29. Oktober 2026, 19:58 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Studien zeigen, dass Menschen, die sich über viele Jahre mehr bewegen, bei Denktests besser abschneiden. Nun haben Forscher diese Erkenntnis erstmals mit konkreten Daten aus Schrittzählern abgeglichen. Wie viele Schritte täglich zahlen sich bei Denktests aus?
Schrittzähler-Daten aus 14 Jahren
Dass regelmäßige Bewegung das Gehirn fit hält, ist wissenschaftlich gut belegt. Sie lässt das Hirn regelrecht „wachsen“, was sich in einem größeren Gehirnvolumen zeigt.1 Bewegungsintensitäten scheinen mit ganz spezifischen Gedächtnisleistungen verknüpft zu sein.2 Was an dieser in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie neu und spannend ist:3 Hier wurden konkrete Schrittzählerdaten von Menschen zwischen 18 und 93 Jahren mit Denktests zusammengebracht. Die Schrittzähler baumelten über 14 Jahre hinweg immer wieder an den Handgelenken von 3.093 Teilnehmern aus dem US-amerikanischen „All of Us Research Program“.
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Wer geforscht hat und wie getestet wurde
Vorgenommen haben die Auswertung drei Wissenschaftler des Baylor College of Medicine in Houston (Texas), einer privaten, gemeinnützigen medizinischen Hochschule. Unter der Federführung des Psychiaters Olaoluwa O. Okusaga kombinierten die Forscher die Daten aus den Schrittzählern und Blutdruckdaten von 3093 Erwachsenen mit vier computergestützten Denk- und Konzentrationstests, die am Ende des Beobachtungszeitraums absolviert wurden. Eingesetzt wurden vier Testverfahren:
- Die Teilnehmer mussten über längere Zeit konzentriert bleiben (Test 1)
- Sie sollten in einem weiteren Test relevante Reize fokussieren und gleichzeitig störende Ablenkungen ausblenden (Test 2)
- In einem Test für vorausschauendes Denken sollten sie abwägen, ob sie eine sofortige kleinere Belohnung oder eine spätere größere Belohnung bevorzugen (Test 3)
- Außerdem sollten sie Gefühle anhand von Gesichtsausdrücken erkennen (Test 4)
Die Forscher teilten die Teilnehmer überdies in drei Gruppen ein – je nachdem, wie viel sie sich über einen längeren Zeitraum bewegten:
- durchschnittlich 5108 Schritte am Tag
- durchschnittlich 8875 Schritte am Tag
- durchschnittlich 14.161 Schritte am Tag
Ergebnisse: Jeder Tausender-Schritt mehr zahlt sich aus
Schon wer im Schnitt rund 8900 Schritte am Tag zurücklegte, schnitt bei den Tests deutlich besser ab als Personen mit nur etwa 5100 Schritten. Sie konnten Belohnungen besser einschätzen, ihr Verhalten besser steuern und sich länger konzentrieren. Ein fester Schwellenwert ist das allerdings nicht! Die Auswertung zeigt vielmehr: Jeder Tausender-Schritt mehr zahlt sich schrittweise für die geistige Fitness aus! Je 1000 Schritte mehr am Tag erzielten die Teilnehmer kontinuierlich etwas bessere Ergebnisse in den Tests.
Die besten Ergebnisse bei der Bewertung von Belohnung und bei der Aufmerksamkeit erzielten jene Personen, die im Schnitt 14.161 Schritte pro Tag zurücklegten. Am besten darin, das eigene Verhalten zu kontrollieren, war indes die 8875-Schritte-Gruppe. Lediglich bei der Fähigkeit, Gefühle anhand von Gesichtsausdrücken zu erkennen, gab es keinen Zusammenhang mit der täglichen Schrittzahl.
Nach diesem Modell profitiert man mit 10.000 Schritten somit schrittweise mehr als jemand mit 8875 Schritten, aber etwas weniger als jemand mit 14.161 Schritten.
Blutdrucksenkung offenbar nicht Hauptgrund dafür, dass viele Schritte dem Hirn guttun
Da körperliche Aktivität – insbesondere die tägliche Schrittzahl – positive Auswirkungen auf die geistige Leistungsfähigkeit über verschiedene Alters- und Bevölkerungsgruppen hinweg hat und dauerhaft erhöhter Blutdruck das Gehirn schädigen kann, vermuteten die Forscher, dass Sport dem Gehirn vor allem dadurch nützt, dass er den Blutdruck senkt. Um in dieser Frage weiterzukommen, glichen sie die Schrittdaten mit Blutdruckdaten der Teilnehmer ab. Die Blutdruckdaten hatten sie aus deren Gesundheitsakten.
Ein niedrigerer Blutdruck verbesserte lediglich das Entscheidungsverhalten (Test 3). Dieser Blutdruckeffekt erklärte aber lediglich einen sehr geringen Teil (4,8 Prozent) des gesamten positiven Bewegungseffekts auf die Denkleistung. Über 95 Prozent der Schutzwirkung von Bewegung entstehen somit direkt im Gehirn (etwa durch die Förderung von Neuroplastizität, also der Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu verknüpfen, Entzündungshemmung oder einen verbesserten Gehirnstoffwechsel) unabhängig vom Blutdruck, schreiben die Forscher.
Die Wissenschaftler vermuten deshalb weitere Vorgänge im Gehirn: Bewegung könnte die Bildung neuer Verbindungen zwischen Nervenzellen fördern, Entzündungen reduzieren und dafür sorgen, dass das Gehirn Zucker besser als Energiequelle nutzen kann.
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Andere mögliche Erklärung
Die Forscher untersuchten die geistigen Fähigkeiten der Teilnehmer erst am Ende des 14-jährigen Beobachtungszeitraums. Sie wissen deshalb nicht, wie leistungsfähig die Teilnehmer zu Beginn waren. Es könnte also auch umgekehrt sein: Menschen, die von Anfang an geistig fitter waren, haben sich möglicherweise auch mehr bewegt.
Weiterhin hatten die Forscher keine Informationen über andere mögliche Einflussfaktoren: etwa darüber, ob die Teilnehmer übergewichtig waren, rauchten oder eine diagnostizierte psychische Erkrankung hatten. Auch diese Faktoren könnten die Ergebnisse beeinflusst haben.
Auch könnte die Reihenfolge der Tests die Ergebnisse beeinflusst haben. Diese konnten die Teilnehmer selbst entscheiden. Manche waren bei bestimmten Tests möglicherweise schon müde.
Fazit
Die Studie liefert weitere Hinweise auf mögliche Vorteile regelmäßiger Bewegung für bestimmte geistige Fähigkeiten. Einen direkten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang beweist sie jedoch nicht (kein eindeutiger Kausalbeweis). Die Forscher vermuten, dass regelmäßige Bewegung über längere Zeit bestimmte Fähigkeiten des Gehirns verbessern könnte. Wer sich viel bewegt, kann sich demnach besser konzentrieren, störende Reize ausblenden und Entscheidungen treffen, bei denen es um eine sofortige oder spätere Belohnung geht. Diese Fähigkeiten werden von Gehirnbereichen gesteuert, die besonders viel Energie und eine gute Durchblutung benötigen.
Entscheidend scheint zu sein, wie viel Bewegung dauerhaft zum Alltag gehört, so die Forscher. Kurzfristige Veränderungen der täglichen Schrittzahl spielten in der Studie dagegen keine wesentliche Rolle.