22. Mai 2026, 21:03 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Es trainiert große Muskelgruppen und stärkt das Herz-Kreislauf-System, zugleich gilt es als besonders gelenkschonend: Fahrradfahren. Auch aus ökologischer Sicht spricht vieles dafür, häufiger aufs Rad umzusteigen – nicht nur als Sport, sondern auch für den täglichen Arbeitsweg statt mit dem Auto. Doch seit Jahren hält sich ein hartnäckiges Gerücht: Fahrradfahren soll Männer womöglich impotent machen. FITBOOK hat bei Experten nachgefragt, was wirklich dran ist.
Warum Fahrradfahren Männer impotent machen könnte
Radfahrer kennen das wahrscheinlich: Nach längerem Sitzen auf dem harten Sattel schlafen gerne mal die Genitalien ein. Unangenehm – und womöglich gar nicht mal so unbedenklich.
Dieses Taubheitsgefühl entsteht, weil beim Fahrradfahren der Großteil des Körpergewichts auf dem Damm lastet. Damit ist die Stelle zwischen den Beinen gemeint, an der viele Nerven zum Penis verlaufen. Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2008 kann die Kombination aus Beengtheit und Druck nicht nur zu einem kurzzeitigen Einschlafen, sondern auch zu Verletzungen führen.1 Und diese können womöglich das Risiko für „schwere Probleme im Genitalbereich bis hin zur Impotenz“ erhöhen.
Ein harter Sattel verstärke das Problem. Durch die Position beim Fahrradfahren soll im Bereich der empfindlichen männlichen Weichteile die Durchblutung um bis zu 70 Prozent verringert sein. Und auch wenn das eingeschlafene Gefühl nach einigen Minuten nachlässt: Studienautor Vinod Nargund attestiert 60 Prozent der Männer, die regelmäßig aufs Rad steigen, eine stark erhöhte Wahrscheinlichkeit für Erektionsstörungen und Probleme mit der Zeugungsfähigkeit.
Experte gibt Entwarnung
Aus urologischer Sicht lässt sich die Frage, ob Fahrradfahren Männer impotent machen kann, heute differenzierter beantworten als noch vor einigen Jahren. Das erklärt Urologe Dr. med. Christoph Pies im Gespräch mit FITBOOK. „Die aktuelle Studienlage spricht nicht dafür, dass normales oder moderates Radfahren dauerhaft zu Impotenz führt“, erklärt er überzeugt. Größere Untersuchungen konnten demnach keinen klaren Zusammenhang zwischen regelmäßigem Fahrradfahren und einer chronischen erektilen Dysfunktion nachweisen.
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Man kann also davon ausgehen, dass durch die typische Sitzposition auf dem Fahrrad keine dauerhaften Schädigungen entstehen, so Dr. Pies. Und wenn, dann seien sie sehr selten und beschränkten sich demnach auf Extrembelastungen, etwa im leistungsorientierten Radsport.
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Wann man trotz der Entwarnung vom Radfahren absehen sollte
Allerdings könne intensives oder sehr häufiges Radfahren einen bestimmten Laborwert beeinflussen, räumt Urologe Pies ein: das prostataspezifische Antigen (PSA). Es handelt sich dabei um einen Eiweißstoff, der ausschließlich in der Prostata gebildet wird. Der PSA-Wert im Blut dient in der Urologie vor allem dazu, Prostataerkrankungen wie Prostatakrebs frühzeitig zu erkennen und deren Verlauf zu überwachen.
Durch den anhaltenden Druck auf die männlichen Weichteile könne der PSA-Wert vorübergehend ansteigen. Dadurch sei er zur Abklärung möglicher Prostataerkrankungen unter Umständen nicht mehr zuverlässig und könne im schlimmsten Fall zu einem falschen Befund führen.
„Deshalb empfehlen viele Urologen, vor einer PSA-Blutentnahme etwa 24 bis 48 Stunden auf intensives Radfahren oder Ergometertraining zu verzichten“, erklärt Urologe Dr. Pies. Dies gelte insbesondere dann, wenn grenzwertige Werte kontrolliert werden sollen.
Tipps für Männer, um den beanspruchten Damm zu entlasten
Zusammenfassend geht vom Fahrradfahren also keine Gefahr für die männliche Potenz aus. Um aber auch das Taubheitsgefühl zu minimieren, das immerhin ziemlich lästig sein kann, ist die Haltung auf dem Fahrrad laut dem Experten von Bedeutung.
„Problematisch sind vor allem stark nach vorne geneigte Positionen und hoher Druck auf den schmalen Sattelbereich.“ Aus urologischer Sicht sind daher gut angepasste, druckentlastende Fahrradsättel sinnvoll. Insbesondere auf langen Radtouren sollte man regelmäßig die Sitzposition wechseln und Pausen einlegen. Daneben kann es den Komfort erhöhen, wenn man gepolsterte Hosen trägt.