6. Januar 2026, 14:28 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Es gibt verschiedene Gewohnheiten, die dazu beitragen können, die Geschwindigkeit der Gehirnalterung zu drosseln. Einige davon haben den positiven Nebeneffekt, die körperliche Gesundheit zu fördern, andere halten das Gehirn womöglich über soziale und psychologische Wege jung. Bei FITBOOK erfahren Sie mehr zu den aktuellen Studienerkenntnissen.
Studien zeigen Wege, um das Gehirn jung zu halten
Erst kürzlich zeigte eine Studie, dass sich mehrere Faktoren als besonders wirksamer Schutz für das Gehirn erweisen; FITBOOK berichtete.1 Demnach sollen insbesondere ausreichend Schlaf, ein starkes soziales Umfeld, ein gesunder Taillenumfang bzw. ein gesundes Körpergewicht sowie der Verzicht auf Tabakkonsum das Gehirn jung halten. Doch es gibt womöglich noch mehr einfache Maßnahmen mit entsprechendem Potenzial – darunter gar schöngeistige Beschäftigungen.
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Kreative Beschäftigungen, die die Gehirnalterung drosseln
Eine neue Studie beschäftigte sich mit dem Effekt kreativer Aktivitäten auf die Verfassung des Gehirns.2 Dabei ging sie einen Schritt weiter. Anstatt wie üblich nur die kognitive Leistung zu messen, um Rückschlüsse auf den Zustand des Gehirns zu ziehen, berechnet sie das „Gehirnalter“ direkt. Dafür nutzten die Forscher neuronale Daten, die zeigen, wie „jung“ oder „alt“ ein Gehirn funktionell ist.
Details zur Untersuchung
Das Team entwickelte ein Modell, sogenannte Brain Clocks. Diese erfassen, wie sich die Gehirnaktivität im Laufe des Lebens verändert, indem sie die Abweichung zwischen dem vorhergesagten biologischen Gehirnalter und dem tatsächlichen Lebensalter messen. Grundlage für das Modell waren EEG-Daten (Elektroenzephalografie) – also Messungen der elektrischen Aktivität des Gehirns über die Kopfhaut – von insgesamt 1240 Personen. Aus diesen Daten berechnete das Modell das geschätzte Gehirnalter jedes Teilnehmers.
Anschließend prüfte das Forschungsteam in einer weiteren Gruppe von 232 Personen, wie sich das geschätzte Gehirnalter bei Menschen mit unterschiedlich intensiver kreativer Erfahrung unterscheidet. Hierunter waren Berufstätige aus verschiedenen kreativen Gebieten – etwa Tänzer, Musiker, visuelle Künstler oder Gamer. Wir nennen sie im Folgenden Experten. Daneben betrachteten die Forscher Menschen, die erst seit Kurzem einem kreativen Hobby nachgingen. Zur Bewertung zogen sie die sogenannte Brain Age Gap (BAG) heran – also die Differenz zwischen dem tatsächlichen Lebensalter einer Person und dem vom Modell geschätzten Gehirnalter. Negative Werte bedeuten, dass das Gehirn im Vergleich zum Alter biologisch jünger funktioniert. Positive Werte hingegen weisen auf ein etwas „älteres“ Gehirn hin. So lässt sich quantitativ darstellen, wie kreative Aktivitäten das Gehirn potenziell schützen und stimulieren.
Ergebnisse
Die Wissenschaftler stellten fest: Je mehr Erfahrung in kreativen Aktivitäten vorlag, desto „jünger“ wirkte das Gehirn im Modell. In allen untersuchten kreativen Bereichen hatten Experten – von Tanz bis Gaming – im Durchschnitt deutlich niedrigere Brain Age Gaps als Menschen ohne vergleichbare Erfahrungen. Ihr Gehirn wirkte damit biologisch mehrere Jahre jünger als ihr tatsächliches Alter. Aber auch kurze Lernphasen, etwa beim Üben eines Videospiels, führten zu einer messbaren Verbesserung des Gehirnalters. Selbst kurzfristiges kreatives Betätigen zeigt also einen positiven Effekt.
Die Analyse der neuronalen Daten legt nahe, dass kreative Aktivitäten die Vernetzung zwischen bestimmten Hirnregionen stärken – solchen, die mit dem Alter besonders anfällig sind. Betroffen sind demnach vor allem Netzwerke, die für Aufmerksamkeit, Problemlösung und koordinierte Informationsverarbeitung zuständig sind. Durch diese verbesserte Vernetzung kann das Gehirn effizienter arbeiten, was sich im gemessenen Brain Age Gap widerspiegelt.
Bedeutung der Beobachtungen
Kreative Aktivitäten machen offenbar nicht nur subjektiv Spaß. Die Studie liefert direkte neurobiologische Hinweise darauf, dass die Maßnahmen auch messbar mit einem jung erscheinenden Gehirn einhergehen. Dadurch bieten die Ergebnisse der Untersuchung womöglich ein enormes Potenzial. Wenngleich man einschränkend hinzufügen sollte, dass sie keine kausalen Wirkungen beweisen. Anders gesagt: Es ist auch möglich, dass es eher Menschen mit einem gesünderen, junggebliebenen Gehirn sind, die kreative Hobbys pflegen. Zudem handelt es sich bei EEG-basierten Brain Clocks um ein relativ neues Werkzeug, dessen Belastbarkeit sich in der Forschung noch bewähren muss.
Doch eines kann man sicher sagen: Es kann sich definitiv lohnen, mit Tanzen, Musizieren oder anderen künstlerischen Betätigungen zu beginnen. Beim Tanzen sind immerhin verschiedene günstige Effekte auf den Körper belegt, die so auch über Umwege dem Gehirn zugutekommen – nicht zuletzt dadurch, dass es die ideale Sportart zum Abnehmen sein soll.3 Ebenso zeigen Studien, dass das bewegungsintensive Hobby das Gehirn vor dem Verfall schützen kann.4,5 Wenn ein Hobby darüber hinaus noch das Gehirn jung hält, hat man erst recht gewonnen.
Das Gleiche gilt für eine weitere Handlung, die sich einer neuen Studie zufolge günstig auf das Gehirnalter auswirken soll.
Anderen zu helfen, hält laut Studie das Gehirn jung
Anderen Gutes zu tun, kann sich auch für das eigene Gehirn auszahlen. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung aus Texas.6 Sie untersuchte den Zusammenhang zwischen Freiwilligendienst, also etwa der ehrenamtlichen Mitarbeit im Seniorenzentrum, in Schulen oder sozialen Einrichtungen sowie freiwilliger Nachbarschaftshilfe, und chronischem Stress und systemischen Entzündungen. Es ist bekannt, dass chronischer Stress Gehirnstrukturen, die für das Gedächtnis, die Lernfähigkeit und die emotionale Regulation zuständig sind, negativ beeinflussen kann. In diesem Zusammenhang kann man an eine Studie erinnern, die zeigte, dass Überstunden – solche bedeuten Stress, da sie mit Überlastung bei mangelnder Erholung einhergehen – das Gehirn angreifen.7
Details zur Untersuchung
Die Forscher der hier vorliegenden Studie untersuchten nun, ob formelles Ehrenamt oder informelle Unterstützung von Menschen außerhalb des eigenen Haushalts mit einem langsameren kognitiven Abbau im Alter verbunden ist. Sie verwendeten hierfür Daten der Health and Retirement Study (HRS).8 Diese ist eine repräsentative US-Gesundheitsstudie, die mehr als 30.000 Erwachsene ab dem Alter von 51 Jahren über rund 20 Jahre begleitet. Im Rahmen der HRS-Erhebung werden die Probanden regelmäßig zu freiwilligen Helferaktivitäten befragt. Die HRS erfasst auch die kognitiven Funktionen der teilnehmenden Frauen und Männer mittels standardisierter Tests. Sie analysiert zudem Veränderungen der Gedächtnisleistung und der Geschwindigkeit über die Zeit. Entsprechende Daten lagen dem Forscherteam somit vor. Es untersuchte anhand des C-reaktiven Proteins (CRP), welchen Einfluss freiwilliges Engagement auf den Zustand des Gehirns hat. Mithilfe einer Verteilungsanalyse von CRP konnten die Wissenschaftler Teilgruppen innerhalb der Bevölkerung identifizieren, die möglicherweise besonders von ehrenamtlicher Tätigkeit profitieren.
Auswertung und mögliche Bedeutung der Ergebnisse
Wer regelmäßig anderen half – sei es offiziell ehrenamtlich oder informell als freiwilliger Helfer im Alltag –, zeigte einen deutlich langsameren Rückgang der kognitiven Fähigkeiten. Den größten Effekt registrierten die Forscher bei einem wöchentlichen Engagement von etwa zwei bis vier Stunden. Diese Personen behielten ihre geistigen Fähigkeiten bis zu 20 Prozent länger als Menschen, die kaum halfen.
Prosoziales Verhalten (= Verhalten, das anderen helfen oder deren Situation verbessern soll) könnte folglich als kognitive Aktivität wirken, die den geistigen Alterungsprozess verlangsamt. Die Wirkmechanismen könnten dabei vielfältig sein. Wie die Studienautoren erklären, könnte der Effekt aus der reinen sozialen Interaktion herrühren. Ebenso könnte die emotional positive Erfahrung durch das reine mentale Engagement zu einer Stressreduktion beitragen.
Einschränkungen
Auch diese Studie konnte allerdings keinen kausalen Zusammenhang nachweisen. Es ist möglich, dass Personen, die von Natur aus geistig aktiver sind, eher dazu neigen, anderen zu helfen. Weiter wirkt sich einschränkend aus, dass die Messung überwiegend auf Selbstangaben zu freiwilligem Engagement und kognitiven Tests basiert. Direkte Hirnbilddaten, die objektive Aussagen über das Gehirn erlauben würden, fehlen.
Zusammenfassend lässt sich ein ähnliches Fazit wie zur ersten Studie ziehen: Freiwilligenarbeit schadet niemandem – vorausgesetzt, man ist körperlich dazu in der Lage und hat genügend Zeit. Wenn das Gehirn dadurch jünger bleibt, ist das ein schöner Lohn.