtnis und kognitive Prozesse? Foto: Getty Images
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Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

30. März 2026, 14:00 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Schon von klein auf bekommt man gesagt: „Iss dein Gemüse, das ist gesund.“ Vor allem alles, was grün ist, gilt als gut für den Körper. Salat, Spinat, Kräuter – je grüner, desto besser. Doch was, wenn ausgerechnet ein unscheinbares Gewächs, das viele eher aus dem Garten entfernen als auf den Teller legen, Prozesse beeinflussen könnte, die mit dem Gehirn und Gedächtnis zusammenhängen? Genau das legt eine neue Studie nahe.

Warum Forscher plötzlich ein Unkraut unter die Lupe nehmen

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Löwenzahn, eine Pflanze, die fast überall wächst und oft unterschätzt wird.1 Wissenschaftler haben sich auf sogenannte Polyphenole konzentriert. Das sind natürliche Pflanzenstoffe, die im Körper eine schützende Wirkung haben können. Sie helfen dabei, aggressive Moleküle zu neutralisieren, die Zellen schädigen.

Der Hintergrund der Studie ist Alzheimer. Bei dieser Erkrankung sterben nach und nach Nervenzellen im Gehirn ab. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Botenstoff namens Acetylcholin. Er sorgt dafür, dass Nervenzellen miteinander kommunizieren und Informationen gespeichert werden können.

Enzym spielt wichtige Rolle

Ein Enzym namens Acetylcholinesterase baut diesen Botenstoff ab. Ist dieses Enzym zu aktiv, wird zu viel Acetylcholin zerstört. Das kann Gedächtnisprobleme verstärken. Genau hier setzt die Forschung an: Wird dieses Enzym gebremst, könnte das helfen, den Abbau zu verlangsamen. Frühere Studien zeigen bereits, dass Polyphenole ähnliche Prozesse im Körper beeinflussen können, etwa Entzündungen oder den Abbau wichtiger Botenstoffe im Gehirn.2,3,4

Die aktuelle Untersuchung knüpft daran an und überträgt diese Ansätze gezielt auf Löwenzahn. Vorweggenommen: Im Labor zeigen vorrangig die Blätter die stärksten Effekte auf diese Alzheimer-relevanten Prozesse.

Forscher simulieren Verdauung im Labor

Die Studie wurde im Labor durchgeführt, nicht am Menschen. Dafür wurden Blüten, Wurzeln und Blätter getrocknet, zu Pulver verarbeitet und mit einer Alkohol-Wasser-Mischung unter Ultraschall behandelt. So konnten die enthaltenen Pflanzenstoffe gezielt herausgelöst werden.

Diese Extrakte wurden anschließend in verschiedenen Konzentrationen getestet. Die Wissenschaftler untersuchten, wie stark sie ein Enzym beeinflussen, das den wichtigen Gedächtnis-Botenstoff abbaut. Außerdem prüften sie, ob die Stoffe Entzündungsprozesse beeinflussen und wie gut sie schädliche Moleküle neutralisieren können.

Ein zentraler Teil der Studie war die Verdauungssimulation. Dabei wurde im Labor nachgestellt, was im Körper passiert – zuerst im Mund, dann im Magen und schließlich im Dünndarm mit Verdauungsenzymen und Gallensäuren.

Nach jeder dieser Phasen wurde erneut gemessen, wie viele Pflanzenstoffe vorhanden sind und wie stark ihre Wirkung ist.

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Die Ergebnisse: Ein Pflanzenteil sticht klar heraus

Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Pflanzenteilen und einen klaren Favoriten.

Blätter liefern die stärkste Wirkung

Vor allem die Blätter stechen heraus. Sie liefern die größte Menge an wirksamen Pflanzenstoffen und bremsen gleichzeitig am stärksten das Enzym Acetylcholinesterase. Dieses Enzym sorgt (wie zuvor erwähnt) im Gehirn dafür, dass ein wichtiger Botenstoff abgebaut wird, der für Gedächtnis und Denken entscheidend ist.

Schon bei niedriger Konzentration wird die Aktivität dieses Enzyms um etwa 93 Prozent gehemmt. Bei höherer Konzentration steigt dieser Wert auf bis zu 98 Prozent. Das bedeutet: Die Blätter können im Labor den Abbau dieses wichtigen Botenstoffs fast vollständig ausbremsen.

Auch bei Entzündungen vorne

Auch bei Entzündungen zeigen die Blätter die stärkste Wirkung. Sie bremsen ein Enzym namens Lipoxygenase. Dieses Enzym spielt eine wichtige Rolle bei Entzündungsprozessen im Körper und kann diese verstärken.

Blüten punkten beim Zellschutz

Die Blüten schneiden in einem anderen Bereich besser ab. Sie sind besonders effektiv darin, sogenannte reaktive Stickstoffverbindungen zu neutralisieren. Das sind aggressive Moleküle, die Zellen schädigen können und mit Alterungsprozessen sowie Krankheiten in Verbindung gebracht werden.

Wurzeln bleiben im Mittelfeld

Die Wurzeln zeigen insgesamt schwächere Effekte, liegen aber meist zwischen Blättern und Blüten.

Wirkung steigt mit der Menge

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Wirkung hängt stark von der Menge ab. Je höher die Konzentration der Pflanzenstoffe, desto stärker fallen die Effekte aus.

Im Körper läuft es anders als im Labor

Ein besonders wichtiger Punkt der Studie ist die Verdauung – und die sorgt für eine überraschende Wendung.

Mehr Wirkstoffe im Darm

Man könnte erwarten, dass die Wirkung der Pflanzenstoffe im Körper eher schwächer wird. Doch im Gegenteil: Im Dünndarm steigt die Menge der verfügbaren Wirkstoffe deutlich an.

Der Grund: Während der Verdauung werden viele gebundene Pflanzenstoffe durch Enzyme und Gallensäuren erst freigesetzt. Dadurch stehen sie dem Körper in größerer Menge zur Verfügung als zuvor.

Die Wirkung verschiebt sich im Körper

Beim Enzym Acetylcholinesterase – also dem Mechanismus, der mit Gedächtnisprozessen zusammenhängt – ist die Wirkung bereits im Mund am stärksten und nimmt danach ab.

Warum nimmt die Wirkung trotz mehr Stoffen ab?

Das wirkt zunächst widersprüchlich: Im Darm gibt es mehr Wirkstoffe – trotzdem lässt der Effekt nach. Im Dünndarm herrschen andere chemische Bedingungen als im Mund. Dadurch verändern die Pflanzenstoffe teilweise ihre Struktur – und wirken auf dieses Enzym weniger stark. Bei anderen Effekten zeigt sich das Gegenteil: Die Wirkung gegen Entzündungen – vermittelt über das Enzym Lipoxygenase – und der Schutz vor Zellstress durch aggressive Moleküle sind im Dünndarm am stärksten.

Ein echtes „Zeitspiel“ im Körper

Das bedeutet: Die Pflanzenstoffe wirken nicht überall gleich, sondern entfalten ihre Effekte zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Verdauungsprozess. Während ein Teil der Wirkung früh einsetzt, zeigen andere Effekte ihre stärkste Wirkung erst später im Darm.

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Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen

Die Ergebnisse klingen zunächst vielversprechend, müssen aber klar eingeordnet werden.

Verdauung im Labor statt bei echten Menschen

Der wichtigste Punkt: Die Studie wurde ausschließlich im Labor durchgeführt. Es gab keine Untersuchungen an Menschen oder Tieren. Das bedeutet, dass unklar ist, ob die beobachteten Effekte bei der simulierten Verdauung tatsächlich auch im menschlichen auftreten.

Verdauung nur vereinfacht nachgestellt

Ein weiterer Aspekt ist die simulierte Verdauung. Zwar wurde im Labor nachgestellt, was im Mund, im Magen und im Darm passiert, jedoch bildet dieses Modell die Realität nur vereinfacht ab. Prozesse wie die Aufnahme der Stoffe ins Blut, deren Verteilung im Körper oder ihr Abbau wurden nicht vollständig berücksichtigt.

Nur ein kleiner Teil des großen Ganzen

Hinzu kommt, dass nur einzelne biologische Prozesse untersucht wurden. Im Fokus stand vor allem ein Enzym, das am Abbau eines wichtigen Botenstoffs beteiligt ist. Alzheimer ist jedoch eine sehr komplexe Erkrankung, bei der viele verschiedene Mechanismen gleichzeitig eine Rolle spielen. Ein einzelner Effekt im Labor lässt sich daher nicht einfach auf die Krankheit insgesamt übertragen.

Mengen wie im Alltag kaum erreichbar

Auch die getesteten Konzentrationen sind ein wichtiger Punkt. Die Mengen, bei denen im Labor starke Effekte beobachtet wurden, sind nicht automatisch durch normale Ernährung erreichbar. Ob und wie viel davon tatsächlich im Körper ankommt, bleibt offen.

Im Alltag wirken Stoffe anders zusammen

Zudem wurden die Effekte isolierter Pflanzenstoffe untersucht. In der realen Ernährung wirken jedoch viele verschiedene Substanzen gleichzeitig zusammen, was die tatsächliche Wirkung zusätzlich beeinflussen kann.

Insgesamt liefert die Studie daher vor allem Hinweise auf mögliche Mechanismen – sie beweist aber nicht, dass Löwenzahn tatsächlich einen schützenden Effekt auf das Gehirn beim Menschen hat.

Fazit

Löwenzahnblätter enthielten in der Studie am meisten Pflanzenstoffe wie Phenole und Flavonoide. Im Labor konnten diese Stoffe Enzyme bremsen, die mit Entzündungen und nervlichen Erkrankungen in Verbindung stehen.

Die Ergebnisse zeigen vor allem, wie viel Potenzial selbst unscheinbare Pflanzen enthalten können – und wie komplex der Weg von solchen Stoffen bis zu einer möglichen Wirkung im Körper ist.

Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass zwischen Laborergebnis und tatsächlichem Nutzen im Alltag ein großer Unterschied liegt. Entscheidend ist nicht nur, ob ein Stoff wirkt, sondern ob er im Körper überhaupt in ausreichender Menge ankommt und dort stabil bleibt.

Damit bleibt Löwenzahn vorerst vor allem eines: ein interessanter Kandidat für weitere Forschung am Menschen, aber noch keine belegte Strategie für die Gehirngesundheit.

Quellen

  1.  Chongting, Guo., Bingchan, Qu. et al. (2026). Characterisation of Dandelion Polyphenols and Their In Vitro Neuroprotective Effects During Simulated Digestion. Foods. ↩︎
  2. Yinghao, Wei., Yanqing, Zhang. et al. (2024). Modulation of the receptor for advanced glycation end products pathway by natural polyphenols: A therapeutic approach to neurodegenerative diseases. Food Bioscience ↩︎
  3. Jabir, NR., Khan, FR. et al. (2018). Cholinesterase targeting by polyphenols: A therapeutic approach for the treatment of Alzheimer's disease. CNS Neurosci Ther ↩︎
  4. Chen, ZR., Huang, JB., Yang, SL. et al. (2022). Role of Cholinergic Signaling in Alzheimer's Disease. Molecules. ↩︎

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