6. Oktober 2026, 13:43 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wie viel sich Jugendliche im Alltag bewegen, könnte nicht nur für ihre körperliche Gesundheit eine Rolle spielen. Eine große US-amerikanische Studie hat untersucht, wie die tägliche Schrittzahl mit der psychischen Gesundheit, den Schulnoten und der Struktur des Gehirns zusammenhängt.
Mehr Bewegung geht mit besserer psychischer Gesundheit einher
Jugendliche, die im Alltag mehr Schritte zurücklegten, wiesen ein Jahr später im Durchschnitt weniger psychische Probleme auf. Je höher die Schrittzahl war, desto stetiger zeigte sich dieser Vorteil – am stärksten war der Unterschied bei Jugendlichen mit mindestens 12.000 Schritten pro Tag im Vergleich zu jenen mit unter 5000 Schritten.
Jugendliche, die mehr Schritte am Tag machten, hatten in zwei bestimmten Gehirnregionen eine etwas dickere Großhirnrinde. Diese Bereiche sind unter anderem für Bewegung und Körperwahrnehmung sowie für die Verarbeitung von Gefühlen und Reizen wichtig. Die Ergebnisse deuten außerdem darauf hin, dass Veränderungen in einer dieser Regionen einen kleinen Teil des Zusammenhangs zwischen mehr Bewegung und einer besseren psychischen Gesundheit erklären könnten.
Wie die Studie durchgeführt wurde
Die Forscher des King’s College London und der University of Massachusetts Amherst werteten Daten von 5515 Jugendlichen aus 21 Studienzentren in den USA aus. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt knapp zwölf Jahre alt und trugen drei Wochen lang einen Aktivitätstracker am Handgelenk. Damit wurde ihre durchschnittliche tägliche Schrittzahl ermittelt. Zeitgleich wurden MRT-Aufnahmen gemacht, die Informationen über die Struktur verschiedener Hirnregionen lieferten.1
Ein Jahr später erfassten die Forscher mit einem Fragebogen unter anderem emotionale Probleme, Verhaltensauffälligkeiten und Aufmerksamkeitsprobleme. Zudem erfassten sie die Schulnoten der Teilnehmer.
Die Forscher wollten herausfinden, ob die tägliche Schrittzahl mit der späteren psychischen Gesundheit, den schulischen Leistungen und der Gehirnstruktur zusammenhängt. Bei ihren Berechnungen berücksichtigten sie unter anderem Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index, Bildung der Eltern sowie soziale und wirtschaftliche Bedingungen.
Je mehr Schritt, umso besser
Die Teilnehmer gingen im Durchschnitt rund 9600 Schritte pro Tag. Die meisten kamen auf etwa 7400 bis 11.400 Schritte. Für die Auswertung teilten die Forscher die Jugendlichen nach ihrer täglichen Schrittzahl in Gruppen ein. Schon Jugendliche mit 5000 bis 7499 Schritten hatten weniger psychische Probleme als diejenigen mit weniger als 5000 Schritten. Mit steigender Schrittzahl wurde der Unterschied größer. Am deutlichsten war er bei mindestens 12.000 Schritten pro Tag.
Die Forscher fanden jedoch keine bestimmte Schrittzahl, ab der sich der Zusammenhang besonders deutlich zeigte oder nicht weiter zunahm. Deshalb lässt sich aus der Studie auch kein Zielwert wie 10.000 oder 12.000 Schritte ableiten.
Bei den Schulnoten zeigte sich kein klares Muster. Insgesamt waren mehr Schritte nicht mit besseren Noten verbunden. Lediglich Jugendliche mit 10.000 bis 11.999 Schritten schnitten besser ab als diejenigen mit weniger als 5000 Schritten.
Insgesamt fanden die Forscher nur wenige Unterschiede im Gehirn. Bei den meisten untersuchten Hirnregionen zeigte sich kein eindeutiger Zusammenhang mit der täglichen Schrittzahl.
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Einordnung der Studie
Zu den Stärken der Studie zählen die große Teilnehmerzahl und die Messung der Schritte mit Aktivitätstrackern statt durch Selbstauskünfte. Zudem berücksichtigten die Forscher viele Faktoren, die die Ergebnisse beeinflussen könnten. Zusätzliche Berechnungen mit veränderten Annahmen führten zu ähnlichen Ergebnissen.
Die Studie hat aber auch Einschränkungen. Schrittzähler erfassen vor allem Gehen und Laufen. Andere Aktivitäten und Sportarten können dadurch schlechter erfasst werden. Zudem wurde nicht unterschieden, ob sich die Jugendlichen drinnen oder draußen bewegten.
Die Angaben zur psychischen Gesundheit und zu den Schulnoten stammten von den Jugendlichen oder ihren Eltern. Sie beruhten also nicht auf ärztlichen Diagnosen oder unabhängig erhobenen Schuldaten.
Hinzu kommt, dass die untersuchten Jugendlichen im Durchschnitt aus sozial besser gestellten Familien stammten und weniger psychische Probleme hatten als Teilnehmer, deren Daten nicht in die Analyse einflossen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb möglicherweise nicht ohne Weiteres auf alle Jugendlichen übertragen.
Wie bei einer Beobachtungsstudie grundsätzlich gilt, können außerdem andere, nicht erfasste Faktoren die Ergebnisse beeinflusst haben. Auch die umgekehrte Richtung ist denkbar: Die psychische Gesundheit könnte mitbestimmen, wie viel sich Jugendliche bewegen.
Die Autoren gaben keine Interessenkonflikte an. Die Studie wurde von mehreren Forschungsorganisationen finanziert, die laut Studienbericht keinen Einfluss auf Durchführung, Auswertung oder Veröffentlichung hatten.
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Das zeigen frühere Studien
Die Ergebnisse passen zu früheren Untersuchungen. In einer britischen Langzeitstudie mit rund 4250 Jugendlichen trugen die Teilnehmer im Alter von 12, 14 und 16 Jahren jeweils eine Woche lang einen Bewegungssensor.2 Wer sich mehr leicht bewegte, etwa durch Gehen, hatte mit 18 Jahren im Schnitt weniger depressive Symptome. Mit jeder zusätzlichen Stunde leichter Aktivität pro Tag lagen die Werte um rund acht bis elf Prozent niedriger. Auffällig war zudem, dass die Jugendlichen mit zunehmendem Alter mehr Zeit im Sitzen verbrachten.
Auch bei Erwachsenen zeigt sich ein ähnliches Bild: Eine Auswertung von 33 Studien mit mehr als 96.000 Teilnehmern ergab, dass Menschen mit mindestens 7000 Schritten pro Tag seltener depressive Symptome hatten als weniger aktive Menschen.3 Wie die aktuelle Studie beruhen aber auch diese Ergebnisse auf Beobachtungsdaten und belegen keinen ursächlichen Zusammenhang.