7. Oktober 2025, 12:38 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Haarausfall betrifft im Laufe des Lebens rund 85 Prozent der Männer und etwa ein Drittel der Frauen – oft mit erheblichem psychischem Leidensdruck.1 Für viele scheint ein Medikament wie Finasterid die Lösung zu sein: Es wird seit Jahrzehnten millionenfach zur Behandlung androgenetischen Haarausfalls verschrieben – meist aus kosmetischen Gründen. Doch das Mittel steht zunehmend im Verdacht, schwerwiegende psychiatrische Nebenwirkungen wie Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken zu verursachen – teilweise sogar lange nach dem Absetzen. Eine neue Übersichtsarbeit zeigt: Warnsignale gibt es seit über 20 Jahren – auch wenn man bei Aussagen zu Kausalitäten vorsichtig sein sollte. Da die Folgen aber dramatisch bis lebensbedrohlich sein können, erklärt FITBOOK, was eine aktuelle Studie gezeigt hat.
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Was und warum wurde untersucht?
Finasterid wurde 1997 zur Behandlung von androgenetischem Haarausfall (auch „Alopezie“ genannt) zugelassen und wird seither weltweit millionenfach verschrieben. Schon seit 2002 berichten Ärzte über Patienten, die unter der Einnahme depressive Symptome entwickelten.2 Dennoch wurden mögliche psychische Nebenwirkungen lange Zeit kaum beachtet – auch weil das Medikament ursprünglich als unbedenklich galt.
Die nun veröffentlichte Übersichtsarbeit des Medizinprofessors Mayer Brezis vom Hadassah-Hebrew University Medical Center in Israel analysiert, ob Finasterid das Risiko für Depressionen, Angstzustände und Suizidalität erhöht – und warum es zu einer mehr als 20-jährigen Verzögerung bei der Risikoanerkennung kam.3 Die Untersuchung stützt sich ausschließlich auf sogenannte postmarketing-Daten, also auf Studien zur Arzneimittelsicherheit, die nach der Zulassung durchgeführt wurden. Im Mittelpunkt der Analyse steht die Frage, wie häufig und wie schwer die psychischen Nebenwirkungen von Finasterid in der realen Anwendung auftreten – und ob ein Zusammenhang zum Medikament besteht.
Methodik der Analyse
Die Veröffentlichung ist ein analytischer Review, der sich ausschließlich auf pharmakovigilante Studien konzentriert – also auf Arbeiten, die unerwünschte Arzneimittelwirkungen nach Marktzulassung untersuchen. Konkret wurden acht Studien berücksichtigt, die zwischen 2017 und 2023 erschienen sind und zwei methodische Ansätze verfolgten:
- Disproportionalitätsanalysen von Daten aus Spontanmeldedatenbanken wie dem FDA Adverse Event Reporting System (FAERS),
- Datenanalysen auf Basis großer Gesundheitsdatenbanken, mit elektronischen Patientenakten und Versicherungsdaten.
Was bedeuten diese beiden Ansätze konkret?
- Bei Disproportionalitätsanalysen wird untersucht, ob bestimmte Nebenwirkungen – etwa Depressionen oder Suizidgedanken – bei einem Medikament (z. B. Finasterid) auffällig häufig gemeldet werden, verglichen mit anderen Medikamenten. Diese Methode eignet sich besonders gut, um erste Warnsignale (sogenannte „Sicherheitssignale“) zu erkennen, wenn sie in Spontanmeldesystemen auftauchen.
- Analysen großer Gesundheitsdatenbanken werten reale Versorgungsdaten aus dem Alltag aus – etwa elektronische Krankenakten oder Abrechnungsdaten von Krankenkassen. Dabei wude untersucht, ob Patienten, die Finasterid eingenommen haben, häufiger psychische Störungen entwickeln als vergleichbare Personen, die das Medikament nicht eingenommen haben. Dadurch lassen sich Risiken statistisch absichern und unter realen Bedingungen besser abschätzen.
Beide Methoden gelten heute als zentrale Werkzeuge der modernen Arzneimittelsicherheit. Sie sind besonders wichtig, weil viele Nebenwirkungen erst lange nach der Marktzulassung erkannt werden – nämlich dann, wenn Medikamente von Millionen Menschen angewendet werden.
Die Auswahl der Studien erfolgte über eine systematische Literaturrecherche über fünf Jahre mit Suchbegriffen wie „Finasterid“, „Depression“, „Suicide“, „Pharmacovigilance“ und „Neuropsychiatric Effects“.
Darüber hinaus wertet die neue Review historische Fallberichte, experimentelle Studien und Bewertungen durch Aufsichtsbehörden wie die US-amerikanische FDA oder die Europäische Arzneimittelagentur EMA aus. Studien zur Anwendung bei Prostataerkrankungen (hier kommt Finasterid auch zum Einsatz) blieben unberücksichtigt, da dort die Datenlage widersprüchlich ist. Der Fokus liegt ausschließlich auf dem Einsatz bei Haarausfall.
Zunahme neuropsychiatrischer Nebenwirkungen
Alle acht pharmakovigilanten Studien zeigten eine signifikante Zunahme neuropsychiatrischer Nebenwirkungen bei Finasterid-Anwendern – insbesondere bei der Anwendung zur Behandlung von androgenetischer Alopezie. Die Ergebnisse aller acht Studien weisen in dieselbe Richtung – und das mit hoher statistischer Aussagekraft: Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses übereinstimmende Ergebnis nur durch Zufall zustande kam, liegt bei unter 0,4 Prozent. Das spricht klar gegen einen Zufallseffekt.
Zu den dokumentierten Nebenwirkungen zählen:
- depressive Episoden,
- Angststörungen,
- suizidale Gedanken,
- vollendete Suizide.
Die Daten stammen aus mehreren Ländern und Gesundheitssystemen, was die Aussagekraft der Ergebnisse zusätzlich stärkt. Eine biologische Erklärung ist ebenfalls plausibel. Finasterid blockiert das Enzym 5α-Reduktase, das für die Bildung bestimmter Neurosteroide wie Allopregnanolon zuständig ist. Hierbei handelt es sich um ein Hormon, das im Gehirn stimmungsregulierend wirkt.
Zudem löste Finasterid in Tierversuchen Veränderungen im Hippocampus aus, darunter Entzündungen und eine gestörte Neurogenese. Darunter fallen Prozesse, die mit Depressionen und Angstzuständen verknüpft sind.
Besonders alarmierend: Bei einigen Betroffenen hielten die Beschwerden auch nach dem Absetzen des Medikaments an – Mediziner diskutieren dieses Phänomen unter dem Begriff „Post-Finasterid-Syndrom“. Betroffene litten teils über Monate oder Jahre hinweg unter Antriebslosigkeit, Ängsten, Gedächtnisproblemen oder sexuellen Funktionsstörungen.
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Tragweite und Bewertung
Die Datenlage scheint eindeutig: Finasterid ist offenbar kein harmloses Mittel zur kosmetischen Selbstoptimierung, sondern mit einem erheblichen Risiko für schwere psychische Nebenwirkungen verbunden – mit möglicherweise lebensbedrohlichem Ausgang.
Besonders problematisch ist, dass diese Risiken nicht erst seit Kurzem bekannt sind. Bereits 2002 gab es Fallberichte über depressive Symptome, 2006 folgte eine prospektive Studie mit belastbaren Ergebnissen.4 Dennoch dauerte es Jahre, bis Regulierungsbehörden reagierten: Die FDA erkannte Depressionen erst 2011 als mögliche Nebenwirkung an – Suizidalität sogar erst 2022. Die EMA folgte 2025.
Laut Brezis, Medizinprofessor aus Jerusalem und Autor der Studie, hätten Hersteller oder Behörden die Risiken früh erkennen können, wenn sie einfache Datenanalysen rechtzeitig durchgeführt hätten. Beides geschah nicht. Finasterid wurde weiter verschrieben – trotz Warnsignalen und trotz kosmetischer Indikation.
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Einordnung und mögliche Einschränkungen
Die Studie gehört zu den bislang umfassendsten Bewertungen zur Sicherheit von Finasterid. Besonders überzeugend ist die Kombination aus quantitativer Auswertung großer Datenbanken und qualitativer Bewertung biologischer Mechanismen sowie regulatorischer Entwicklungen.
Allerdings bleibt zu beachten: Beobachtungsstudien erlauben keinen Kausalitätsnachweis. In den verwendeten Daten fehlen teils Angaben zu Begleiterkrankungen oder weiteren Medikamenten. Zudem könnten Vorerkrankungen bei manchen Betroffenen eine Rolle spielen. Eine im Artikel zitierte Meta-Analyse zeigt jedoch: Haarausfall selbst ist nicht mit einem erhöhten Risiko für Depressionen verbunden. Der Zusammenhang schien zumindest in diesem Fall also vom Medikament auszugehen, nicht von der Grunderkrankung.
Ein weiteres Problem betrifft die Transparenz: Die FDA stellte ihre Sicherheitsunterlagen nur teilweise – und teils geschwärzt – online. So bleibt offen, ob es Studien gab, die nie veröffentlicht wurden.
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor betrifft die Zusammensetzung der in den Studien untersuchten Finasterid-Präparate. Zwar enthalten alle zugelassenen Produkte denselben Wirkstoff – Finasterid – in gleicher Dosierung, unterscheiden sich jedoch in ihren Hilfsstoffen (also Träger-, Füll- und Bindemitteln). Diese Zusatzstoffe können die Aufnahme, Verteilung und Stabilität des Wirkstoffs im Körper beeinflussen.
Da in den ausgewerteten Studien häufig nicht angegeben wird, welches Präparat verwendet wurde, ist unklar, ob sich Unterschiede in der Zusammensetzung oder Bioverfügbarkeit auf die beobachteten Nebenwirkungen ausgewirkt haben könnten. Das schränkt die Vergleichbarkeit der Ergebnisse zusätzlich ein.
Fazit
Der Fall Finasterid zeigt: Risiken von Medikamenten werden nicht immer früh erkannt. Das gilt besonders bei Mitteln, die vor allem aus kosmetischen Gründen eingenommen werden.
Die Analyse macht deutlich: Es gab über viele Jahre Hinweise auf Nebenwirkungen wie Depressionen und Suizidgedanken. Eine Kausalität kann zwar bislang nicht klar belegt werden, aber die Studienerkenntnisse reichen dennoch aus, um zu alarmieren.
Depressionen und Suizidgedanken sind ernst zu nehmende Erkrankungen – ganz gleich, wodurch sie ausgelöst werden. Der Zusammenhang zwischen Medikamenten und psychischen Symptomen kann Betroffene zusätzlich verunsichern. Umso wichtiger ist es, über mögliche Anzeichen zu sprechen und rechtzeitig Unterstützung zu suchen. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe rät, Menschen mit entsprechenden Symptomen offen und einfühlsam anzusprechen und ihnen, falls nötig, dabei zu helfen, ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung zu finden. In akuten Krisen kann auch eine psychiatrische Notfallambulanz aufgesucht werden.
Wer selbst Suizidgedanken hat, kann sich jederzeit und kostenlos an die Telefonseelsorge wenden: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222.
In psychischen Notfällen ist außerdem der Notruf 112 oder die Nummer 113 erreichbar. Bitte holen Sie sich Hilfe – Sie sind nicht allein.