22. August 2025, 13:40 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Ein gruseliger Schnabel, alte Masken, zwei Löcher zum Herausschauen – die alten Pestmasken, die Ärzte damals im 17. Jahrhundert getragen haben, um Kranke zu behandeln, erinnern einen an einen Horrorfilm. Die Pest gilt als Krankheit aus längst vergangenen Zeiten – als etwas, das mit dem Mittelalter verschwunden ist. Doch jetzt sorgt ein Fall in den USA für Schlagzeilen: In Kalifornien hat sich eine Person offenbar beim Camping durch den Stich eines infizierten Flohs mit der Pest angesteckt. Wie verbreitet ist die Pest heute noch – und könnte so etwas auch in Deutschland passieren?
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Aktueller Fall in Kalifornien – Infektion beim Camping
In Kalifornien wurde ein Pestfall in der Region South Lake Tahoe bestätigt. Die betroffene Person soll sich nach Angaben der örtlichen Gesundheitsbehörden beim Camping durch einen Flohbiss infiziert haben. Die infizierte Person wird derzeit zu Hause medizinisch überwacht.1
Was genau ist die Pest?
Das Bakterium Yersinia pestis befällt primär Wildnager wie Ratten, Eichhörnchen und Murmeltiere. Diese sterben in der Regel nicht daran, sondern tragen den Erreger über lange Zeit in sich. In den meisten Fällen wird die Pest durch Flöhe übertragen: Sie infizieren sich beim Blutsaugen an einem kranken Tier und können die Pest anschließend beim nächsten Biss auf andere Tiere oder Menschen übertragen. Damit gehört der Flohbiss zu den häufigsten Wegen, auf denen sich die Pest übertragen lässt – insbesondere in betroffenen Gebieten.2
So trickst die Pest das Immunsystem aus
Yersinia pestis ist nicht nur hoch ansteckend, sondern besitzt eine besonders tückische Eigenschaft: Es kann bestimmte Abwehrzellen des Immunsystems – sogenannte Phagozyten – gezielt unterwandern. Diese Zellen sind eigentlich dafür zuständig, Krankheitserreger zu „verschlucken“ und unschädlich zu machen. Das Pestbakterium jedoch überlebt diesen Prozess, vermehrt sich sogar in den Abwehrzellen und schwächt dadurch gezielt die Immunantwort. Das macht die Infektion besonders gefährlich und erklärt ihre hohe Sterblichkeit – vor allem, wenn sie unbehandelt bleibt.
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Wie wird die Pest übertragen?
Die Pest wird durch das Bakterium Yersinia pestis ausgelöst, das vor allem Wildnager wie Ratten, Murmeltiere und Eichhörnchen befällt. Diese Tiere sterben meist nicht an der Infektion, sondern tragen das Bakterium über lange Zeit in sich und dienen so als Reservoir.
Flöhe als Hauptüberträger
Am häufigsten wird der Erreger über Flöhe weitergegeben. Diese infizieren sich beim Saugen am Blut erkrankter Tiere und geben den Erreger beim nächsten Biss an andere Tiere oder Menschen weiter. In Regionen, in denen Yersinia pestis vorkommt, ist der Flohbiss somit einer der zentralen Übertragungswege.
Risiko durch Kontakt mit infizierten Tieren
Neben der Übertragung durch Flöhe kann die Infektion auch direkt von Tier zu Mensch erfolgen – etwa durch den Biss einer infizierten Katze oder beim Häuten und Zerlegen von erkranktem Wild. Gelangen dabei Körperflüssigkeiten in offene Hautstellen, besteht die Gefahr einer Ansteckung.
Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich
Bei bestimmten Formen kann sich die Pest auch von Mensch zu Mensch übertragen, etwa wenn infektiöse Körpersekrete aus geplatzten Beulen mit der Haut in Kontakt kommen. Besonders gefährlich ist die Lungenpest – hier lässt sich die Pest durch Tröpfcheninfektion übertragen. Beim Husten oder Niesen gelangen winzige Erregerpartikel in die Luft und können von anderen Personen eingeatmet werden. So kann sich die Pest über kurze Distanz schnell übertragen.
In Europa kein akutes Risiko
Laut dem Bundesamt für Gesundheit gilt die Pest in Europa heute als ausgerottet. Eine Gefahr durch einheimische Wild- oder Haustiere besteht derzeit nicht.3
Die drei Formen der Pest
Die Pest kann sich auf unterschiedliche Weise im Körper ausbreiten. Mediziner unterscheiden drei Hauptformen:
Beulenpest (Bubonenpest)
Die Beulenpest ist die häufigste Form der Erkrankung und beginnt in der Regel abrupt mit hohem Fieber, Schüttelfrost, heftigen Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und einem starken allgemeinen Krankheitsgefühl. Charakteristisch sind schmerzhafte, geschwollene Lymphknoten – typischerweise in der Leistengegend, den Achselhöhlen oder am Hals. Diese sogenannten „Beulen“ können sich blau verfärben und nekrotisch verändern. Ohne Behandlung besteht die Gefahr, dass die Beulenpest in eine Pestsepsis übergeht.
Pestsepsis
Bei der Pestsepsis dringen die Erreger in die Blutbahn ein und lösen eine lebensbedrohliche Blutvergiftung aus. Der Gesundheitszustand verschlechtert sich dabei rasant: Typische Symptome sind hohes Fieber, starke Lethargie, Verwirrtheit, Kreislaufzusammenbruch, Schädigungen innerer Organe und Schockzustände. Diese besonders schwere Verlaufsform entwickelt sich meist infolge einer nicht behandelten Beulen- oder Lungenpest.
Lungenpest
Die Lungenpest entsteht entweder unmittelbar durch Tröpfcheninfektion oder entwickelt sich als Komplikation einer bestehenden Beulenpest. Die Symptome treten in der Regel innerhalb von 24 Stunden auf und umfassen Fieber, starke Kopfschmerzen, Atemnot, blutigen Husten, Brustschmerzen und ein ausgeprägtes Schwächegefühl. Häufig kommen Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen hinzu. Erkrankte gelten als hochinfektiös – ohne sofortige medizinische Behandlung verläuft die Lungenpest nahezu immer tödlich.
Inkubationszeit und Verlauf
Die Zeit zwischen Ansteckung und ersten Symptomen beträgt bei der Lungenpest nur ein bis zwei Tage, bei der Beulenpest bis zu sechs Tage.
Wird die Infektion früh erkannt und behandelt, überleben die meisten Patienten. Mit Therapie liegt die Sterblichkeit bei der Beulenpest bei etwa zehn bis 15 Prozent. Ohne Behandlung sterben 40 bis 60 Prozent der Erkrankten – bei Lungenpest und Pestsepsis liegt die Letalität unbehandelt bei bis zu 90 Prozent.
Wie wird die Pest behandelt?
Im Mittelalter war die Pest ein Todesurteil – heute gibt es wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Die Therapie erfolgt mit Antibiotika. Mittel der Wahl ist Streptomycin, das intramuskulär verabreicht wird. Auch Gentamycin, Doxycyclin, Tetracyclin, Ciprofloxacin, Ofloxacin und Chloramphenicol gelten als effektiv.
Zeit ist dabei entscheidend: Um schwere Komplikationen wie die Pestsepsis zu verhindern, sollte die Behandlung innerhalb der ersten 18 Stunden nach Symptombeginn beginnen. Bei Verdacht auf Lungenpest erfolgt die Antibiotikagabe sofort – noch bevor ein Labornachweis vorliegt. Betroffene werden isoliert, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern.
Trotz Behandlung sterben auch heute noch Menschen an der Pest – insbesondere wenn die Diagnose zu spät erfolgt, der Erreger nicht auf das Antibiotikum anspricht oder das Immunsystem geschwächt ist.
Historischer Hintergrund: Der Schwarze Tod
Die Pest war eine der folgenschwersten Seuchen der Menschheitsgeschichte. Im Mittelalter forderte sie bei mehreren Pandemien geschätzt über 100 Millionen Todesopfer. Der Name „Schwarzer Tod“ stammt von den dunklen Verfärbungen der Haut, die bei vielen Erkrankten im Endstadium auftraten.
Lange war die Ursache der Krankheit unbekannt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde Yersinia pestis als Auslöser identifiziert – ein Meilenstein in der Bekämpfung von Epidemien. Seitdem sind gezielte Diagnostik und Therapie möglich.4
Weltweite Verbreitung: Wo gibt es noch Pestfälle?
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) registrierte zwischen 2010 und 2015 weltweit 3248 Pest-Erkrankungen, davon 584 Todesfälle. Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher – über 80 Prozent der bekannten Fälle stammen aus Afrika, wo viele Staaten Pestinfektionen nicht vollständig melden.5
Die Pest kommt heute in bestimmten Endemiegebieten vor – vorrangig in:
- Madagaskar
- Peru
- Demokratische Republik Kongo
Seltener treten Fälle auch in folgenden Ländern auf:
- Vietnam
- Simbabwe
- Mosambik
- Uganda
- Tansania
- Malawi
- Indien
- USA (insbesondere im ländlichen Westen)
- China
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Besteht eine Gefahr für Deutschland?
Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts besteht für Deutschland derzeit kein relevantes Risiko. Es gibt hierzulande keine Tierreservoire des Erregers, und auch durch Reisende wurde in den vergangenen Jahrzehnten kein Fall eingeschleppt.6
Zwar kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine infizierte Person während der Inkubationszeit einreist – die Wahrscheinlichkeit einer Weiterverbreitung ist jedoch äußerst gering. Im Fall einer Infektion stünden sofort wirksame Maßnahmen zur Eindämmung zur Verfügung.
Wie kann man eine Infektion vermeiden?
Derzeit ist weltweit kein Impfstoff gegen die Pest zugelassen. Bei Kontakt mit an Pest erkrankten Personen kann jedoch vorsorglich ein Antibiotikum verabreicht werden, um eine Ansteckung zu verhindern.
Reisende sollten in Ländern, in denen Pest-Erkrankungen auftreten, den Kontakt mit potenziell infizierten Tieren meiden – insbesondere mit Ratten und anderen Nagetieren. Auch streunende Katzen, die möglicherweise infizierte Beutetiere gefressen haben, können ein Risiko darstellen.
Wichtige Schutzmaßnahmen in Endemiegebieten sind:
- körperbedeckende Kleidung
- das Auftragen von Insektenschutzmitteln gegen Flöhe
- kein direkter Kontakt zu toten oder erkrankten Tieren
- sorgfältige Hygiene beim Campen, Jagen oder bei der Arbeit in freier Natur
Treten nach der Rückkehr grippeähnliche Symptome auf, sollten Reisende umgehend ärztliche Hilfe suchen. Darüber hinaus helfen folgende Maßnahmen dabei, Nagetiere zu vertreiben und Flohbissen vorzubeugen:
- Tragen von Handschuhen beim Umgang mit möglicherweise infizierten Tieren, z. B. beim Häuten
- Nutzung von Insektenschutzmitteln wie DEET bei möglichem Kontakt mit Nagetierflöhen – etwa beim Zelten, Wandern oder bei Arbeiten im Freien
- Flohbekämpfung bei Haustieren mit geeigneten Produkten
- Haustiere, die sich in betroffenen Gebieten frei bewegen, sollten nicht im Bett von Menschen schlafen
- Entfernen von potenziellen Nagerverstecken in Wohnnähe – z. B. Unterholz, Schotterhaufen, Alteisen, Holzhaufen oder offen gelagerte Lebensmittel7