4. August 2026, 10:05 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Mundspülungen sind medizinisch wertvolle Werkzeuge – die aber oft aus purer Gewohnheit zum falschen Zeitpunkt eingesetzt werden, sagt der Zahnmediziner Martin Jaroch bei FITBOOK.
Warum das Timing der Mundspülung so wichtig ist
Laut dem Zahnmediziner Dr. med. dent. M.Sc. M.Sc. Martin Jaroch ist das Timing bei der Anwendung von Mundspülung entscheidend für die Zahngesundheit. „Der größte Fehler ist, direkt nach dem Zähneputzen mit Mundspülung nachzuspülen. Dadurch wird das schützende Fluorid der Zahnpasta wieder entfernt.“ Sein Rat für den Alltag: „Besser: Zahnpasta nur ausspucken und die Mundspülung zu einem anderen Zeitpunkt verwenden.“
Zahnpasten haben in der Regel eine Fluoridkonzentration von etwa 1450 ppm (parts per million). Dieses Fluorid ist der wichtigste Wirkstoff, um den Zahnschmelz zu härten und vor Säureangriffen zu schützen. Nach dem Putzen verbleibt eine hohe Konzentration dieses Schutzstoffes im Speichel und direkt auf den Zahnflächen. Spült man nun direkt nach dem Zähneputzen mit einer Mundspülung mit geringem Fluoridgehalt oder ganz ohne, entsteht ein massives Konzentrationsgefälle. Das wertvolle Fluorid wird einfach weggeschwemmt, bevor es seine Schutzschicht auf dem Zahnschmelz festigen kann. Übrigens: Auch Wasser hat 0 ppm Fluorid. Insofern ist auch das unmittelbare Spülen mit Wasser direkt nach dem Putzen ein Problem.
Studien, wie die des schwedischen Zahnmediziners Dowen Birkhead, zeigen eindrucksvoll, dass die Fluoridkonzentration im Speichel nach dem Spülen mit Wasser oder fluoridarmen Lösungen drastisch sinkt.1 Erst ab einer Fluoridkonzentration von 226 ppm (was einer 0,05-Prozent-NaF-Lösung entspricht) bleibt die Fluoridverfügbarkeit im Mund auf einem Niveau, das mit dem bloßen Ausspucken der Zahnpasta vergleichbar oder sogar besser ist. Wer ein besonders hohes Kariesrisiko hat, sollte laut Studien sogar zu noch höheren Konzentrationen greifen (z. B. 900 ppm Fluorid), um den Schutz nach dem Putzen nicht zu gefährden, sondern sogar zu verstärken.
Mundspülung ersetzt weder Zahnseide noch -bürste
Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist der Glaube, die chemische Keule könne die Bürste ersetzen. Hier ist die medizinische Lage eindeutig: Eine Mundspülung ist kein Ersatz für die Zahnbürste oder Zahnseide. Der bakterielle Biofilm auf den Zähnen ist hartnäckig und muss physikalisch aufgebrochen werden. Mundspülung könne die Mundhygiene sinnvoll ergänzen – „aber den Biofilm muss man mechanisch entfernen“, betont Jaroch.
Auch die offizielle S3-Leitlinie der Fachgesellschaften zur Kariesprävention bei bleibenden Zähnen betont, dass das zweimal tägliche Putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta (mindestens 1000 ppm) die unverzichtbare Basis bleibt.2 Die Putzdauer sollte mindestens zwei Minuten betragen.
Vorsicht vor dem Inhaltsstoff Chlorhexidin
Nicht jede Mundspülung ist für den täglichen Gebrauch geeignet. Besonders kritisch sieht der Experte den Wirkstoff Chlorhexidin (CHX). Er hilft zwar gegen Plaque und Zahnfleischentzündungen (Gingivitits), hat aber Nebenwirkungen: „Chlorhexidin ist sehr wirksam, sollte aber nur kurzfristig eingesetzt werden, da es Zahnverfärbungen und Geschmacksstörungen verursachen kann“, warnt Jaroch. Zudem kann eine dauerhafte Anwendung von CHX das natürliche Mikrobiom im Mund stören. Studien belegen diese Auswirkungen.
Die britische Zahnmedizinerin Zoë Brookes, die an der University of Plymouth zum oralen Mikrobiom forscht, konnte zeigen, dass die Anwendung von CHX-Mundspülungen zu einer geringeren bakteriellen Diversität und Fülle führt.3 Das bedeutet, dass die natürliche Artenvielfalt der Mikroorganismen im Mund dramatisch abnimmt. Besonders kritisch ist laut der Studie aus dem Jahr 2021 etwa der Rückgang von nützlichen, nitratreduzierenden Bakterien.
Das passiert im Mund, wenn man ständig Mundspülung verwendet
Nitratreduzierende Bakterien sind wichtig für den sogenannten Stickoxid-Stoffwechsel. Gelten sie doch als entscheidendes Bindeglied zwischen der Mundgesundheit und dem gesamten Herz-Kreislauf-System. Doch die antibakteriellen Substanzen töten diese auf der Zunge wahllos ab, was nachweislich zu einem messbaren Anstieg des Blutdrucks und einem höheren kardiovaskulären Risiko führen kann. Forscher der University of Texas und des Baylor College of Medicine in Houston stellten 2019 bei Patienten, die zweimal täglich eine Mundspülung mit Chlorhexidin anwendeten, nach wenigen Tagen fest, dass der systolische Blutdruck der Studienteilnehmer signifikant anstieg. Selbst nach dem Absetzen der Mundspülung dauerte es eine Weile, ehe sich der Blutdruck wieder regulierte.4
Neben Mundspülungen mit Chlorhexidin sind auch alkoholhaltige Produkte mit Vorsicht zu genießen, da sie die Schleimhaut reizen können. Alkoholfreie Varianten sind laut Zahnarzt Martin Jaroch daher oft die bessere Wahl. Mundspülungen mit ätherischen Ölen (z. B. Eukalyptol, Thymol oder Menthol) können Plaque und Gingivitis reduzieren, würden bei manchen Menschen jedoch Schleimhautreizungen oder allergische Reaktionen verursachen.
Übrigens: Für fluoridhaltige oder kosmetische Mundspülungen fanden Forscher bislang deutlich weniger Hinweise auf relevante Langzeitveränderungen.
Wann Mundspülungen medizinisch sinnvoll sind
Dennoch gibt es laut dem Experten Situationen, in denen eine Mundspülung medizinisch sinnvoll ist. Der Zahnmediziner empfiehlt sie in folgenden Fällen:
- Nach oralchirurgischen Eingriffen (z. B. nach einer Implantation oder Weisheitszahn-OP), wenn Putzen vorübergehend nicht möglich ist.
- Bei Gingivitis oder Parodontitis zeitlich begrenzt
- Bei hohem Kariesrisiko: Hier kann eine 0,05-Prozent-Natriumfluorid-Spülung zusätzlich zur fluoridhaltigen Zahnpasta das Risiko zusätzlich senken.
- Bei festsitzenden Zahnspangen, eingeschränkter Motorik oder Pflegebedürftigkeit
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Die drei Säulen der Zahngesundheit
Am Ende ist die Mundspülung nur ein kleiner Teil des Puzzles. Jaroch nennt drei Dinge, die für gesunde Zähne weitaus wichtiger sind:
- Zweimal täglich putzen – mit fluoridhaltiger Zahnpasta.
- Tägliche Reinigung der Zahnzwischenräume (Zahnseide oder Interdentalbürsten), um Entzündungen und Parodontitis vorzubeugen.
- Zuckerarme Ernährung und Vorsorge: Weniger freier Zucker (idealerweise unter fünf Prozent der Gesamtenergiezufuhr laut Leitlinie) und regelmäßige Kontrollen beim Zahnarzt.
Sein ultimativer Rat für ein strahlendes Lächeln ist überraschend simpel: „Die richtige Ernährung ist weitaus wichtiger als alles, was wir uns zum Schutz der Zähne ausdenken können!“ Denn Zahnprobleme beginnen oft mit dem, was wir essen – noch bevor wir überhaupt zur Zahnbürste greifen.
Fazit
Für viele Menschen, die nicht so gut putzen, wie man denkt, ist eine Mundspüllösung eine gute Ergänzung. Aber: Wer seine Zähne optimal schützen will, sollte sich von der Vorstellung verabschieden, dass viel (Chemie) auch viel hilft. Keine Spülung der Welt kann das mechanische Aufbrechen des Biofilms durch Zahnbürste und Interdentalreinigung ersetzen. Antiseptika wie Chlorhexidin sind medizinische Wirkstoffe für den Kurzzeitgebrauch (z. B. nach OPs). Eine dauerhafte Anwendung kann das natürliche Mikrobiom im Mund massiv stören und nützliche Bakterien verdrängen. Nach dem Zähneputzen sollten Sie die Zahnpasta nur ausspucken. Wer sofort mit Mundspülung oder Wasser nachspült, provoziert den „Wash-out-Effekt“ und raubt seinen Zähnen den wertvollen Fluorid-Schutz der Zahnpasta.
Die wahren Garanten für ein gesundes Lächeln sind zweimal tägliches Putzen mit mindestens 1000 ppm Fluorid, die tägliche Reinigung der Zwischenräume und eine zuckerarme Ernährung.
Über den Experten: Dr. med. dent. M.Sc . M.Sc . Martin Jaroch studierte Zahnmedizin an der Freien Universität Berlin und promovierte an der Charité in Berlin. Weiterhin hat er einen Master of Science in Parodontologie und Implantattherapie sowie in Kieferorthopädie.