21. August 2026, 13:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Und wieder ein Loch im Zahn! Karies ist eines der häufigsten Gesundheitsprobleme im Kindesalter, und die übliche Behandlung ist in diesem Fall für die Kleinen oft alles andere als angenehm. Dabei lässt sich Karies grundsätzlich gut vermeiden. Doch was, wenn bereits Schäden entstanden sind? Eine neue Studie zeigt, dass Silberdiaminfluorid dabei helfen könnte, selbst schwere Formen von Karies bei kleinen Kindern zu stoppen – und das ganz ohne Bohrer. FITBOOK blickt auf die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung.
Wieso Karies für die Studie interessant war
Eine gewöhnliche Karies entsteht in der Regel durch ein Zusammenspiel von Bakterien im Mund, häufigem Zuckerkonsum und unzureichender Mundhygiene. Daneben kann eine genetische Veranlagung das persönliche Risiko stark beeinflussen. Auch gibt es eine besonders schwere Form: die „severe early childhood caries“ (S-ECC) bzw. schwere frühkindliche Karies. Sie kann Schmerzen sowie Infektionen verursachen und schlimmstenfalls zu Zahnverlust führen. Mitunter macht sie umfangreiche zahnmedizinische Behandlungen unter Vollnarkose erforderlich.
Eine Studie unter der Leitung von Forschern der University of Michigan hat deshalb untersucht, ob sich bereits bestehende, tiefe Kariesläsionen an Milchzähnen durch eine vergleichsweise schonende Behandlungsmethode stoppen lassen.1 Im Mittelpunkt standen Betroffene der beschriebenen schweren frühkindlichen Karies – und 38-prozentiges Silberdiaminfluorid (SDF), kurz Silberdiaminfluorid.
Silberdiaminfluorid gegen Karies bei Kindern
Silberdiaminfluorid ist keine neue Erfindung. Der Wirkstoff wird bereits seit Jahrzehnten eingesetzt, um Karies aufzuhalten, und zwar in Form einer Flüssigkeit, die auf die betroffene Zahnoberfläche aufgetragen wird. Silberdiaminfluorid kann unter anderem die Remineralisierung der Zahnsubstanz fördern und die Aktivität von Mikroorganismen hemmen. Ein sichtbarer Nebeneffekt ist allerdings eine charakteristische dunkle Verfärbung der behandelten Karies.
Die Wirksamkeit von SDF wurde bereits in verschiedenen Studien untersucht. So zeigte beispielsweise eine Studie mit chinesischen Vorschulkindern, dass 38-prozentiges SDF dazu beitragen kann, bestehende Karies im Zahnbein (Dentin) aufzuhalten.2
Die vorliegende US-Studie untersuchte nun die Wirksamkeit von SDF gezielt bei kleinen Kindern mit schwerer frühkindlicher Karies. Damit liefert sie weitere Daten für den Einsatz der Methode. Denn bisher ist eine Kariesbehandlung mit Silberdiaminfluorid noch nicht durch die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA zugelassen.
Details zur Untersuchung
Die Untersuchung war eine randomisierte, verblindete und placebokontrollierte Phase-III-Studie. Das bedeutet, dass die Teilnehmer per Zufallsprinzip auf zwei Behandlungsgruppen verteilt wurden. Weder sie selbst noch die Forscher wussten, wer welche Behandlung erhielt.
Zu Beginn nahmen 830 allgemein gesunde Kinder an der Studie teil, nicht alle von ihnen beendeten sie auch, dazu später mehr. Eine Gruppe (bestehend aus 414 Kindern) bekam das zu untersuchende Silberdiaminfluorid, die andere (416 Kinder) eine scheinbar gleiche Behandlung mit einem Placebo. Die Tinkturen wurden jeweils zu Beginn und nach sechs Monaten aufgetragen, ohne die Karies vorher zu entfernen. Die Läsionen wurden gereinigt, getrocknet und etwa 10 Sekunden behandelt. Die Studie lief von Oktober 2018 bis April 2023, die Beobachtungszeit pro Kind betrug rund acht Monate. Insgesamt untersuchten die Forscher rund 2000 Kariesläsionen, 976 in der SDF-Gruppe und 1011 in der Vergleichsgruppe.
Es fanden jeweils zu Beginn sowie nach drei, sechs und acht Monaten Untersuchungen statt. Die Forscher konzentrierten sich dabei weniger auf die Farbe der Läsionen als darauf, ob das erkrankte Zahngewebe hart geworden war. Denn dies ist ein Zeichen dafür, dass die Zahnsubstanz wieder Mineralien aufnimmt und damit aufhört, sich aufzulösen. Dafür setzten sie ein standardisiertes System zur Beurteilung von Karies ein. Zusätzlich ermittelten sie, ob die Patienten Schmerzen hatten und/oder andere unerwünschte Ereignisse aufgetreten waren. Die statistische Auswertung berücksichtigte, dass ein Kind mehrere behandelte Läsionen haben konnte.
Silberdiaminfluorid stoppt Karies deutlich häufiger als Placebo
Die Ergebnisse sprechen deutlich für einen Vorteil von 38-prozentigem SDF, denn sie zeigten einen auffälligen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Nach sechs Monaten – dem vorab festgelegten primären Endpunkt der Untersuchung – waren 54,0 Prozent der Kariesläsionen in der SDF-Gruppe zum Stillstand gekommen. In der Placebogruppe waren es 22,5 Prozent. Bereits nach drei Monaten hatte die Stillstandsrate in der SDF-Gruppe höher gelegen. Dort waren 57,5 Prozent der Läsionen arretiert, verglichen mit 18,8 Prozent in der Placebogruppe.
Nach sechs Monaten war eine zweite Anwendung erfolgt, doch diese führte offenbar nicht zu einer zusätzlichen Verbesserung der Stillstandsraten. Denn die nächste Untersuchung acht Monate nach Untersuchungsbeginn zeigte, dass 50,2 Prozent der Läsionen in der SDF-Gruppe zum Stillstand gekommen sind, gegenüber 17,4 Prozent in der Placebogruppe.
Und hatte sich die Behandlung auf das Ausmaß von Schmerzen ausgewirkt? In diesem Punkt haben die Forscher keine wesentlichen Vorzüge durch Silberdiaminfluorid auf Karies zu berichten. Es gab demnach zu keinem der untersuchten Zeitpunkte einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Ein ähnliches Bild bei den Nebenwirkungen: Bei 47,3 Prozent der Kinder unter SDF und bei 43,3 Prozent der Kinder in der Placebogruppe wurde mindestens ein unerwünschtes Ereignis festgestellt. Die meisten Beschwerden waren leicht bis mittelschwer.
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Bedeutung der Ergebnisse
Für die Bewertung des Ergebnisses ist zunächst entscheidend, wie man „Kariesstillstand“ definiert: Die Erkrankung wird nicht zwangsläufig beseitigt. In der Studie galt eine Läsion als arretiert, wenn das betroffene Zahngewebe hart geworden war. Nach sechs Monaten war dies bei 54,0 Prozent der SDF-Läsionen der Fall. Viele Läsionen blieben aktiv. Die Autoren betonen deshalb, dass SDF nicht als alleinige Maßnahme für Kinder mit hohem Kariesrisiko verstanden werden sollte.
Auch ohne SDF kam Karies teilweise zum Stillstand
Zudem sollte man bedenken, dass die Studie keinen absoluten Behandlungseffekt aufzeigt, sondern zunächst nur den Vergleich mit einem Placebo ermöglicht. Und immerhin waren auch in jener Placebo-Gruppe 22,5 Prozent der Läsionen nach sechs Monaten zum Stillstand gekommen. Ein Teil der Karies kann sich demnach auch ohne SDF spontan stabilisieren.
Warum SDF für kleine Kinder dennoch interessant sein kann
Auf jeden Fall liefert die Studie wichtige klinische Daten für eine Behandlung, die ohne Bohren und ohne vorherige Entfernung der Karies angewendet werden kann. Gerade bei sehr jungen Kindern mit schwerer Karies kann eine solche nicht-invasive Vorgehensweise relevant sein.
Für die weitere Forschung sind unter anderem andere Anwendungsintervalle, die Behandlung nicht eingebrochener Karies sowie mögliche vorbeugende Effekte relevant. Die Autoren sehen die Ergebnisse aber bereits jetzt als wichtige Grundlage für die weitere Prüfung einer FDA-Zulassung von SDF zur Kariesbehandlung bei Kindern mit S-ECC.
Einschränkungen
Ein Umstand, der die Belastbarkeit der Ergebnisse stark einschränkt, ist der hohe Anteil an Teilnehmern (rund 30 Prozent), die die Studie nicht vollständig abschlossen. Grund dafür war der Zeitpunkt der Datenerhebung, der in die Coronapandemie fiel. Die Autoren verwendeten deshalb unter anderem eine Intention-to-treat-Auswertung und statistische Verfahren zur Behandlung fehlender Daten.
Überhaupt war die Studiendauer mit acht Monaten pro Kind auch zu kurz, um langfristige Auswirkungen zu beurteilen. Die Stichprobe war zwar vielfältig, repräsentierte aber nicht alle Kinder in den USA. Die Untersuchung konzentrierte sich zudem auf bereits eingebrochene Kariesläsionen bei Kindern mit besonders hohem Kariesrisiko. Die Aussagekraft zum Potenzial einer Silberdiaminfluorid-Behandlung bei Kindern mit gewöhnlicher Karies ist insgesamt begrenzt.