7. Januar 2026, 15:35 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Parodontitis erwischt fast jeden zweiten Deutschen im Laufe seines Lebens. Die tückische Zahnbettentzündung kann den Zahnhalteapparat so stark schädigen, dass Zähne komplett ausfallen. Besonders fatal ist der unbemerkte und oft über Jahre verlaufende Prozess – an dessen Anfang sich Bakterien im Biofilm der Mundhöhle ausbreiten. Forscher haben nun eine Substanz entdeckt, die gezielt Parodontitis-Erreger ausbremst, bevor sie Schaden anrichten können. Der Clou: Nützliche Bakterien der Mundflora sollen verschont bleiben. Eine entsprechende Zahncreme gibt es auch schon.
Neue Substanz gegen Parodontitis aus deutscher Forschung
Forschende der Fraunhofer-Gesellschaft vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI) in Halle an der Saale haben ein Mittel entdeckt, das gezielt nur die Keime ausbremst, die Parodontitis auslösen. Das natürliche Gleichgewicht der Mundflora soll damit erhalten bleiben, heißt es in einer Pressemitteilung.1 Die Substanz wurde bereits in eine Zahncreme eingebaut. Sie soll der Vorbeugung von Parodontitis dienen.
FITBOOK-Expertin Dr. Anne Heinz rät von Mundspüllösungen ab:
Der Hauptschuldige im Fokus: Porphyromonas gingivalis
Hauptverursacher vieler Parodontitis-Fälle ist das Bakterium Porphyromonas gingivalis. Der neue Wirkstoff blockiert gezielt Mechanismen dieses Keimes, mit denen er normalerweise Zahnfleisch und den Zahnhalteapparat angreift, indem er den Zahnschmelz als Schutzbarriere überwindet, wenn dieser durch Säuren oder Abrieb geschädigt ist.
Das neue Mittel ist eine Substanz namens „Guanidinoethylbenzylamino Imidazopyridine Acetat“. „Sie tötet die Gingivitis-Erreger nicht einfach ab, sondern blockiert nur deren Wachstum“, erklärt Prof. Stephan Schilling, Leiter der Fraunhofer-IZI-Außenstelle Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung. Die Parodontitis-Erreger könnten so ihre giftige Wirkung nicht entfalten, „und die gesunden Keime können ihnen sonst verwehrte Nischen besetzen“. Der Wirkstoff helfe, die Zusammensetzung und Funktion der Mikroorganismen im Mund „sanft“ aufzubauen und „stabil“ zu halten.
Warum klassische Antiseptika das Problem oft verschärfen
Dieser „sanfte“ Ansatz ist neu. Traditionelle Mundpflege mit chlorhexidinhaltigen Antiseptika tötet zwar Parodontitis-Erreger, schädigt aber gleichzeitig auch die nützlichen Bakterien der Mundflora. Ein Teufelskreis, weil die gesunden Keime nur langsam nachwachsen und eine Parodontitis auf dieser Basis immer wieder leichtes Spiel hat.
Um den Wirkstoff als Zahnpasta auf den Markt zu bringen, haben die Fraunhofer-Forschenden 2018 die Firma „Periotrap Pharmaceuticals“ gegründet. „Periotrap“ heißt auch die Zahnpasta, die inzwischen auf dem Markt ist. Prof. Stephan Schilling schwärmt: „Wir haben nicht einfach eine gute Zahnpasta mit einer neuen Substanz entwickelt, sondern ein hochwertiges Zahnpflegeprodukt in medizinischer Qualität.“
Für wen die neue Zahnpasta gedacht ist – und was sie kostet
Die neue Zahnpasta richtet sich gezielt an Menschen mit empfindlichem Zahnfleisch und einem erhöhten Risiko für Parodontitis. Wie eine normale Zahnpasta enthalte sie aber auch „Putzstoffe und Fluorid zur Vorbeugung von Karies“, erklärt Dr. Mirko Buchholz, einer der Gründer von Periotrap. Das Fluorid stärkt den Zahnschmelz und schützt vor Säureangriffen. Ein weiterer Wirkstoff, Bisabolol, soll gereiztes Zahnfleisch unterstützen und Entzündungsreaktionen abmildern. Die Anwendung unterscheidet sich nicht von herkömmlichen Zahnpasten, heißt es auf der Website. Die Zahnpasta ist für Erwachsene vorgesehen, Kostenpunkt: rund 15 Euro.2
Parodontitis als Risiko für Herz und Gehirn
Der oft unbemerkt über Jahre verlaufende Parodontitis-Prozess ist fatal. Studien belegen, dass die tückische Zahnbettentzündung nicht nur im Mundraum wütet, sondern auch andere gefährliche Nebeneffekte im Körper auslösen kann. Durch die chronische Entzündung des Zahnfleisches und die freiliegenden Zahnhälse können die schädlichen Bakterien aus dem Mundraum wesentlich einfacher in die Blutbahn oder Lunge gelangen und so weitere Organe schädigen. In der Forschung zeichnet sich ein Zusammenhang zwischen Parodontitis und Atherosklerose sowie Demenz ab.,3
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Ursachen von Parodontitis
Parodontitis-Keime bilden zusammen mit Bestandteilen des Speichels sowie Nahrungsresten den Zahnbelag, auch Plaque genannt. Bleibt Plaque über einen längeren Zeitraum auf den Zähnen oder wird sie nicht gründlich entfernt, fangen die Bakterien darin an, Säuren und Giftstoffe zu bilden. Diese wiederum können eine Zahnfleischentzündung (Gingivitis) auslösen, die sich unbehandelt bis hin zur Entzündung des gesamten Zahnhalteapparates (Parodontitis) ausweiten kann.
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Anzeichen von Parodontitis
Parodontitis ist eine Volkskrankheit. Die Deutsche Mundgesundheitsstudie aus dem Jahr 2014 zeigt, dass etwa jeder zweite erwachsene Deutsche ab dem 35. Lebensjahr eine Parodontitis aufweist.4 Im mittleren Alter wird bei rund acht Prozent der Menschen ein schweres Stadium diagnostiziert, bei den Senioren ab 65 Jahren sind es nahezu 20 Prozent.
Es ist wichtig, die Anzeichen einer Parodontitis im Frühstadium zu erkennen – um sie entsprechend zu behandeln. Folgende Symptome können zusammen oder einzeln auftreten und weisen auf eine Zahnbettentzündung hin:
- Mundgeruch
- Zahnfleischbluten
- gerötetes oder geschwollenes Zahnfleisch
- freiliegende Zahnhälse
- lockere Zähne
Allerdings muss man bedenken, dass diese Symptome auch andere Auslöser haben können. Mundgeruch kann beispielsweise durch Magenprobleme entstehen, Zahnfleischbluten durch zu starkes Aufdrücken beim Zähneputzen und lockere Zähne durch sehr starken Vitamin- und Mineralstoffmangel.