7. August 2026, 16:53 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Rund vier Millionen Frauen in Deutschland leiden an einer Schilddrüsenunterfunktion – damit gehört die Krankheit zu den relativ häufigen Stoffwechselerkrankungen. Umso wichtiger ist eine angemessene Behandlung. Häufig kommt dabei L-Thyroxin zum Einsatz, um fehlende Schilddrüsenhormone zu ersetzen. Doch eine neue Meldung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) macht auf ein Problem aufmerksam: Bleiben trotz der Behandlung Beschwerden bestehen, können vermeintlich hilfreiche Nahrungsergänzungsmittel womöglich mehr schaden als nutzen.
Die Schilddrüse als zentraler Regulator des Stoffwechsels
Die Schilddrüse gilt umgangssprachlich als „Motor des Körpers“. Sie bildet Hormone, die für die Regulierung zahlreicher Stoffwechselprozesse verantwortlich sind. Das Organ beeinflusst das gesamte Herz-Kreislauf- und Nervensystem sowie u. a. den Kalziumhaushalt. Liegt eine Schilddrüsenunterfunktion vor, kann das je nach Ausprägung verschiedene stoffwechselbezogene Beschwerden mit sich bringen. Hierzu zählen eine mögliche Gewichtszunahme, Unkonzentriertheit und Abgeschlagenheit, Kälteempfindlichkeit und einiges mehr.
Zur Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion kommt in der Regel der Wirkstoff Levothyroxin zum Einsatz. Er wird auch als L-Thyroxin bezeichnet und entspricht dem körpereigenen Schilddrüsenhormon Thyroxin (T4). Dabei ist eine regelmäßige Kontrolle der Dosierung sinnvoll.1
Schilddrüsenmedikament Levothyroxin: So wirkt es
Levothyroxin ist ein Schilddrüsenersatzhormon. Es ersetzt das Schilddrüsenhormon Thyroxin (T4), das bei einer Schilddrüsenunterfunktion nicht in ausreichender Menge gebildet wird. Ein Teil des T4 wird im Körper in das stärker wirksame Schilddrüsenhormon Trijodthyronin (T3) umgewandelt.2
Ziel der Behandlung ist es, die Schilddrüsenfunktion zu normalisieren und Beschwerden der Unterfunktion zu lindern. Es ist bekannt, dass das Schilddrüsenmedikament verschiedene Nebenwirkungen haben kann – speziell, wenn man zu viel davon einnimmt. Als am häufigsten gelten dabei Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen und Herzrasen.
Neue Warnung zu L-Thyroxin und Nahrungsergänzungsmitteln
Aktuell macht die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) auf ein Problem aufmerksam, das Menschen betreffen kann, die trotz einer L-Thyroxin-Behandlung weiterhin unter Beschwerden leiden. Manche Betroffene suchen dann im Internet nach zusätzlicher Hilfe und stoßen dabei auf Nahrungsergänzungsmittel, denen eine Wirkung auf den Schilddrüsenhormonstoffwechsel zugeschrieben wird.3
Bei entsprechenden Produkten wird etwa behauptet, eine Störung bei der Umwandlung von T4 in das aktive Hormon T3 sei für die fortbestehenden Beschwerden verantwortlich. Inhaltsstoffe wie Selen, Cholin oder Pflanzenextrakte aus Mariendistel sollen diesen Prozess unterstützen. Für eine solche Behandlung gibt es laut der aktuellen Mitteilung jedoch keinen Wirksamkeitsnachweis.
Warum Mariendistel problematisch sein könnte
Einige Präparate könnten möglicherweise sogar einen gegenteiligen Effekt haben. Besondere Aufmerksamkeit gilt Silychristin, einer Substanz aus Mariendistelextrakten. Untersuchungen zufolge kann Silychristin den Schilddrüsenhormon-Transporter MCT8 hemmen. Dieses Transporteiweiß bringt Schilddrüsenhormone in Zellen. Eine regelmäßige Einnahme entsprechender Präparate könnte die zu behandelnden Beschwerden daher möglicherweise verstärken, anstatt sie zu lindern.
Cholin: möglicher Einfluss auf den Hormonstoffwechsel
Auch Cholin, das früher als Vitamin B4 bezeichnet wurde, sollte nicht leichtfertig eingenommen werden. Einer aktuellen Studie zufolge können erhöhte Cholinkonzentrationen mit einem niedrigen Schilddrüsenhormonstatus, erhöhtem TSH im Blut sowie einem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert sein.
Ärztliche Abklärung bei anhaltenden Beschwerden
Wer trotz einer Behandlung mit L-Thyroxin weiterhin Beschwerden hat, sollte diese ärztlich abklären lassen. Dabei können unter anderem die korrekte Einnahme des Medikaments, mögliche Wechselwirkungen mit Arzneimitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln sowie andere Ursachen für die Beschwerden überprüft werden. Die L-Thyroxin-Dosis sollte nicht eigenständig verändert und die Therapie nicht ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt werden.
Daneben beschäftigt die Forschung die Frage, welche Auswirkungen eine längerfristige Einnahme von L-Thyroxin haben kann. Das ist insbesondere deshalb von Interesse, weil manche Patienten das Schilddrüsenmedikament über viele Jahre oder dauerhaft einnehmen. Wissenschaftler untersuchen daher, ob neben den bekannten Nebenwirkungen weitere gesundheitliche Veränderungen mit der Behandlung in Zusammenhang stehen könnten. In den vergangenen Jahren rückte dabei unter anderem die Knochengesundheit in den Fokus. Mehrere Untersuchungen gingen der Frage nach, ob die Einnahme von L-Thyroxin bei bestimmten Patientengruppen mit einem stärkeren Verlust an Knochenmasse oder Knochendichte verbunden sein könnte.
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Frühere Untersuchung zu Levothyroxin und Knochenschwund
Bereits 2024 untersuchten Radiologen und Endokrinologen der Johns Hopkins University einen möglichen Zusammenhang zwischen dem bereits genannten Wirkstoff Levothyroxin und Knochenschwund bei älteren Menschen. Ausgangspunkt war die Annahme, „dass ein erheblicher Anteil der Verschreibungen von Schilddrüsenhormonen älteren Erwachsenen ohne Hypothyreose verabreicht wird“. So äußerte sich Studienautorin Dr. Elena Ghotbi in der damaligen Pressemitteilung.4
Für die Untersuchung werteten die Forscher Daten der Baltimore Longitudinal Study of Aging (BLSA) aus.5 Berücksichtigt wurden Frauen und Männer ab 65 Jahren mit Schilddrüsenwerten im Normalbereich. 81 von ihnen nahmen Levothyroxin ein, 364 keine Schilddrüsenmedikamente. Die Knochendichte der Teilnehmer wurde im Studienverlauf mindestens zweimal gemessen. Untersucht wurde, ob die Einnahme des Medikaments mit einem stärkeren Verlust an Knochenmasse und Knochendichte verbunden war.
Levothyroxin mit stärkerem Knochendichteverlust verbunden
Die Analyse zeigte unter Berücksichtigung weiterer bekannter Risikofaktoren, dass die Einnahme von Levothyroxin mit einem stärkeren Knochendichteverlust verbunden war. Dies galt auch für Teilnehmer mit TSH-Werten im Normalbereich. Der mediane Nachbeobachtungszeitraum betrug 6,3 Jahre.
„Unsere Studie legt nahe, dass die Einnahme von Levothyroxin selbst bei Einhaltung der aktuellen Richtlinien mit einem stärkeren Knochenschwund bei älteren Erwachsenen verbunden zu sein scheint.“ Dies erklärt Studienhauptautor Shadpour Demehri in der Veröffentlichung.
Die Forscher raten deshalb zu einer sorgfältigen Kontrolle der Behandlung. „Es sollte eine Nutzen-Risiko-Bewertung durchgeführt werden“, erklären sie, „bei der die Stärke der Indikationen für die Behandlung gegen die potenziellen unerwünschten Wirkungen von Levothyroxin (…) abgewogen werden.“ Eine abnehmende Knochendichte ist ein Risikofaktor für Osteoporose und damit für eine erhöhte Brüchigkeit der Knochen.
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Weitere Studien liefern unterschiedliche Ergebnisse
Eine 2025 veröffentlichte große Kohortenstudie liefert weitere Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang. Die sogenannte ACEL-UK-Studie untersuchte 53.899 Menschen über 50 Jahre mit subklinischer Hypothyreose. Bei den mit Levothyroxin behandelten Personen war das Risiko für Osteoporose oder Fragilitätsfrakturen um 21 Prozent höher als bei den nicht behandelten Teilnehmern. Auch diese Beobachtungsstudie belegt allerdings nicht, dass Levothyroxin dafür ursächlich verantwortlich war.6
Eine ebenfalls 2025 veröffentlichte Metaanalyse mit insgesamt 13 Studien zeichnet dagegen ein differenzierteres Bild. Bei Menschen mit subklinischer Hypothyreose zeigte sich kein signifikanter negativer Effekt einer Levothyroxin-Behandlung auf die Knochendichte der Lendenwirbelsäule. Bei manifester Hypothyreose fanden die Forscher lediglich Hinweise auf einen geringfügigen negativen Effekt. Die Analyse berücksichtigt allerdings noch nicht die Johns-Hopkins-Daten von 2024 und die anschließend veröffentlichte ACEL-UK-Studie.7
Hinweise der Redaktion
Es ist allgemein sicher richtig, dass man die Einnahme von Arzneimitteln nach Möglichkeit vermeiden sollte. Auch lässt sich mitunter im Fall leichter Schilddrüsenunterfunktionen dem trägen Organ durch eine jod- und selenreiche Ernährung auf die Sprünge helfen und so die Einnahme von Schilddrüsenmedikamenten umgehen.
Das Wissen um mögliche Nebenwirkungen sollte Sie jedoch keinesfalls dazu bewegen, sich ohne Absprache mit einem Mediziner selbst zu therapieren bzw. ihre verschriebenen Medikamente eigenmächtig abzusetzen. Denn unbehandelt kann eine massive Hypothyreose schwerwiegende Folgen haben. Die fehlenden Hormone können bedeutsame Organfunktionen drosseln, was schlimmstenfalls zum Tod führen kann. Sprechen Sie bei Bedenken unbedingt mit Ihrem behandelnden Arzt.
Warum ich heute anders über meine Schilddrüse denke
„Ich selbst nehme seit 2018 L-Thyroxin. Als ich damals erfahren habe, dass mein Körper auf die Einnahme von Schilddrüsenhormonen angewiesen ist, war das für mich zunächst ein großer Schock. Seitdem habe ich mich intensiv mit der Schilddrüsenunterfunktion und der Bedeutung der Schilddrüsenhormone beschäftigt – auch im Zusammenhang mit Ernährung. Erst dadurch wurde mir wirklich bewusst, an wie vielen Prozessen im Körper diese Hormone beteiligt sind.
Gleichzeitig habe ich versucht, über meine Ernährung möglichst gute Voraussetzungen für eine gesunde Schilddrüsenfunktion zu schaffen. Die richtige Einstellung mit L-Thyroxin beschäftigt mich allerdings bis heute. Immer wieder habe ich beispielsweise mit sehr starken Kopfschmerzen zu kämpfen, die teilweise so heftig sind, dass sie mich zum Weinen bringen. Solche Beschwerden sind für mich ein Anlass, meine Schilddrüsenwerte und die Dosierung überprüfen zu lassen – denn allein anhand von Symptomen lässt sich nicht sicher feststellen, ob die Dosis zu hoch oder zu niedrig ist.
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich deshalb nur dazu raten, eine Schilddrüsenunterfunktion ernst zu nehmen, sich untersuchen zu lassen und gemeinsam mit dem behandelnden Arzt nach der passenden Einstellung zu suchen. Ich habe lange versucht, meinen Körper gewissermaßen auszutricksen, und gedacht, ich könnte die Unterfunktion allein in den Griff bekommen. Heute sehe ich das anders: Eine notwendige Behandlung sollte man nicht als Niederlage betrachten. Entscheidend ist, die eigenen Beschwerden ernst zu nehmen und eine Therapie zu finden, mit der die Schilddrüsenwerte möglichst gut eingestellt sind.“