21. August 2025, 20:04 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Forscher haben im Blut von an Alzheimer erkrankten Frauen eine unzureichende Versorgung mit einem wichtigen Nährstoff festgestellt. Sie vermuten, dass dieser Mangel ursächlich für den Befund sein könnte. Konkret geht es um das Fettsäureprofil der Betroffenen – und das scheint sich den Ergebnissen zufolge zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden.
Möglicher Grund für höhere Alzheimer-Prävalenz bei Frauen
Grundlage der Untersuchung war die statistisch belegbare Tatsache, dass Frauen im höheren Alter deutlich häufiger an Alzheimer erkranken als Männer.1 Die zentrale Frage: Lässt sich dieser Unterschied auch im Blut erkennen – etwa in Form besonderer Muster bei den Blutfetten, die z. B. auf eine unzureichende Versorgung mit bestimmten Nährstoffen hindeuten? Die Forscher wurden fündig. So wiesen Frauen mit Alzheimer auffällig niedrige Werte der gemeinhin als gesundheitsförderlich geltenden ungesättigten Fettsäuren auf. Oder, optimistischer formuliert: Eine gute Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren könnte möglicherweise einen gewissen Schutz vor Alzheimer bieten. Auch in ihrer Pressemitteilung verweisen die Studienautoren auf diesen potenziellen Zusammenhang.2 Doch ganz so einfach ist es womöglich nicht.
Gesundheits-Booster Omega-3-Fettsäuren
Omega-3-Fettsäuren genießen bereits seit einigen Jahren den Ruf, sich wie ein Jungbrunnen auf verschiedene körperliche Prozesse auszuwirken. So ist beispielsweise bekannt, dass die ungesättigten Lipide, die in hohen Mengen z. B. in fettreichem Fisch sowie in verschiedenen Pflanzenölen vorkommen, das Gehirn vor schädlichen Substanzen schützen und so zur Erhaltung der geistigen Gesundheit beitragen können.3 Omega-3-Fettsäuren werden größtenteils über die Nahrung aufgenommen, der Körper kann nur einige bestimmte, wie z. B. DHA und EPA, selbst bilden. Der Lipidspiegel im Blut hängt allerdings neben der Ernährung von verschiedenen spezifischen Stoffwechsel- und/oder hormonellen Faktoren sowie Krankheitsprozessen ab.
Details zur Untersuchung
Das Forscherteam um Senior-Autorin Dr. Cristina Legido-Quigley untersuchte Blutproben von 814 Probanden aus der AddNeuroMed-Kohorte, einer europäischen Längsschnittstudie zur Alzheimer-Krankheit.4 Bei 306 Teilnehmern lag eine Alzheimerdiagnose vor, 165 waren von einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) betroffen. 370 kognitiv gesunde Personen fungierten als Kontrollgruppe.
Die Blutproben wurden mittels Flüssigkeitschromatographie (LC) auf ihre Fettbestandteile untersucht, einer hochpräzisen Analysemethode, mit der sich gleichzeitig verschiedene Fette messen lassen. Nach strengen Qualitätskontrollen beschränkten sich die Forscher für ihre statistische Auswertung auf 268 stabile Lipide. Diese werteten sie getrennt für Frauen und Männer aus. Dabei betrachteten sie sowohl einzelne Lipide als auch Gruppen von miteinander in Verbindung stehenden Fetten. Um die Belastbarkeit der beobachteten Zusammenhänge möglichst zuverlässig beurteilen zu können, bezogen die Forscher zusätzlich verschiedene Blutwerte in ihre Analyse ein, die Hinweise auf vorliegende Nervenschäden oder Entzündungen liefern könnten.
Weniger ungesättigte Fette im Blut von Frauen mit Alzheimer
Die Forscher stellten im Blut von an Alzheimer erkrankten Frauen deutlich niedrigere Werte bestimmter gesunder Fette fest. Dies betraf insbesondere solche, die Omega-Fettsäuren wie DHA oder EPA enthalten. In einigen Fällen lagen diese Werte bis zu 20 Prozent unter denen gesunder Frauen. Dagegen waren die Anteile der eher verrufenen gesättigten Fette erhöht. Zur Erinnerung: Diese Ernährungsbausteine, die vorwiegend in tierischen Produkten wie beispielsweise Butter, Fleisch und fettreichem Käse vorkommen, stehen im Verdacht, das Sterberisiko zu erhöhen.5
Die Autoren halten es für besonders bemerkenswert, dass bei Männern ein vergleichbares Muster nicht zu beobachten war. Bei ihnen unterschieden sich die Lipidwerte mit oder ohne Alzheimererkrankung kaum. Diese Spuren im Fettstoffwechsel scheinen somit ein frauenspezifisches Phänomen zu sein.
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Mögliche Bedeutung der Studie
Die Ergebnisse legen nahe, dass Auffälligkeiten des Lipidstoffwechsels nicht nur eine Begleiterscheinung von Alzheimer sind, sondern offenbar auch Auslöser der Erkrankung sein können. Dass vor allem Frauen betroffen zu sein scheinen, könnte ein wichtiger Erklärungsansatz für die deutlich höhere Prävalenz der Erkrankung bei Frauen im höheren Alter sein. Es besteht möglicherweise Potenzial für geschlechtsspezifische Präventions- und Therapieansätze.
In der Pressemitteilung empfiehlt Studienautorin Legido-Quigley Frauen, auf eine ausreichende Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren zu achten. Gleichzeitig betont sie jedoch, dass bislang unklar ist, ob dies tatsächlich die auffälligen Lipidwerte – und damit den Verlauf der Alzheimer-Krankheit – beeinflussen kann. Ein niedriger Spiegel könnte ebenso Folge der Erkrankung selbst oder geschlechtsspezifischer Stoffwechselprozesse sein und wäre möglicherweise nicht allein durch eine gezielte Aufnahme ungesättigter Fettsäuren zu verändern.
Einschränkungen
Es sollte außerdem eingeräumt werden, dass das querschnittliche Design der Studie ihre Belastbarkeit ein wenig einschränkt. Derzeit können lediglich Zusammenhänge festgestellt werden, eine eindeutig belegbare Kausalität ist nicht nachweisbar. Die Forscher erklären außerdem, dass die Blutwerte nur einen indirekten Hinweis auf die Lipidzusammensetzung im Gehirn geben. Die Beobachtungen sind daher im Zweifelsfall nicht zu hoch zu bewerten. Dies gilt umso mehr, da weitere Einflussfaktoren wie Ernährungsgewohnheiten, die Einnahme von Medikamenten oder andere Grunderkrankungen bei der Auswertung nicht berücksichtigt wurden.