19. September 2026, 17:40 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Licht in der Nacht gehört für viele Menschen zum Alltag – sei es durch Straßenbeleuchtung, Lampen im Schlafzimmer oder andere Lichtquellen. Dass dies den Schlaf und die innere Uhr stören kann, ist bekannt. Eine neue Studie zeigt nun jedoch einen weiteren Zusammenhang: Menschen, die nachts stärkerem Licht ausgesetzt waren, wiesen messbare Veränderungen an Struktur und Funktion ihres Herzens auf. Zudem erkrankten sie häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall.
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Was Licht mit Herz und Kreislauf zu tun hat
Der Körper folgt einem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus – dem sogenannten zirkadianen Rhythmus. Dieser steuert zahlreiche Körperfunktionen, darunter Schlaf, Blutdruck, Hormonproduktion, Stoffwechsel und Herzfrequenz.
Dunkelheit signalisiert dem Körper, dass Nacht ist. Unter anderem steigt dadurch die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Licht am Abend und in der Nacht kann dagegen die Melatoninproduktion unterdrücken und die innere Uhr beeinflussen.
Dadurch könnten unter anderem Schlaf, Stresshormone sowie Stoffwechsel- und Entzündungsprozesse verändert werden. Eine neue Untersuchung ist nun der Frage nachgegangen, ob sich eine stärkere nächtliche Lichtbelastung sogar mit messbaren Veränderungen am Herzen in Verbindung bringen lässt.
Neue Studie untersucht das Herz im MRT
Für die im September 2026 im Fachjournal „European Heart Journal“ veröffentlichte Studie griffen die Forscher auf Daten der UK Biobank zurück. 11.071 Teilnehmer hatten sieben Tage lang einen Sensor am Handgelenk getragen, der ihre persönliche Lichtbelastung erfasste.1
Rund drei Jahre später wurde ihr Herz mittels Magnetresonanztomografie (MRT) untersucht. Dadurch konnten die Wissenschaftler unter anderem erkennen, wie groß die einzelnen Herzkammern waren, wie dick ihre Wände waren und wie gut sich der Herzmuskel zusammenzog.
Als nächtliche Lichtbelastung betrachteten die Forscher die fünf Stunden, in denen sich die jeweilige Person nachts am wenigsten bewegte. So konnten sie die nächtliche Ruhephase individuell bestimmen, anstatt für alle Teilnehmer dieselben Uhrzeiten festzulegen.
Anschließend untersuchten sie, wie lange die Teilnehmer während dieser Zeit Licht von mehr als drei Lux ausgesetzt waren.
Lichtbelastung stand im Zusammenhang mit Veränderungen am Herzen
Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang: Je stärker die Teilnehmer nachts Licht ausgesetzt waren, desto ausgeprägter waren bestimmte Veränderungen am Herzen.
Bei Menschen mit der höchsten nächtlichen Lichtbelastung war die Muskelmasse der linken Herzkammer um 2,4 Prozent größer. Die Herzwand war im Durchschnitt 1,5 Prozent dicker und ein Maß dafür, wie gut sich der Herzmuskel zusammenzieht, war um 1,9 Prozent niedriger als bei Menschen ohne entsprechende nächtliche Lichtbelastung.
Auch an der rechten Herzkammer und am linken Vorhof fanden die Forscher Veränderungen. Die Unterschiede erscheinen zunächst gering. Sie bedeuten auch nicht, dass die betroffenen Teilnehmer automatisch herzkrank waren. Solche Veränderungen können jedoch auf einen Umbau des Herzens hindeuten und möglicherweise auftreten, bevor sich eine Erkrankung bemerkbar macht.
Schlechterer Schlaf könnte eine Rolle spielen
Ein Teil des Zusammenhangs könnte mit dem Schlaf zusammenhängen. Je nach untersuchter Veränderung ließen sich zwischen 24 und 49 Prozent des Zusammenhangs statistisch durch eine kürzere Schlafdauer erklären.
Vereinfacht bedeutet das: Menschen mit stärkerer nächtlicher Lichtbelastung schliefen teilweise kürzer – und dieser kürzere Schlaf könnte wiederum mit den Veränderungen am Herzen zusammenhängen. Bewiesen ist dieser Mechanismus damit allerdings nicht. Die Berechnungen liefern lediglich einen Hinweis darauf, dass Schlaf eine Rolle spielen könnte.
Auch Herzinfarkt und Schlaganfall traten häufiger auf
Die Forscher wollten außerdem wissen, ob sich die nächtliche Lichtbelastung langfristig mit tatsächlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung bringen lässt.
Dafür untersuchten sie in einer weiteren Analyse 73.286 Teilnehmer über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren. Auch hier zeigte sich ein Zusammenhang. Menschen mit der höchsten nächtlichen Lichtbelastung hatten im Vergleich zu Teilnehmern ohne entsprechende Lichtbelastung ein:
- 29 Prozent höheres Risiko für Herzschwäche
- 15 Prozent höheres Risiko für Vorhofflimmern
- 24 Prozent höheres Risiko für einen Herzinfarkt
- 33 Prozent höheres Risiko für einen Schlaganfall
- 26 Prozent höheres Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben
Was bedeutet eigentlich drei Lux?
Lux beschreibt, wie viel Licht an einem Ort ankommt – vereinfacht gesagt also, wie hell es dort ist. Je höher der Lux-Wert, desto heller ist es. Ein klarer Vollmond erzeugt beispielsweise etwa 0,3 Lux, ein beleuchtetes Wohnzimmer rund 100 Lux oder mehr. In der Studie nutzten die Forscher drei Lux als Messwert: Sie erfassten, wie lange die Teilnehmer während ihrer nächtlichen Ruhephase mehr als drei Lux ausgesetzt waren. Drei Lux entsprechen dabei einer eher schwachen Beleuchtung – ungefähr zehnmal so hell wie das Licht eines klaren Vollmonds. Wichtig: Die drei Lux sind keine festgelegte Grenze zwischen „gesund“ und „ungesund“. Sie dienten den Forschern dazu, die nächtliche Lichtbelastung der Teilnehmer einheitlich zu erfassen und miteinander zu vergleichen.2
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Die Studie zeigt einen Zusammenhang – aber keine Ursache
So auffällig die Ergebnisse sind: Die Untersuchung kann nicht beweisen, dass Licht in der Nacht das Herz verändert oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie.
Auch die genannten Prozentwerte müssen richtig eingeordnet werden. Sie beschreiben relative Risikoerhöhungen. Ein um 24 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko bedeutet beispielsweise nicht, dass 24 Prozent der Menschen einen Herzinfarkt bekommen. Das Risiko war lediglich im Vergleich zur Gruppe ohne entsprechende nächtliche Lichtbelastung um 24 Prozent höher.
Zudem gibt es einige Einschränkungen. Die persönliche Lichtbelastung wurde lediglich sieben Tage lang gemessen. Zwar gibt es Hinweise darauf, dass das individuelle Lichtverhalten über längere Zeit relativ stabil sein kann – trotzdem lässt sich aus einer Messwoche nicht sicher ableiten, wie viel Licht jemand über Jahre hinweg nachts abbekommt.
Auch die Art des Lichts wurde nicht erfasst
Der Sensor konnte die Helligkeit messen, nicht aber die genaue Lichtfarbe beziehungsweise Wellenlänge. Das ist relevant, weil Licht je nach Wellenlänge unterschiedlich stark auf die innere Uhr wirken kann.
Hinzu kommt, dass die UK-Biobank-Teilnehmer überwiegend weiß und im Durchschnitt gesünder als die Allgemeinbevölkerung sind. Schichtarbeiter wurden aus der Hauptanalyse ausgeschlossen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Menschen übertragen.
Verkehrslärm als möglicher Störfaktor
Nächtlicher Verkehrslärm wurde nicht berücksichtigt. Stark beleuchtete Gegenden können zugleich stärkerem Verkehrslärm ausgesetzt sein, der Schlaf und Herz-Kreislauf-System ebenfalls belasten kann. Ein Teil des beobachteten Zusammenhangs könnte daher auf diesen Faktor zurückgehen. Bei der Lichtbelastung am Tag fanden die Forscher dagegen keinen vergleichbaren Zusammenhang mit den Veränderungen am Herzen.
Mehr Licht, geringeres Demenzrisiko? Studie liefert Hinweise
Hohe Schlafqualität kann Risiko für Schlaganfall und Herzerkrankungen deutlich senken
Frühere Studien liefern ähnliche Hinweise
Die neue Untersuchung ist nicht die einzige, die einen Zusammenhang zwischen Lichtverhältnissen und der Herzgesundheit feststellt.
US-Studie von 2026 untersuchte den Unterschied zwischen Tag und Nacht
Eine weitere, 2026 veröffentlichte Studie untersuchte 7607 Erwachsene aus den USA. Auch diese Teilnehmer trugen eine Woche lang einen Sensor, der ihre persönliche Lichtbelastung erfasste.3
Die Forscher betrachteten dabei allerdings nicht ausschließlich die Helligkeit in der Nacht. Sie untersuchten, wie stark sich die Lichtbelastung zwischen Tag und Nacht unterschied.
Dabei zeigte sich: Je länger die Teilnehmer tagsüber deutlich mehr Licht ausgesetzt waren als nachts, desto niedriger war später ihr Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben. Pro zusätzlicher Stunde mit einem ausgeprägten Unterschied zwischen Tag und Nacht lag das Risiko rund zwölf Prozent niedriger. Die Studie beweist damit nicht, dass Dunkelheit in der Nacht das Herz schützt. Sie liefert aber weitere Hinweise darauf, dass ein deutlicher Wechsel zwischen hellem Tag und dunkler Nacht für die Herzgesundheit eine Rolle spielen könnte.
Studie von 2025 mit fast 89.000 Teilnehmern
Bereits 2025 untersuchten Forscher Daten von 88.905 Erwachsenen aus der UK Biobank. Auch diese Teilnehmer hatten eine Woche lang einen Sensor am Handgelenk getragen, der ihre persönliche Lichtbelastung erfasste. Anschließend wurden sie durchschnittlich 9,5 Jahre lang beobachtet.4
Menschen mit den hellsten Nächten hatten im Vergleich zu Teilnehmern mit den dunkelsten Nächten ein um 42 Prozent höheres Risiko für einen Herzinfarkt. Das Risiko für Herzschwäche war um 45 Prozent, für Schlaganfall und Vorhofflimmern jeweils um 28 Prozent und für eine koronare Herzkrankheit um 23 Prozent erhöht.
Die Zusammenhänge blieben auch bestehen, nachdem die Forscher zahlreiche bekannte Risikofaktoren wie Bewegung, Schlafdauer, Rauchen, Ernährung und Bluthochdruck statistisch berücksichtigt hatten.
Auch ältere Studien fanden einen Zusammenhang
Eine 2021 im „European Heart Journal“ veröffentlichte Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen künstlichem Außenlicht in der Nacht und koronarer Herzkrankheit bei älteren Menschen in Hongkong. Eine stärkere nächtliche Außenbeleuchtung war auch dort mit einem höheren Erkrankungsrisiko verbunden.5
Solche Untersuchungen haben allerdings einen entscheidenden Nachteil: Die Lichtbelastung wurde anhand von Satellitendaten am Wohnort geschätzt. Dadurch lässt sich nicht feststellen, wie viel Licht die einzelne Person nachts tatsächlich abbekommen hat.
Was man im Alltag tun kann
Nächtliches Licht lässt sich zumindest teilweise relativ einfach reduzieren. Wer seine Schlafumgebung dunkler gestalten möchte, kann etwa:
- elektronische Geräte und unnötige Lichtquellen nachts ausschalten
- grelles Licht im Schlafzimmer vermeiden
- Rollos oder lichtdichte Vorhänge verwenden
- kleine Standby-Leuchten abdecken
- beim nächtlichen Aufstehen möglichst gedimmtes Licht nutzen
- bei störendem Umgebungslicht eine Schlafmaske verwenden
Ob solche Maßnahmen tatsächlich Veränderungen am Herzen verhindern oder das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senken können, hat die neue Studie allerdings nicht untersucht. Dafür wären kontrollierte Studien notwendig, bei denen die nächtliche Lichtbelastung gezielt verändert wird.
Licht ist ein äußerer Zeitgeber für den Schlaf
„Äußere Zeitgeber bewirken, dass sich unsere innere Uhr äußeren Gebebenheiten anpasst. So gelingt etwa die Umstellung nach einem Zeitzonenwechsel. Neben Ernährungszeiten oder körperlicher Aktivität ist auch die Lichteinwirkung ein solcher äußerer Zeitgeber. Blaues Licht blockiert die Wirkung des Schlafhormons Melatonin und fördert die Ausschüttung von Serotonin, das die Stimmung aufhellt und sich positiv auf Antrieb und Wachverhalten auswirkt. Wärmeres rot-gelbes Licht fördert die Bildung von Melatonin. So macht uns das natürliche Sonnenlicht am Morgen wach und fit, während das Licht des Sonnenuntergangs unseren Körper dazu anregt, sich für den Schlaf bereitzumachen. Übrigens funktioniert dieser Rhythmus nicht direkt von Geburt an. Es dauert etwa sechs Monate, bis das Licht Einfluss auf die innere Uhr nimmt und sich der zirkadiane Rhythmus einstellt. Der wichtigste äußere Zeitgeber für Babys sind die Still- bzw. Ernährungszeiten.“