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Alzheimer, Krebs, HIV

Unerwarteter Risikofaktor führt laut Studie zu späten Diagnosen

Warum meiden so viele Menschen die Gesundheitsvorsorge? Forscher haben den Haupt-Risikofaktor für eine späte Diagnose ausfindig gemacht.
Warum meiden so viele Menschen die Gesundheitsvorsorge? Forscher haben den Haupt-Risikofaktor für eine späte Diagnose ausfindig gemacht. Foto: Getty Images
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Martin Lewicki
Freier Autor

28. August 2025, 4:33 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Gesundheitsvorsorge ist eine der besten Maßnahmen, um ernsthafte Krankheiten entweder ganz zu vermeiden oder sie im Frühstadium zu erkennen. Denn je früher eine Erkrankung erkannt wird, desto besser sind die Behandlungsmöglichkeiten. Forscher des Max-Planck-Instituts haben nun herausgefunden, dass und warum viele Menschen auf Gesundheitsvorsorge verzichten – und dass dies zu einem unerwarteten Risikofaktor für späte Diagnosen werden kann. FITBOOK-Autor Martin Lewicki stellt die Ergebnisse vor und spricht mit Erstautor und Doktorand Konstantin Offer.

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Wie viele Menschen meiden die Gesundheitsvorsorge, auch Check-ups genannt, zur Früherkennung von Krankheiten? Und welche Risikofaktoren führen zu späten Diagnosen? Dies wollten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin herausfinden. Hierzu werteten sie Daten aus insgesamt 92 internationalen Studien mit 564.497 Teilnehmenden in einer Meta-Analyse aus.1 Die Studienteilnehmer stammten aus 25 Ländern, darunter auch Deutschland. Denn bislang fehlen global betrachtet Informationen darüber, wie weit die Vermeidung medizinischer Untersuchungen verbreitet ist und welche Gründe die Menschen dafür haben. Die Studie zeigt: Angst als Risikofaktor spielt bei späten Diagnosen eine entscheidende Rolle.

Was ist Informationsvermeidung?

Wie bestimmt man die Vermeidung einer Gesundheitsvorsorge? Hierfür haben die Forscher eine eigene Definition aufgestellt. „Jede Form von Verhalten, die darauf abzielt, die Beschaffung verfügbarer, aber potenziell unerwünschter Informationen zu verhindern oder zu verzögern“, schreiben Sie in ihrer Studie. Dies bezeichnen sie als Informationsvermeidung. Dazu gehört folgendes Verhalten:

  • Arztbesuche hinauszuzögern oder nicht wahrnehmen
  • Medizinische Tests vermeiden
  • Testergebnisse nicht zur Kenntnis nehmen
  • Aufklärungsmaterialien ignorieren

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Was hat die Studie zutage gebracht?

Folgende Krankheiten haben sich die Forscher bei der Datenanalyse besonders genau angeschaut:

Die Auswertung der Daten von mehr als einer halben Million Menschen hat ergeben, dass fast ein Drittel von ihnen medizinische Informationen meidet oder meiden wird. Die Quote war am höchsten bei unheilbaren neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer. Etwas geringer war sie bei behandelbaren Krankheiten wie HIV und Krebs. Laut den Forschern war das Vermeidungsverhalten am geringsten bei gut behandelbaren chronischen Krankheiten wie Diabetes. Und das sind die Ergebnisse im Detail:

  • 41 Prozent der Probanden mieden medizinische Informationen zu Alzheimer
  • 40 Prozent der Probanden mieden medizinische Informationen zu Huntington
  • 32 Prozent der Probanden mieden medizinische Informationen zu HIV-Infektionen
  • 29 Prozent der Probanden mieden medizinische Informationen zu Krebs
  • 24 Prozent der Probanden mieden medizinische Informationen zu Diabetes

Warum verschließen Menschen ihre Augen vor schweren Krankheiten?

Aus den Daten lässt sich ablesen: Je schwerer und unheilbarer eine Erkrankung ist, desto stärker blenden Menschen Informationsangebote bzw. Gesundheitsvorsorge dazu aus. Doch warum ist das so? Auch hierfür liefern die Forscher des Max-Planck-Instituts einige Antworten. Insgesamt ermittelten sie 16 wichtige Faktoren, die ein Vermeidungsverhalten begünstigen. Interessanterweise spielen dabei weder Geschlecht noch ethnische Zugehörigkeit eine Rolle. Stattdessen spielen folgende Risikofaktoren die Hauptrolle:

  • Kognitive Überforderung: Das bedeutet, dass eine Krankheit als zu komplex und zu belastend wahrgenommen wird.
  • Ein gering ausgeprägtes Gefühl der Selbstwirksamkeit: Hierbei herrscht der Eindruck, ausgeliefert zu sein und die Gesundheit nicht selbst im Griff zu haben.
  • Furcht vor Stigmatisierung: Diese ist besonders ausgeprägt bei gesellschaftlich stigmatisierten Krankheiten wie HIV/AIDS.
  • Mangelndes Vertrauen in das medizinische System: Hierbei haben die Betroffenen wenig Hoffnung, gut behandelt zu werden.

Gibt es länderspezifische Unterschiede?

Leider ziehen die Forscher keinen direkten Vergleich zwischen den einzelnen untersuchten Nationen. Die Studie zeigt also nicht, ob das Verhalten etwa in Deutschland anders ist als beispielsweise in den USA oder in anderen europäischen Ländern. Laut Erstautor Konstantin Offer, Doktorand am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, zeigen sich leichte Abweichungen: „Wir sehen Hinweise auf regionale Unterschiede – etwa in Bezug auf den Faktor ‚Vertrauen‘ zwischen Afrika und Nordamerika.“ Er betont jedoch: „Für belastbare Vergleiche auf Länderebene reichen die bisherigen Daten aber noch nicht aus.“

Offer sieht neben länderspezifischen Unterschieden noch Forschungsbedarf bezüglich folgender Fragen:

  • Wie stark variiert Informationsvermeidung innerhalb von Personen und Bevölkerungsgruppen?
  • Wie sieht sie bei weiteren Krankheitsbildern aus?
  • Wann ist Informationsvermeidung möglicherweise sogar sinnvoll, und wann schädlich?
  • Welche Folgen hat sie langfristig für Individuen und Gesellschaften?
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Wie kann das Gesundheitssystem darauf reagieren?

„Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein Rückgang des Vertrauens mit einem Anstieg der Informationsvermeidung einhergeht“, so Offer.2 „Die Steigerung des Vertrauens in das medizinische System könnte daher zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit medizinischen Informationen führen.“ Deswegen raten die Forscher, gerade dort anzusetzen. Die ermittelten Gründe müssten ernst genommen werden, um den Menschen die Ängste zu nehmen. Hier braucht es Maßnahmen auf politischer Ebene, um für mehr Aufklärung zu sorgen.

Wie Studienautor Offer sich Verbesserungen vorstellt

Offer schug FITBOOK eine Studie aus 2019 vor, die sich mit der Vertrauensfrage im Gesundheitssystem beschäftigt hat.3 Diese präsentiert Transparenz, offene Kommunikation und stärkere persönliche Beziehungen als die wichtigsten Stellschrauben. Etwa eine konsequente Einbindung von Ärzten und Pflegekräften in Führungsprozesse, empathische und respektvolle Interaktionen mit Patienten sowie klare Verantwortlichkeit bei Entscheidungen und Fehlern. Zusätzlich würden kollegiale Unterstützung unter Fachkräften, Diversität und Burn-out-Prävention ein vertrauenswürdiges Umfeld fördern.

Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass Informationsvermeidung im medizinischen Kontext ein weitverbreitetes Phänomen ist, das rund ein Drittel der Bevölkerung betrifft. Besonders stark ausgeprägt ist dieses Verhalten bei schwerwiegenden oder unheilbaren Erkrankungen wie Alzheimer, Huntington oder HIV. Dabei äußert sich die Vermeidung nicht nur in der Ablehnung von Informationsmaterialien, sondern auch im Ausweichen vor Tests oder Arztbesuchen.

Diese Tendenz hat weitreichende Konsequenzen: Sie erschwert die Früherkennung von Krankheiten, beeinflusst Therapieentscheidungen und wirkt sich negativ auf das allgemeine Gesundheitsverhalten aus. Informationsvermeidung ist jedoch weder ein Randphänomen noch Ausdruck von Irrationalität, sondern wird wesentlich durch emotionale Belastungen, kognitive Überforderung, Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem sowie durch Stigmatisierung gesteuert. Somit ist es am Ende die Angst als Risikofaktor, die zu späten Diagnosen führt.

Deshalb raten die Forscher, dass Maßnahmen zur Förderung von Präventionsbereitschaft nicht allein auf Wissensvermittlung setzen dürfen. Vielmehr sollten sie die Ängste der Menschen gezielt adressieren, um Betroffene zu erreichen.

Quellen

  1. Offer, K., Oglanova, N., Oswald, L., et al. (2025). Prevalence and predictors of medical information avoidance: a systematic review and meta-analysis. Annals of Behavioral Medicine. ↩︎
  2. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Ein Drittel der Menschen meidet Informationen zur eigenen Gesundheit (aufgerufen am 27.8.2025) ↩︎
  3. Khullar, D. (2019). Building Trust in Health Care—Why, Where, and How. JAMA. ↩︎

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