7. November 2025, 13:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen sind weit verbreitet. In den vergangenen Jahren richtet sich der Blick der Forschung zunehmend auf die Rolle der Ernährung. Eine bestimmte Diätform – die ketogene Ernährung – steht dabei im Verdacht, die Stimmung positiv zu beeinflussen. Eine neue Analyse von 50 Studien geht nun der Frage nach, ob diese Ernährungsweise tatsächlich helfen kann.
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Was wurde untersucht und warum?
Die ketogene Diät wurde ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt. Sie basiert auf einer sehr fett- und eiweißreichen sowie stark kohlenhydratarmen Ernährung. Der Körper stellt dabei auf sogenannte Ketonkörper als alternative Energiequelle um. Ein Zustand, der „Ketose“ genannt wird.
Inzwischen interessieren sich Forscher auch für mögliche Wirkungen dieser Diät auf die Psyche. Denn viele psychische Erkrankungen wie Depressionen oder bipolare Störungen stehen mit Entzündungen, Störungen im Energiestoffwechsel und einem Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn in Verbindung.1 Ketonkörper könnten hier regulierend eingreifen.
Ziel der aktuellen Untersuchung war es, wissenschaftlich zu klären, ob eine ketogene Ernährung psychische Symptome wie depressive Verstimmungen oder Ängste beeinflusst – und falls ja, unter welchen Bedingungen. Das Ergebnis: Bei Depressionen zeigte sich in kontrollierten Studien ein deutlicher Zusammenhang – bei Ängsten hingegen nicht.
So wurde geprüft, ob ketogene Ernährung die Psyche beeinflusst
Die Auswertung ist eine systematische Übersichtsarbeit mit anschließender Metaanalyse. Sie wurde nach anerkannten wissenschaftlichen Standards durchgeführt und vorab registriert.2
Insgesamt flossen 50 Studien mit mehr als 41.000 erwachsenen Teilnehmern aus 15 Ländern ein. Darunter waren sowohl randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), die als besonders belastbar gelten, als auch sogenannte quasi-experimentelle Studien (QSEs), in denen keine direkte Vergleichsgruppe vorhanden war.
Einbezogen wurden nur Studien, bei denen die Teilnehmenden eine klar definierte ketogene Ernährung erhielten – also sehr wenig Kohlenhydrate – und bei denen Veränderungen der psychischen Symptome mithilfe standardisierter Fragebögen gemessen wurden.
Zusätzlich untersuchten die Forscher, ob bestimmte Faktoren, etwa der Nachweis einer Ketose oder das Körpergewicht, die Wirkung beeinflussen.
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Studien zeigen Wirkung bei Depression – für Angst fehlen Belege
In den kontrollierten Studien zeigte sich, dass eine ketogene Ernährung mit einer kleinen bis mittleren Verringerung depressiver Symptome verbunden war. Der Effekt war besonders stark, wenn die Teilnehmenden nachweislich den Zustand der Ketose erreicht hatten. Auch Personen ohne starkes Übergewicht profitierten stärker. Studien mit Vergleichsdiäten, die viele Kohlenhydrate enthielten, zeigten hingegen keine signifikanten Effekte.
Bei Angststörungen ergibt sich ein anderes Bild: In neun kontrollierten Studien mit insgesamt 672 Personen konnte kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen ketogener Ernährung und einer Verbesserung der Angstsymptome festgestellt werden.
Deutlichere Effekte wurden dagegen in den sogenannten quasi-experimentellen Studien beobachtet. Dort zeigten sich sowohl bei Depressionen als auch bei Angstsymptomen spürbare Verbesserungen. Allerdings fehlte in diesen Studien eine Vergleichsgruppe – also eine zweite Gruppe, die keine ketogene Ernährung erhielt. Deshalb bleibt unklar, ob die positiven Veränderungen tatsächlich auf die Diät zurückzuführen sind. Denkbar ist auch, dass andere Faktoren wie persönliche Motivation, der Glaube an die Wirkung oder begleitende Veränderungen im Lebensstil eine Rolle gespielt haben. Solche Einflüsse lassen sich nur in streng kontrollierten Studien sicher ausschließen.
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Ketogene Ernährung ist offenbar sinnvoll für die Behandlung schwerer psychischer Erkrankungen
Was bedeuten diese Ergebnisse?
Die Analyse deutet darauf hin, dass eine ketogene Ernährung unter bestimmten Bedingungen depressive Symptome lindern kann. Vor allem, wenn die Diät konsequent eingehalten und der Zustand der Ketose erreicht wird. Besonders ausgeprägt war die Wirkung bei nicht adipösen Personen.
Bei Angstsymptomen bleibt die Studienlage dagegen widersprüchlich. Einige offene Studien berichten von positiven Veränderungen, doch streng kontrollierte Untersuchungen konnten diese Effekte bislang nicht nachvollziehen.
Auch biologisch erscheint die Wirkung plausibel: Ketonkörper könnten Entzündungen im Gehirn reduzieren, die Energieversorgung verbessern und das Gleichgewicht der Botenstoffe wie GABA und Glutamat positiv beeinflussen.
Dennoch ist Vorsicht geboten: Die Diät ist nicht für jeden geeignet. Mögliche Nebenwirkungen sind unter anderem Müdigkeit, Verdauungsprobleme oder Kopfschmerzen. In seltenen Fällen kann es – insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme bestimmter Medikamente wie SGLT2-Hemmern – zu einer gefährlichen Stoffwechselentgleisung kommen.
Wo liegen die Schwächen der Analyse?
Trotz der großen Datenmenge weist die Untersuchung einige Einschränkungen auf. Die Studien waren sehr unterschiedlich aufgebaut – etwa in Bezug auf Dauer, Zusammensetzung der Diät, Betreuung der Teilnehmenden oder Art der Kontrolle. Ein zentrales Problem war der unzuverlässige Nachweis der Ketose. Viele Studien haben nicht konsequent überprüft, ob die Teilnehmer tatsächlich den gewünschten Stoffwechselzustand erreicht haben – obwohl dieser offenbar eng mit der Wirkung verbunden ist.
Zudem waren viele Untersuchungen nur auf wenige Wochen angelegt. Ob sich die beobachteten Effekte langfristig halten oder wie praktikabel eine ketogene Ernährung im Alltag ist, bleibt offen. Wichtig ist auch: Die Ergebnisse dürfen nicht als allgemeingültige Empfehlung verstanden werden. Die Studien zeigen Hinweise auf mögliche Wirkungen – sie belegen aber nicht, dass eine ketogene Ernährung bei psychischen Erkrankungen grundsätzlich hilft oder andere Therapien ersetzt. Welche Rolle die Diät langfristig spielen kann, muss erst durch weitere Forschung geklärt werden.