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Kipppunkt identifiziert! Ab diesem Alter beginnt Gebrechlichkeit

Gebrechlichkeit
Ab wann beginnt Gebrechlichkeit? Forscher haben das genaue Alter bestimmt. Foto: Getty Images
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Martin Lewicki
Freier Autor

4. Dezember 2025, 10:46 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Ab wann werden Menschen gebrechlich? Und lässt sich das tatsächlich mit einem bestimmten Alter beziffern? Kanadische Forscher haben nun den Zeitpunkt ermittelt, ab dem Gebrechlichkeit deutlich einsetzt.

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Ab einem Alter von etwa 75 Jahren setzt Gebrechlichkeit ein

Unter Gebrechlichkeit (im Englischen „Frailty“) versteht man eine allgemein erhöhte Anfälligkeit älterer Menschen gegenüber Stressfaktoren wie Überlastung und Erkrankungen.1 Durch den physiologischen Alterungsprozess nimmt die Resistenz gegen Stressoren ab, was beispielsweise zu verlangsamten Heilungs- und Genesungsprozessen nach Verletzungen und Krankheiten führt. Doch ab wann setzt Gebrechlichkeit ein? Und lässt sich das genau bestimmen? Kanadische Forscher liefern darauf in einer aktuellen Studie erstmals eine Antwort.2 Demnach findet der Kipppunkt zur Gebrechlichkeit ab einem Alter von etwa 75 Jahren statt. Der Körper kann sich dann nicht mehr so leicht von Verletzungen und Krankheiten erholen, wie die Forscher der Dalhousie University berichten. Damit einhergehend steigt das Sterberisiko. 

Menschen altern in Sprüngen

Bereits frühere Studien haben gezeigt, dass wir Menschen nicht nur kontinuierlich altern, sondern auch große Sprünge erleben. So ergab eine Untersuchung aus dem Jahr 2024, dass wir auf molekularer Ebene vor allem um das 44. und 60. Lebensjahr einen großen Alterungssprung erleben.3 Eine weitere, erst kürzlich vorgestellte Untersuchung lieferte Hinweise dafür, dass nach dem 50. Lebensjahr Gewebe und Organe schneller altern als in den Jahrzehnten zuvor.4 Nun zeigt auch die kanadische Studie, dass die Alterung mit Blick auf Gebrechlichkeit einen Sprung macht, und damit einen Kipppunkt hat.

„Wir stellen fest, dass die natürliche Alterungsdynamik nicht trivial ist und einen Wendepunkt im Alter von etwa 75 Jahren einsetzt, an dem Robustheit und Widerstandsfähigkeit nicht mehr ausreichen und nach dem sich der Gesundheitszustand der Menschen im Laufe der Zeit tendenziell verschlechtert, was das Ende einer widerstandsfähigen Jugendphase markiert“, schreiben die Wissenschaftler unter der Leitung des Physikers Glen Pridham in ihrer Studienauswertung.

Forscher nutzten den Gebrechlichkeitsindex

Es ist offensichtlich, dass mit steigendem Alter die körperliche und geistige Fitness bei Menschen abnimmt. Dadurch nehmen die Häufigkeit und Schwere der Gesundheitsprobleme zu. Ärzte benutzen den sogenannten „Frailty-Index“ (Gebrechlichkeitsindex), um den Gesundheitszustand ihrer Patienten vorherzusagen. Der Index wird häufig als Verhältnis der vorhandenen Gesundheitsdefizite zur Gesamtzahl der berücksichtigten Defizite ausgedrückt. Wenn beispielsweise 40 Gesundheitsprobleme berücksichtigt wurden und bei einer bestimmten Person 10 davon vorlagen, ergäbe sich für diese Person ein Gebrechlichkeitsindex von 10 durch 40, also 0,25.5 Je höher der Index, desto schlechter der Gesundheitszustand und die Genesung der Person.

Die kanadischen Forscher nutzten den Gebrechlichkeitsindex zur Erstellung eines neuen mathematischen Modells des menschlichen Alterns. Hierfür verwendeten sie Daten aus der „Health and Retirement Study“ der University of Michigan sowie der „English Longitudinal Study of Ageing“. In diesen Datensätzen wurde die Gesundheit Tausender Menschen über Jahre hinweg verfolgt und dokumentiert. So lag die Gesamtprobandenanzahl bei 12.920 Personen mit einem Durchschnittsalter von 67 Jahren. Diese wurden 65.261 Mal medizinisch untersucht.

Der Gesundheitszustand der Probanden wurde anhand eines Gebrechlichkeitsindex mit mehr als 30 Merkmalen bestimmt. Dazu zählten chronische Erkrankungen, Schwierigkeiten bei der Ausführung von Alltagstätigkeiten und Aktivitäten sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

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Das hat die Datenauswertung ergeben

Anhand der Daten haben die Wissenschaftler ein mathematisches Modell erstellt, um gesundheitliche Veränderungen im Laufe der Zeit in zwei wichtigen Bereichen bestimmten:

  1. negative Gesundheitsvorfälle wie Krankheiten und Verletzungen
  2. jene Zeit, die die Probanden benötigen, um sich davon zu erholen

Der Anstieg des Gebrechlichkeitsindex bedeutete, dass die Teilnehmer mehr gesundheitliche Rückschläge erlitten und sich schlechter erholten. Aus den Daten ging hervor, dass sowohl die gesundheitlichen Probleme als auch die Genesungszeit mit steigendem Alter zunahmen.

Der Kipppunkt war schließlich erreicht, wenn die Genesungsrate nicht mehr mit der Rate der gesundheitlichen Probleme mithalten konnte. Dieser Zeitpunkt lag sowohl bei Männern als auch bei Frauen im Bereich von 73 bis 76 Jahren. „Jenseits dieses Kipppunkts führt der anhaltende Verlust sowohl an Robustheit als auch an Widerstandsfähigkeit zu einem starken Anstieg des Gebrechlichkeitsindex und einem entsprechenden Anstieg des Sterberisikos“, schreiben die Forscher in ihrer Studienauswertung.

Daraus schließen die Forscher, dass die Widerstandsfähigkeit von Senioren mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren stark abnimmt und die gesundheitlichen Probleme nicht mehr ausreichend kompensieren kann. Dies führt letztlich dann zum Tod.

Forscher hoffen auf bessere Präventivmaßnahmen

Die Ergebnisse könnten dazu beitragen, bessere Präventivmaßnahmen zu entwickeln. Ärzte sollten sich darauf fokussieren, den Gesundheitszustand der Patienten vor Erreichen des Kipppunkts so gut wie möglich zu erhalten bzw. zu verbessern. Laut den Forschern sei dies vorteilhafter, als lediglich Maßnahmen, die den gesundheitlichen Verfall hinauszögerten. Doch auch Patienten können bewusst dagegensteuern, indem sie mehr auf ihre Gesundheit im kritischen Lebensabschnitt zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr achten.

Melanie Hoffmann
Ernährungs-, Fitness- und Schlafexpertin

Gestalten Sie das Altern aktiv

„Wir werden älter und irgendwann gebrechlich, das ist normal und gehört zum Verlauf des Lebens dazu. Aber man kann seinen Weg ins Alter passiv oder aktiv gestalten. Letzteres erhält zum einen die Lebensfreude in Form sozialer Kontakte und freudebringender Freizeitgestaltung. Sie sind wichtig für die Psyche und halten das Gehirn auf Trab. Ein aktives Leben umfasst zum anderen auch Dinge, die die Gesundheit und Fitness des Körpers fördern und damit auch der Gebrechlichkeit entgegenwirken können. Was dazu zählt, fragen Sie sich? Ich würde sagen, das fängt an bei bewusster, auf die Bedürfnisse des Älterwerdens angepasster Ernährung, geht weiter über einen gesundheitsförderlichen Schlaf, macht einen Weg über Vorsorgeuntersuchungen und umfasst schließlich Bewegung. Immer mit dem Ziel, die Knochen zu stärken, Muskelmasse zu erhalten und koordinativ und beweglich zu bleiben. Dann kann man auch dem Altwerden gelassen entgegenblicken.“

Quellen

  1. DocCheck Flexikon: Frailty (aufgerufen am 3.12.2025) ↩︎
  2. G., Pridham, K., Rockwood, A. Rutenberg, (2024). Dynamical modelling of the frailty index indicates
    that health reaches a tipping point near age 75.
    arXiv.
    ↩︎
  3. Shen, X., Wang, C., Zhou, X., et al. (2024). Nonlinear dynamics of multi-omics profiles during human aging. Nature Aging. ↩︎
  4. Ding, Y., Zuo, Y., Zhang, B., et al. (2025). Comprehensive human proteome profiles across a 50-year lifespan reveal aging trajectories and signatures. Cell. ↩︎
  5. Searle, S.D., Mitnitski, A., Gahbauer, E.A., et al. (2008). A standard procedure for creating a frailty index. BMC Geriatr. ↩︎

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