29. Januar 2026, 17:09 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Je nachdem, aus welcher Nahrungsquelle das Nitrat stammt, scheint es das Demenzrisiko entweder zu erhöhen oder zu senken. Trinkwasser beispielsweise hob sich als schlechte Nitratquelle hervor. Dies ist nicht der einzige überraschende Zusammenhang, den dänische Forscher in ihrer Studie entdeckten.
Wie Demenz entsteht und welche Faktoren die Krankheit begünstigen, ist ein komplexes Forschungsfeld. Sicher ist, dass neben genetischen Faktoren auch Lebensstil und Ernährung eine wesentliche Rolle bei der Entstehung spielen. Nitrat ist eine natürliche Verbindung, die in Gemüse, Fleisch und Trinkwasser vorkommt. Während Nitrat selbst unproblematisch ist, kann es im Körper einerseits in nützliche und andererseits in schädliche Verbindungen umgewandelt werden. Forscher der Edith Cowan University (ECU) und des Danish Cancer Research Institute (DCRI) wollten in einer Studie herausfinden, welchen Einfluss die jeweilige Nitratquelle auf das Demenzrisiko hat. Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der Fachzeitschrift „Alzheimer’s & Dementia“ veröffentlicht.1
57.053 Menschen über einen Zeitraum von 27 Jahren beobachtet
Zwischen Dezember 1993 und Mai 1997 rekrutierte das Forscherteam insgesamt 57.053 in Dänemark lebende Männer und Frauen im Alter von 50 bis 64 Jahren. In die finale Analyse flossen die Daten von 54.804 Personen ein. Zu Beginn der Studie wiesen alle Probanden keine Anzeichen von Demenz auf. Mithilfe umfangreicher Ernährungsfragebögen konnten die Forscher ableiten, wie viel Nitrat die Probanden jeweils aus pflanzlichen Lebensmitteln, tierischen Produkten und Leitungswasser aufnahmen. In den folgenden 27 Jahren dokumentierten die Forscher nicht nur die Anzahl der Demenzdiagnosen, sondern auch, ob diese vor oder nach dem 65. Geburtstag erfolgten.
Welchen Zusammenhang Forscher zwischen Nitrat und Demenzrisiko vermuten
Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass der Körper das in Gemüse enthaltene Nitrat in Stickstoffmonoxid (NO) umwandelt. Da es unter anderem die Durchblutung des Gehirns verbessert und sich positiv auf das gesamte Nervensystem auswirkt, vermuten die Forscher, dass Nitrat möglicherweise zum Schutz vor Demenz beitragen kann.2 Allerdings ist Nitrat auch Ausgangsstoff für neurotoxische N-Nitrosamine, die das Gegenteil bewirken. Da bisherige Studien nur selten zwischen den unterschiedlichen Nitratquellen unterschieden, wollten die dänischen Forscher nun eine entscheidende Wissenslücke schließen.
Früh einsetzende Demenz mit hohem Konsum von verarbeitetem Fleisch verbunden
Insgesamt wurde bei 4.750 Personen Demenz diagnostiziert, davon bei 191 vor dem 65. Geburtstag. Nachdem die Forscher Störfaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht etc. bestmöglich bereinigt hatten, ergab die Analyse: Das Demenzrisiko lässt sich durch Nitrat aus Gemüse und Co. um bis zu elf Prozent reduzieren. Dafür reichen 64 Milligramm täglich, was etwa einer Portion Spinat entspricht. Gleichzeitig steigt das Demenzrisiko um bis zu elf Prozent, je mehr Fleisch, insbesondere Wurstwaren, auf dem Teller landet. Bezüglich früh einsetzender Demenz schienen sich die Muster zu verstärken.
Was das Nitrat aus Gemüse so nützlich macht
„Nitrat aus Gemüse wirkt vermutlich anders, weil die darin enthaltenen Vitamine und Antioxidantien die Umwandlung in das schützende Stickstoffmonoxid fördern“, erklärt Studienleiterin Prof. Catherine Bondonno in einer Universitätsmitteilung.3 Da diese Nährstoffe in tierischen Produkten nicht vorkommen, begünstigt dies möglicherweise die Bildung schädlicher N-Nitrosamine. Ein Umstand, der auch auf das Nitrat im Leitungswasser zutrifft.
Studie zeigt möglichen Zusammenhang zwischen Leitungswasser und Prostatakrebs
Darf man Spinat aufwärmen?
Leitungswasser – eine unterschätzte Gefahr?
Laut EU-Trinkwasserrichtlinie liegt der erlaubte Höchstwert bei 50 Milligramm Nitrat pro Liter.4 Da es hauptsächlich über landwirtschaftliche Düngemittel ins Grundwasser gelangt, kann die Menge je nach Region unterschiedlich ausfallen. Anhand der Adressen der Teilnehmer konnten die Forscher ermitteln, wie viel Nitrat diese über das Leitungswasser aufnahmen. Alarmierend: Bereits Mengen von 1,8 bis 5,1 Milligramm Nitrat pro Liter standen mit einem um zwölf bis 16 Prozent erhöhten Risiko in Zusammenhang. Ob dieses erhöhte Risiko vom Nitrat selbst, bzw. den daraus entstehenden N-Nitrosaminen oder von anderen landwirtschaftlichen Schadstoffen herrührt, bleibt unklar.
Wasser ist und bleibt das gesündeste und damit beste Getränk, betont Bondonno. „Dennoch sprechen die Ergebnisse dafür, dass unsere Aufsichtsbehörden die aktuellen Grenzwerte überprüfen sollten.“ Es sei wichtig, besser zu verstehen, wie sich scheinbar geringe Mengen langfristig auf die Gehirngesundheit auswirken.
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Welche Erkenntnisse sich aus der Studie ableiten lassen und welche nicht
Beobachtungsstudien, die zudem auf Fragebögen basieren, können trotz großer Teilnehmerzahl und langem Beobachtungszeitraum niemals einen kausalen Zusammenhang beweisen. Hinzu kommen Verzerrungen und andere Ungenauigkeiten, die die Daten mit sich bringen, die sich auf Erinnerungen der Teilnehmer stützen. Eine weitere Schwäche: Die Ernährung wurde auch nur einmalig zu Beginn der Studie erfasst. Änderungen im Lebensstil über die 27 Jahre wurden nicht berücksichtigt.
Dass Nitrat direkt Demenz verursacht, lässt sich aus dieser Studie daher nicht ableiten. Für die Studienleiterin beinhaltet sie dennoch eine wichtige Kernaussage: „Menschen, die mehr Nitrat aus Gemüse und weniger verarbeitetes Fleisch zu sich nehmen, haben ein geringeres Demenzrisiko.“ Für die Wissenschaftlerin ein vernünftiger Ansatz, der auf Erkenntnissen und jahrzehntelanger Forschung zu Ernährung und Gesundheit basiert.