29. September 2026, 18:27 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Die Anwendung einer oralen Hormontherapie in den Wechseljahren (auch bekannt als Hormonersatztherapie oder HRT) ist unabhängig von Dosierung und Behandlungsdauer mit einem erhöhten venösen Thrombose-Risiko verbunden. Entwarnung gibt eine neue dänische Studie für die Pflaster, Gels und Sprays. Die Forscher untersuchten auch, wie sich die Hormone auf das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte auswirken.
Östrogen als Tablette erhöht Thrombose-Risiko
Frauen, die Östrogen-Tabletten einnehmen, haben gegenüber Nicht-Anwenderinnen im Durchschnitt ein um 60 Prozent erhöhtes Risiko für venöse Thrombosen. Dies scheint unabhängig davon, wie hoch die Dosis ist oder wie lange die Tabletten eingenommen werden. Zu diesem und weiteren Ergebnissen kommt eine große dänische Auswertung. Sie wurde im „British Medical Journal“ veröffentlicht.1
Die Hormonersatztherapie (engl. Menopausal Hormone Therapy) dient dazu, belastende Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen und nächtliche Schweißausbrüche zu lindern, die durch den natürlichen Abfall des körpereigenen Östrogenspiegels entstehen. In Deutschland nutzen etwa sechs Prozent der Frauen in den Wechseljahren diese Therapie. Das ist eher wenig im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.
Welche Frauen die Forscher analysierten
Dänische Forscher unter der Leitung der Ärztin Julie Berggreen vom Steno Diabetes Center Copenhagen werteten Daten von über einer Million Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren aus. Es lagen reale Gesundheits- und Rezeptdaten aus dem echten Behandlungsalltag von über einer Million dänischer Frauen vor. Aus dieser riesigen Gruppe analysierten sie 40.241 Frauen, die zwischen 2003 und 2021 erstmals eine Thrombose, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt erlitten hatten. Alle hatten in den 90 Tagen vor dem Ereignis (Thrombose, Schlaganfall oder Herzinfarkt) eine Hormontherapie eingenommen oder angewendet. Die Teilnehmerinnen wurden über durchschnittlich neun Jahre nachbeobachtet. Jeder erkrankten Frau wurden fünf gesunde Frauen desselben Geburtsjahrgangs gegenübergestellt, um die Ergebnisse abzusichern.
Aus dieser riesigen Gruppe analysierten sie 40.241 Frauen, die zwischen 2003 und 2021 erstmals eine Thrombose, einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt erlitten hatten. Jeder erkrankten Frau wurden fünf gesunde Frauen desselben Geburtsjahrgangs gegenübergestellt, um die Ergebnisse abzusichern.
Auch das fiel Berggreen und ihrem Team auf, als sie die Daten analysierten: Bei Schlaganfällen und Herzinfarkten stieg das Risiko erst dann, wenn hoch dosierte Östradiol-Tabletten (mehr als ein Milligramm pro Tag) länger als ein Jahr angewendet wurden. Pflaster oder Gels gingen indes ohne erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel oder Gefäßerkrankungen einher.
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Gesundheitsrisiko durch Hormontherapien – die Ergebnisse im Überblick
Nachdem die Forscher potenziell verzerrende Begleitfaktoren wie Einkommen, Bildung, Bluthochdruck, Diabetes, Voroperationen (z. B. Gebärmutterentfernung) und Herz-Kreislauf-Medikamente statistisch herausgerechnet hatten, gaben die Daten folgende Auffälligkeiten preis:
Entwarnung für Östrogen-Pflaster
Entwarnung gab es für Pflaster, Gel oder Spray – also über die Haut aufgenommenes Östrogen. Diese Formen der Hormontherapie erhöhten das Risiko für Blutgerinnsel in den Venen, Schlaganfälle oder Herzinfarkte nicht.
Und zwar unabhängig von Dosierung, Anwendungsdauer und dem Alter der Frauen. Lediglich bei kombiniert-zyklischen Pflastern zeigte sich ein leicht erhöhtes Herzinfarktrisiko (allerdings waren das sehr wenige Einzelfälle).
Östradiol-Tabletten und Herzinfarktrisiko – Dosierung entscheidend
Bei Östradiol-Tabletten mit bis zu 1 mg Östradiol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Thrombose-Risiko – jedoch kein zusätzliches Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall. Niedrig dosierte Östradiol-Tabletten sind für das Herz offenbar weniger problematisch als höher dosierte Östradiol-Tabletten.
Bei mehr als 1 mg Östradiol pro Tag stieg das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt. Insbesondere war das dann der Fall, wenn die Tabletten länger als ein Jahr genommen wurden. Nach mehr als fünf Jahren war das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt etwa 80 Prozent höher als bei Frauen ohne Hormoneinnahme.
Frauen, die hoch dosierte Östradiol-Tabletten nahmen, hatten im ersten Jahr der Einnahme ein mehr als dreimal so hohes Thrombose-Risiko wie Frauen, die dies nicht einnahmen.
Erhöhtes Thrombose-Risiko bei Tabletten – aber geringes absolutes Risiko
Frauen, die Östrogen-Tabletten einnahmen, hatten gegenüber Nicht-Anwenderinnen ein um 60 Prozent erhöhtes Thrombose-Risiko. Da Thrombosen bei gesunden Frauen insgesamt aber selten sind, entspricht dieser Anstieg rechnerisch nur etwa einem zusätzlichen Fall pro 1.055 Frauen pro Jahr.
Weiterhin erhöhten Östrogen-Tabletten das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt insgesamt nur leicht. Dieser Anstieg kam fast ausschließlich durch die höheren Dosierungen zustande. Bei niedrigen Dosierungen zeigte sich dieser Anstieg nicht.
Kombipräparat Östradiol und Levonorgestrel
Für die Kombination aus Östradiol und dem Gestagen Levonorgestrel ergaben die Daten kein erhöhtes Risiko für Thrombosen oder Schlaganfälle. Aufgrund geringer Fallzahlen sind diese Ergebnisse aber noch zu unsicher für eine allgemeine Empfehlung.
Die Rolle des Alters der Frau bei der HRT
Das Alter beim Start der Hormontherapie spielte ebenfalls eine Rolle, zeigen die Daten der dänischen Forscher. Frauen, die vor dem 50. Geburtstag mit Östrogen-Tabletten begannen, hatten ein etwas höheres Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt. Das Risiko lag jeweils etwa 50 Prozent höher als bei Nicht-Anwenderinnen. Nach dem Absetzen der Östrogen-Tabletten zeigte sich dieses erhöhte Risiko nicht mehr. Welche Art von Gestagen zusätzlich zum Östrogen genommen wurde, machte insgesamt kaum einen Unterschied.
Mögliche Gründe
Dafür gibt es laut den Autoren verschiedene Gründe: Zum einen umgehen Pflaster und Gels die Leber. Dadurch werden dort weniger Eiweiße gebildet, die die Blutgerinnung anregen. Somit bleibt das Thrombose-Risiko niedrig. Tabletten hingegen passieren zuerst die Leber und steigern die Gerinnungsneigung des Blutes deutlicher. Zudem können hohe Tablettendosen über viele Jahre die Gefäßwände ungünstig beeinflussen. Dies könnte erklären, warum dann eher Schlaganfälle und Herzinfarkte auftreten.
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Auswertung enthält keine Daten zu Rauchen und Übergewicht
Die Aussagekraft der Studie hat – trotz der enormen Datenmengen – Grenzen: Die dänischen Gesundheitsregister, denen die Daten entstammen, enthalten keine Angaben zum Körpergewicht oder zum Raucherstatus der Frauen. Diese Faktoren können das Gefäßrisiko beeinflussen. Zudem wurden fast ausschließlich moderne Östradiol-Präparate untersucht – die Entwarnung für Pflaster und Gels gilt somit speziell für diese heute gängigen Wirkstoffe.
Fazit – was bedeutet das ggf. für meine Hormonersatztherapie?
Nicht jede Hormontherapie ist gleich riskant, darauf deutet diese Auswertung gemeinsam mit früheren Belegen hin.2 Wie groß das Thrombose-Risiko bei einer Hormontherapie ist, hängt vorwiegend davon ab, wie das Östrogen angewendet wird, wie hoch die Dosis ist und wie lange die Therapie dauert. Die Autoren der Studie unterstreichen „die Bedeutung dieser Anwendungsart [über die Haut, d. Red.] zur Minimierung des Thrombose-Risikos“. Ärzte und Patientinnen können das berücksichtigen.
Übrigens: Eine HRT über die Haut scheint zusätzlich auch Vorteile bei der sexuellen Funktion und Lebensqualität zu bringen. Das zeigte eine Studie mit Frauen drei Jahre nach der letzten Regelblutung vor einigen Jahren.3