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Studie liefert Hinweise

Biologischer Grund, warum Frauen und Männer Schmerzen unterschiedlich empfinden

Frauen empfinden Schmerzen anders als Männer
Schmerzen dauern bei Frauen oft länger an als bei Männern. In diesem Zusammenhang hat die Forschung womöglich spannende Erkenntnisse gewonnen. Foto: Getty Images
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10. März 2026, 13:15 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Beim Thema Schmerzen scheint es geschlechtsspezifische Unterschiede zu geben. Frauen leiden häufiger unter chronischen Schmerzen, während Männer oft als weniger schmerzempfindlich gelten – sei es durch soziale Prägung oder aus biologischen Gründen. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass bestimmte Immunzellen bei Männern Schmerzen tatsächlich schneller abbauen als bei Frauen. FITBOOK geht näher auf die Untersuchung ein, und hat auch eine unabhängige Schmerzexpertin um ihre Bewertung gebeten.

Unterschiedliche Schmerzäußerungen bei Frauen und Männern

Frauen berichten nach Verletzungen und Entzündungen häufiger über anhaltende Schmerzen als Männer. Eine Annahme ist, dass Frauen und Männer Schmerzen unterschiedlich äußern, was wahrscheinlich auch soziokulturelle Gründe hat.1 Immerhin werden in zahlreichen Kulturen Schmerzäußerungen als Zeichen von Schwäche gewertet.

Doch auch biologische Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung werden seit einigen Jahren intensiv untersucht. Frühere Studien zeigten, dass Immunzellen und ihre Botenstoffe – sogenannte Zytokine – eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Schmerzen spielen.2 Besonders das Zytokin Interleukin-10 (IL-10) wirkt dabei wie ein „Schmerzhemmer“. Es kann Entzündungen dämpfen und zugleich die Aktivität von Schmerzrezeptoren beeinflussen. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen untersuchte eine aktuelle Studie der Michigan State University, ob IL-10–produzierende Monozyten bei Männern und Frauen unterschiedlich zur Auflösung von Schmerzen beitragen.3

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Details zur Untersuchung

Ziel der Untersuchung war es, die zellulären und molekularen Mechanismen hinter der möglicherweise schnelleren Schmerzauflösung bei Männern zu identifizieren. Dazu kombinierten die Forscher präklinische Modelle von Entzündung und traumatischer Verletzung bei Mäusen mit klinischen Daten von Menschen nach Unfällen.

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Teil 1: Versuche an Mäusen

In den Tiermodellen lösten die Forscher bei Mäusen Schmerzen aus, einerseits durch entzündliche Reize und andererseits durch ein traumatisches Modell unter Stress. Die Schmerzreaktionen erfassten sie mithilfe standardisierter mechanischer Tests. Zusätzlich nutzten sie genetisch veränderte Mäuse, um IL-10-produzierende Monozyten sichtbar zu machen und deren Aktivität gezielt zu untersuchen. Außerdem testeten sie, welchen Einfluss männliche Sexualhormone – sogenannte Androgene – und deren Rezeptoren auf diese Zellen haben.

Dabei zeigte sich, dass männliche Mäuse Schmerzen nach entzündlichen oder traumatischen Reizen deutlich schneller abbauten als weibliche. Die Forscher konnten nachweisen, dass IL-10–produzierende Monozyten dabei eine Schlüsselrolle spielen: Je mehr dieser Zellen vorhanden waren, desto schneller klang der Schmerz ab. Die von den Monozyten freigesetzten IL-10-Signale wirken dabei direkt auf Rezeptoren von sensorischen Nervenzellen und tragen so zur Dämpfung der Schmerzsignale bei.

Androgene fördern schmerzlindernde Immunzellen

Männliche Sexualhormone erhöhten sowohl die Zahl als auch die Aktivität dieser Monozyten. Umgekehrt verzögerten die Blockade von Androgenrezeptoren oder das Entfernen von IL-10 die Schmerzauflösung deutlich. Darüber hinaus zeigte sich, dass der Botenstoff Resolvin D1 die IL-10-Produktion der Monozyten stimuliert und dadurch die Schmerzauflösung beschleunigt. Dieser Effekt trat bei Mäusen beider Geschlechter auf.

Teil 2: Humanstudie

Ergänzend werteten die Forscher Daten aus der AURORA-Studie aus, in der 245 Personen nach traumatischen Unfällen – überwiegend Verkehrsunfällen – untersucht wurden.4 Die Teilnehmer gaben ihre Schmerzintensität unmittelbar nach dem Unfall sowie in den folgenden Wochen auf einer Skala von 0 bis 10 an. Daneben analysierten die Forscher Blutproben und bestimmten darin sowohl die IL-10-Spiegel als auch die geschätzten Anteile verschiedener Immunzellen, darunter Monozyten. Die Ergebnisse spiegelten die Befunde aus den Tiermodellen wider. Männer berichteten im Verlauf der Studie über eine schnellere Abnahme ihrer Schmerzen als Frauen. Gleichzeitig wiesen sie höhere IL-10-Spiegel und größere Anteile an Monozyten im Blut auf.

IL-10 und Monozyten auch beim Menschen mit Schmerzauflösung verknüpft

Weitere Analysen zeigten, dass höhere IL-10-Werte mit einer stärkeren Abnahme der Schmerzen verbunden waren. Statistische Modelle deuteten zudem darauf hin, dass IL-10 den Zusammenhang zwischen Monozyten und Schmerzauflösung vermittelt. Dies spricht dafür, dass Immunzellen auch beim Menschen eine wichtige Rolle bei der Regulation von Schmerzen spielen.

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Mögliche Bedeutung der Ergebnisse

Die Studie zeigt erstmals, dass IL-10–produzierende Monozyten eine wichtige Rolle bei der Auflösung von Schmerzen spielen. Dies könnte zumindest teilweise erklären, warum Schmerzen bei Männern im Durchschnitt schneller abklingen als bei Frauen. Eine mögliche Erklärung liegt darin, dass männliche Sexualhormone die Bildung und Aktivität dieser Monozyten fördern und damit auch die Produktion des entzündungshemmenden Botenstoffs IL-10 steigern. Frauen könnten daher – zumindest unter bestimmten Bedingungen – anfälliger für länger anhaltende Schmerzen sein.

Zudem liefern die Ergebnisse neue Hinweise darauf, wie das Immunsystem direkt mit dem Nervensystem zusammenwirkt. Die Kommunikation zwischen Immunzellen und Nervenzellen über das IL-10-Signal könnte daher ein möglicher Ansatzpunkt für zukünftige Schmerztherapien sein. Denkbar wäre etwa, gezielt die Aktivität von IL-10-produzierenden Monozyten zu fördern – beispielsweise durch Wirkstoffe wie Resolvin D1.

Einschätzung einer unabhängigen Expertin

FITBOOK hat PD Dr. Bäumler, Leiterin der Arbeitsgruppe Forschung am Interdisziplinären Schmerzzentrum des LMU Klinikums, um ihre Einschätzung gebeten. Sie sieht erste Hinweise, dass die Beobachtungen aus den Tiermodellen auch beim Menschen relevant sein könnten: In der Humananalyse mit Unfallpatienten berichteten Frauen bis 84 Tage nach dem Ereignis über weniger abnehmende Schmerzen als Männer – gleichzeitig lagen ihre IL‑10-Spiegel niedriger. Höhere IL‑10-Werte korrelierten mit stärkerer Schmerzreduktion. „Das deutet darauf hin, dass IL‑10 eine Rolle bei der Schmerzauflösung beim Menschen spielen könnte“, erklärt Dr. Bäumler.

Gleichzeitig betont sie, dass viele weitere Faktoren den Schmerzverlauf beeinflussen. Die Werte streuen stark, und neben biologischen Aspekten wie Trauma, Entzündung oder genetischer Prädisposition spielen auch psychologische Faktoren wie Angst oder katastrophisierende Erwartungen eine wichtige Rolle. „Schmerzchronifizierung ist ein komplexer Prozess, bei dem biologische, psychologische und soziale Einflüsse zusammenspielen“, so die Expertin.

Perspektiven für neue Therapien

Ob sich der IL‑10-Signalweg gezielt therapeutisch nutzen lässt, ist noch unklar. Bisher waren Versuche, einzelne Mediatoren der Schmerzchronifizierung medikamentös zu beeinflussen, nur begrenzt erfolgreich. Dr. Bäumler empfiehlt, Schmerz weiterhin als biopsychosoziales Geschehen zu betrachten.

IL‑10 oder Monozyten als Marker? Nach aktuellem Stand eignen sich IL‑10-Spiegel oder Monozytenzahlen noch nicht als verlässliche Marker für den Schmerzverlauf. Die große Variabilität der Werte erlaubt keine belastbaren Vorhersagen. Zur Prüfung wären größere Validierungsstudien mit mehreren Hundert Patienten nötig. Zielführender seien Prognosemodelle, die biologische, psychologische und soziale Faktoren gemeinsam berücksichtigen. 

Einschränkungen

Die Studie weist auch einige Einschränkungen auf. So lassen sich Ergebnisse aus Mausmodellen nur begrenzt auf den Menschen übertragen. Während bei Mäusen lokale Entzündungsreaktionen in der Haut untersucht wurden, basieren die menschlichen Daten auf Selbstangaben zu Schmerzen sowie auf Blutanalysen.

Zudem konnten bei den Teilnehmern der Humanstudie nur Zusammenhänge zwischen IL-10-Spiegeln, Monozytenanteilen und Schmerzverlauf beobachtet werden. Ein direkter Nachweis, dass Monozyten beim Menschen tatsächlich die Hauptquelle des IL-10 sind, war in dieser Analyse nicht möglich. Auch unterschieden sich Art und Ort der Verletzungen zwischen den Teilnehmern, was den Vergleich der Schmerzverläufe erschwert.

Quellen

  1. Deutsche Schmerzgesellschaft: Schmerz bei Frauen und Männer (aufgerufen am 10.9.2026) ↩︎
  2. Laumet, G., Bavencoffe, A., Edralin, J. et al. (2020). Interleukin-10 resolves pain hypersensitivity induced by cisplatin by reversing sensory neuron hyperexcitability. Pain ↩︎
  3. Sim, J., O’Guin, E., Sugimoto, C. et al. (2026). Monocyte-derived IL-10 drives sex differences in pain duration. Science Immunology ↩︎
  4. McLean, S., Ressler, K., Koenen, K. et al. (2021). Correction: The AURORA Study: a longitudinal, multimodal library of brain biology and function after traumatic stress exposure. Molecular Psychiatry ↩︎

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