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Studie deckt auf

Unerwünschte Langzeitfolge von Ibuprofen- und Paracetamol-Einnahme

Ibuprofen Antibiotikaresistenz
Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol liegen griffbereit in vielen Nachtschrankschubladen – doch sie könnten Antibiotikaresistenz begünstigen. Foto: Getty Images
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29. August 2025, 13:47 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Millionen Menschen nehmen täglich Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol ein – teils zusätzlich zu Antibiotika. Doch eine neue Studie zeigt: Diese Kombination könnte unbemerkt zur Entstehung gefährlicher resistenter Bakterien beitragen. Besonders in Pflegeheimen, wo viele ältere Menschen täglich zahlreiche Medikamente erhalten, ist das Risiko offenbar hoch. Das wirft eine brisante Frage auf: Tragen gängige Arzneimittel wie Ibuprofen zur globalen Antibiotikaresistenz bei?

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Ein großzügiger Einsatz von Antibiotika stand bisher im Fokus, wenn es um das Thema Resistenz ging. Doch was ist mit anderen gängigen Medikamenten? Forscher der University of South Australia und der University of Adelaide untersuchten, ob häufig in Pflegeheimen verwendete Medikamente – darunter Ibuprofen und Paracetamol – die Entwicklung von Antibiotikaresistenz bei Escherichia coli (E. coli) fördern. Diese Darmbakterien sind insbesondere für Darm- und Harnwegsinfektionen verantwortlich.1

9 Medikamente auf dem Prüfstand

Die Studie überprüfte, ob bestimmte gängige Medikamente einzeln oder in Kombination mit dem Breitbandantibiotikum Ciprofloxacin, die Mutationsrate von E. coli erhöhen und somit eine Resistenzentwicklung begünstigen. Der Fokus lag auf realitätsnahen Dosierungen der Medikamente, wie sie im menschlichen Darm vorkommen, insbesondere bei älteren Menschen mit Polypharmazie (regelmäßige Einnahme vieler Medikamente).

Im Detail wurden folgende Medikamente untersucht:

  • Paracetamol: Schmerzmittel und Fiebersenker
  • Ibuprofen: entzündungshemmendes Schmerzmittel
  • Diclofenac: entzündungshemmendes Schmerzmittel
  • Furosemid: Entwässerungsmittel (Diuretikum)
  • Metformin: Antidiabetikum (zur Behandlung von Typ-2-Diabetes)
  • Atorvastatin: Cholesterinsenker (Statin)
  • Tramadol: Opioid-Schmerzmittel
  • Temazepam: Schlafmittel (Benzodiazepin)
  • Pseudoephedrin: abschwellendes Mittel (häufig in Erkältungspräparaten)

Zusätzlich wurden verschiedene, häufig auftretende Kombinationen der Medikamente getestet, um den Einfluss häufiger Polypharmazie-Szenarien in Pflegeheimen zu simulieren. Die leitende Forscherin Rietie Venter bezeichnete Altenheime als „idealen Nährboden für die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen“.2

Untersuchung zweier Bakterienstämme

Die Wissenschaftler testeten in einem umfangreichen Laborexperiment die Wirkung der Medikamente auf zwei E. coli-Stämme – einen Laborstamm und ein klinisches Isolat, das aus einer Stuhlprobe eines Pflegeheimbewohners stammte. Dabei wurden die Bakterien über 48 Stunden hinweg einer Kombination aus Ciprofloxacin (in einer minimal wirksamen Konzentration) und einem oder zwei der Arzneimittel ausgesetzt.

Untersucht wurden:

  • Wachstumsverhalten der Bakterien
  • Mutationsfrequenz (Anzahl resistenter Mutanten)
  • Ausmaß der Antibiotikaresistenz (mittels Bestimmung der minimalen Hemmkonzentration; MIC)
  • Genetische Veränderungen (mittels Ganzgenomsequenzierung),
  • Expression bestimmter Transportproteine (AcrAB-TolC), die als zentrale Mechanismen der Resistenz bekannt sind (transportieren Antibiotikum aus Zellen heraus)

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Experiment zeigt unberuhigenden Resistenz-Turbo

Insbesondere die Schmerzmittel Ibuprofen und Paracetamol erhöhten die Mutationsfrequenz von E. coli signifikant, wenn sie mit Ciprofloxacin kombiniert wurden – und zwar in Konzentrationen, wie sie realistisch im Darm älterer Menschen auftreten. Paracetamol steigerte die Mutantenanzahl um das 4,3-Fache, Ibuprofen sogar um das 15,3-Fache. Auch Diclofenac und Furosemid förderten die Entwicklung resistenter Mutanten. Die höchste beobachtete Antibiotikaresistenz (64-fach) trat bei einer Kombination aus Ibuprofen und Diclofenac auf. Diese Mutanten waren zusätzlich auch gegen andere Antibiotika wie Levofloxacin, Minocyclin oder Cephalosporine weniger empfindlich.

Venter erklärt: „Wir haben auch die genetischen Mechanismen hinter dieser Resistenz aufgedeckt, wobei sowohl Ibuprofen als auch Paracetamol die Abwehrkräfte der Bakterien aktivieren, um Antibiotika auszustoßen und sie weniger wirksam zu machen.“

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Bedeutung und Einordnung der Studie

Die Studie zeigt erstmals überzeugend, dass gängige nichtantibiotische Medikamente wie Ibuprofen und Paracetamol – in Kombination mit dem Antibiotikum Ciprofloxacin – signifikant zur Entstehung einer Antibiotikaresistenz beitragen können. Besonders alarmierend ist dies im Kontext von Pflegeheimen, wo ältere Menschen oft mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen. Die Forscher zeigten, dass diese Kombinationen bei Darmbakterien wie E. coli zu deutlich erhöhten Mutationsfrequenzen führen und Resistenzen gegen mehrere Antibiotika auslösen können.

Die Studie wurde unter Laborbedingungen durchgeführt, allerdings mit Bakterien aus einer menschlichen Stuhlprobe und Medikamentenkonzentrationen, wie sie im menschlichen Darm tatsächlich vorkommen. Das verleiht den Ergebnissen hohe Relevanz, auch wenn klinische Studien zur Bestätigung noch ausstehen. Die Studie liefert somit einen wichtigen Hinweis dafür, dass nicht nur Antibiotika selbst, sondern auch gängige, rezeptfreie Medikamente das Risiko für Resistenzen erhöhen können – ein Aspekt, der bei der Verschreibungspraxis und Polypharmazie künftig stärker beachtet werden sollte.

Fazit der Studienleiterin

Venter betont: „Diese Studie ist eine deutliche Erinnerung daran, dass wir die Risiken der Verwendung mehrerer Medikamente sorgfältig abwägen müssen – insbesondere in der Altenpflege, wo den Bewohnern oft eine Kombination aus Langzeitbehandlungen verschrieben wird.“ Aber sie stellt auch klar: „Das bedeutet nicht, dass wir diese Medikamente nicht mehr verwenden sollten, aber wir müssen uns stärker bewusst machen, wie sie mit Antibiotika interagieren – und dazu gehört auch, dass wir über bloße Kombinationen zweier Medikamente hinausblicken.“

Die Forscher fordern weitere Studien zu Wechselwirkungen bei Personen, die eine langfristige medikamentöse Behandlung erhalten, um ein besseres Verständnis zu entwickeln, wie sich gängige Medikamente auf die Wirksamkeit von Antibiotika auswirken können. Das betreffe neben alten auch chronisch kranke Menschen.

Quellen

  1. Chen, H., Sapula, S. A., Turnidge, J., Venter, H. (2025). The effect of commonly used non-antibiotic medications on antimicrobial resistance development in Escherichia coli. npj Antimicrobials and Resistance. ↩︎
  2. University of South Australia. Common painkillers linked to antibiotic resistance. EurekAlert! (aufgerufen am 29.08.2025) ↩︎

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