1. August 2025, 8:05 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Mehr als 99 Prozent der Fälle von Gebärmutterhalskrebs werden mit einer HPV-Infektion in Verbindung gebracht, ein Drittel davon endet tödlich. Durch die HPV-Impfung bei Kindern kann dies verhindert werden – einschließlich Krebsarten und andere Krankheiten, die auch Jungen betreffen. Warum die HPV-Impfung für Kinder so wichtig ist, erklärt FITBOOK-Autorin Friederike Ostermeyer.
Humane Papillomviren (HPV) sind weitverbreitet, sodass sich die meisten sexuell aktiven Frauen und Männer im Laufe ihres Lebens mit diesen Viren infizieren. In den meisten Fällen verläuft die Infektion symptomlos, einige Virustypen können jedoch Krebs verursachen. Eine HPV-Impfung im Kindes- oder frühen Jugendalter senkt das Risiko erheblich und wird für Mädchen und Jungen empfohlen.
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Übersicht
Welche Erkrankungen HP-Viren auslösen
Bis heute wurden mehr als 200 verschiedene HPV-Genotypen identifiziert. Einige von ihnen können gutartige Genitalwarzen im Bereich von Gebärmutterhals, Scheide, Vulva, Anus und Rachen verursachen. Die schnell wachsenden Wucherungen gelten zwar nicht als krebserregend, sind aber unangenehm und können brennen oder jucken. Ein gesundes Immunsystem lässt die Warzen oft von selbst verschwinden oder man hilft mit Salben, Laserbehandlungen oder Vereisung nach. Nach einigen Monaten bis maximal zwei Jahren ist die Infektion nicht mehr nachweisbar und damit abgeheilt. Andere Subtypen können Krebsvorstufen oder Krebs auslösen, darunter Gebärmutterhalskrebs, Analkrebs, Mundkrebs, Nasenkrebs und Rachenkrebs. In diesen Fällen treten oft lange Zeit keine Symptome auf oder machen sich durch leichte Blutungen bemerkbar.1
Übertragung von HP-Viren
Humane Papillomviren werden durch direkten Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen. Die Viren dringen durch Mikroverletzungen der Haut oder Schleimhaut ein, also in den allermeisten Fällen durch Geschlechtsverkehr, aber auch durch Petting. Je nach Sexualpraktik gelangen sie in den Vaginal-, Anal- und auch in den Rachenraum. Kondome bieten keinen ausreichenden Schutz. In sehr seltenen Fällen ist eine Übertragung von der Mutter auf das Neugeborene während der Geburt möglich.2
Hochrisiko-HPV-Typen können Krebs auslösen
Statistisch gesehen sind vor allem junge Männer und Frauen mit dem HP-Virus infiziert – meist unbemerkt. Studien haben gezeigt: Je mehr Sexualpartner ein Mann oder eine Frau hat, desto höher ist laut Deutschem Krebsforschungszentrum die Wahrscheinlichkeit einer HPV-Infektion. Hochrisiko-HPV-Typen sind diejenigen, die Krebs auslösen können. Hier zeigen Daten aus Deutschland, dass 23 von 100 26-jährigen Frauen diese in sich tragen. Bei Männern in diesem Alter geht man von ähnlichen Zahlen aus. Ab dem 35. Lebensjahr sinkt der Anteil wieder, da glücklicherweise ein intaktes Immunsystem auch die krebserregenden Viren in den meisten Fällen eliminieren kann.3 Dennoch erkranken in Deutschland jährlich etwa 6.250 Frauen und 2.900 Männer an Krebs, der durch eine HPV-Infektion verursacht wurde. Pro Jahr versterben ca. 1.500 bis 1.600 Frauen daran. Laut RKI sind dies vermeidbare Todesfälle.
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HPV-Impfung bei Kindern – der richtige Zeitpunkt
HPV-Impfungen schützen zu nahezu 100 Prozent vor einer Infektion mit den im Impfstoff enthaltenen HPV-Typen. Die STIKO (Ständige Impfkommission) empfiehlt daher, Mädchen und Jungen vor oder mit Beginn der Pubertät, also ab dem 9. Lebensjahr, spätestens jedoch mit 17 Jahren, impfen zu lassen. Je früher die Impfung erfolgt, desto größer ist die Schutzwirkung gegen Hochrisiko-HPV-Typen, da jüngere Mädchen laut RKI höhere Antikörperspiegel bilden als ältere. Idealerweise sollte vor allem bei einer verspäteten Impfung noch kein Geschlechtsverkehr stattgefunden haben, da bereits nach der ersten Infektion kein vollständiger Schutz mehr erreicht werden kann.4 Die STIKO empfiehlt aber auch hier, die Impfung spätestens dann nachzuholen. Die Kosten werden vollständig von den Krankenkassen übernommen.
Warum die HPV-Impfung auch für Jungen wichtig ist
Die Impfempfehlung galt 2007 zunächst nur für Mädchen, seit 2018 auch für Jungen. Der Grund: Je mehr Kinder und Jugendliche geimpft sind, desto geringer ist das Ansteckungsrisiko für sie selbst und für andere. Männer gelten als Hauptüberträger der Infektion. Eine Modellrechnung hat ergeben, dass durch die Impfung von Jungen jährlich tausende Krebsfälle – vor allem bei Frauen – verhindert werden können. Außerdem bewahrt die Impfung Jungen vor den unangenehmen Genitalwarzen. Und auch wenn sie nicht an Gebärmutterhalskrebs erkranken können, sind HP-Viren für Penis- und Analkarzinome sowie Mund- und Rachenkrebs verantwortlich. Kurz: Die Impfung der Jungen schützt die gesamte Bevölkerung.5
72 Prozent der Erwachsenen in Deutschland fehlt diese wichtige Impfung
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Eltern reagieren meistens zu spät
Viele Eltern nehmen Schutzimpfungen bei ihren Kindern besonders im frühen Kindesalter noch gewissenhaft wahr. Doch mit zunehmendem Alter der Kinder lässt das Impfverhalten häufig nach. Gerade im Jugendalter geraten empfohlene Impfungen wie die gegen humane Papillomviren (HPV) oft aus dem Blick. Wird die erste Dosis der HPV-Impfung erst im Alter von zwölf Jahren oder später verabreicht, kommt es häufig zu Verzögerungen bei der zweiten Impfung – manchmal wird sie sogar ganz vergessen. Dadurch bleibt der notwendige vollständige Impfschutz aus.
Zu große Abstände zwischen den Untersuchungen
Hinzu kommt, dass im Jugendalter die Abstände zwischen den Vorsorgeuntersuchungen größer werden. Die regelmäßigen Besuche beim Kinder- und Jugendarzt nehmen ab, was wiederum dazu führt, dass wichtige Impfungen seltener angesprochen oder nachgeholt werden. Dabei wäre gerade ein früher Impfzeitpunkt entscheidend: Kinder im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren sprechen immunologisch besonders gut auf die HPV-Impfung an. In dieser Altersgruppe reichen bereits zwei Impfdosen mit einem zeitlichen Abstand von fünf bis zwölf Monaten aus, um einen vollständigen Impfschutz zu erreichen – ein Schutz, der später vor verschiedenen Formen von Krebs bewahren kann.
Mangelnde Informationen
Ein weiterer Grund für zögerliches Verhalten vieler Eltern liegt in mangelnder Information oder in der falschen Annahme, die Impfung stehe im direkten Zusammenhang mit dem sexuellen Verhalten ihres Kindes. Dabei ist die frühe Immunisierung entscheidend, weil eine HPV-Infektion in der Regel vor dem ersten sexuellen Kontakt verhindert werden sollte.6
Welche Erfolge die HPV-Impfungen bei Kindern bereits zeigen
Mit der Einführung der HPV-Impfung bei Kindern und Jugendlichen zeigten sich laut WHO (World Health Organisation) schnell erste Erfolge. So verzeichneten die Länder einen messbaren Rückgang der HPV-Infektionsrate bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Bis sich aus einer Infektion Gebärmutterhalskrebs entwickelt, dauert es in der Regel mehrere Jahre bis Jahrzehnte, sodass es dementsprechend dauern kann, bis die Wirkung der Impfung sichtbar wird. Dennoch gibt es positive Anzeichen: In Studien aus Finnland und Großbritannien (Schottland) wurde beispielsweise bei jungen Frauen, die im Alter von 12 bis 13 Jahren gegen HPV geimpft wurden, kein einziger Fall von Gebärmutterhalskrebs festgestellt.7 Ziel der WHO ist eine Impfrate von 90 Prozent. Laut RKI Deutschland liegen die HPV-Impfquoten für eine vollständige Impfserie bei 15-jährigen Mädchen nur bei 54,6 Prozent und bei Jungen bei 34 Prozent.8