29. Juli 2026, 14:01 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
In Deutschlands Küstengewässern breiten sich Vibrionen dieses Jahr besonders früh aus. Zwei Menschen starben zuletzt laut RKI an den Folgen einer Infektion. Je nach Infektionsweg verläuft diese unterschiedlich, meist aber sehr rasant. Die betroffene Hautstelle zeigt eine schnelle Rötung und Schwellung oder es bilden sich Blasen. Besonders die Art Vibrio vulnificus kann zu massiver Gewebezerstörung führen. Wie man sich schützen kann und wann man unbedingt zum Arzt gehen sollte.
2026: Zwei Tote nach Vibrionen-Infektion in Deutschland
Laut Robert Koch-Institut (RKI) sind in diesem Jahr bereits zwei Menschen an den Folgen einer Vibrionen-Infektion gestorben. Beide sollen „hochaltrig“ gewesen sein, berichtet der NDR.1 Einer davon soll sich im Juni im Landkreis Vorpommern-Greifswald an der Ostsee aufgehalten haben. Knapp drei Wochen später soll er, vermutlich nach einem Wund- oder Hautkontakt mit Meer- oder Brackwasser, verstorben sein. Insgesamt beginnt die Vibrionen-Saison in diesem Sommer ungewöhnlich früh: Bislang hat das RKI 17 Infektionsfälle in Deutschland registriert. Grund dafür sind die im Juni und Juli stark gestiegenen Wassertemperaturen auf mehr als 20 Grad, vor allem in Nord- und Ostsee.
Was Vibrionen sind und wo sie lauern
Es existieren rund 150 verschiedene Arten der Bakteriengattung Vibrionen. Etwa zehn Prozent sind für den Menschen, Fische oder Muscheln krankheitserregend. Der bekannteste Vibrionen-Vertreter ist Vibrio cholerae, er löst Cholera aus. Die Vibrionen, die hierzulande beim Baden vor allem Wund- und Ohrinfektionen und schwere Magen-Darm-Erkrankungen verursachen, sind sogenannte Nicht-Cholera-Vibrionen (NCV) wie Vibrio vulnificus.2 Sie leben in Gewässern weltweit, bevorzugen jedoch spezifische Bedingungen, die etwa besonders in der Ostsee gegeben sind.
Für ihre optimale Vermehrung benötigen Vibrionen einen Salzgehalt zwischen 0,5 und 2,5 Prozent. Die Ostsee mit ihrem niedrigen Salzgehalt (rund 0,8 Prozent) ist deshalb besonders günstig für deren Verbreitung. Sie zählt zu den europäischen Hochrisikoregionen für Vibrio-Infektionen. Außerdem setzt die Vermehrung der Bakterien massiv ein, sobald das Wasser Temperaturen von 18 bis 20 Grad Celsius erreicht.
Weniger wahrscheinlich sind Vibrionen in Bereichen, in denen Strömungen oder die Gezeiten das Wasser stärker durchmischen.
Der Vibrio Viewer des European Centre for Disease Prevention and Control zeigt nahezu in Echtzeit die Ausbreitung von Vibrionen in Europa.
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Wie kann ich mich vor einer Infektion schützen?
Um das Risiko einer Infektion zu minimieren, sollten Badegäste an den Küsten – insbesondere während Hitzeperioden mit Wassertemperaturen über 20 Grad – ein paar Vorsichtsmaßnahmen beachten.
Wer offene, größere oder frische Wunden hat, sollte derzeit auf das Baden oder Waten in der Ostsee verzichten. Kleinere Verletzungen müssen vor dem Gang ins Wasser unbedingt mit wasserdichten Pflastern abgedeckt werden. Falls eine Wunde dennoch mit Meerwasser in Berührung kommt, muss sie umgehend und gründlich mit sauberem Leitungswasser ausgespült werden.
Personen mit nicht verheilten Wunden sollten flache, stehende und sich schnell erwärmende Küstenbereiche, Bodden, Lagunen sowie Flussmündungen meiden, da hier die Bakterienkonzentration am höchsten ist.
Infektionswege und Krankheitsbild
Vibrionen können auf zwei unterschiedlichen Wegen eine Infektion auslösen, wobei das Risiko mit steigenden Wassertemperaturen über 20 Grad zunimmt. Die zwei Hauptinfektionswege sind die Wund- sowie die Magen-Darm-Infektion. An deutschen Küsten ist die Wundinfektion der häufigste Infektionsweg.
Bei Wundinfektion
An deutschen Küsten ist die Wundinfektion der häufigste Infektionsweg. Besonders Vibrio vulnificus kann dabei zu massiver Gewebezerstörung führen. Magen-Darm-Infektionen werden durch den Verzehr von rohen oder ungenügend durchgegarten Meeresfrüchten und Fischen verursacht. Eine 2024 veröffentlichte Studie von Forschern der FU Berlin unterstreicht dieses Risiko: In mehr als der Hälfte (56 Prozent) der damals insgesamt 306 untersuchten Meeresfrüchte-Proben aus Super- und Fischmärkten in Berlin wurden Vibrionen nachgewiesen. Darunter Garnelen, Muscheln, Austern.3
Besonders die Art Vibrio vulnificus kann zu massiver Gewebezerstörung führen. Aufgrund dieser Gewebezerstörung nennt man sie auch „fleischfressende“ oder „fleischzersetzende“ Bakterien.
Zu den frühen Symptomen zählen meist gerötete, geschwollene oder blasenbildende Hautstellen. Ein charakteristisches Warnsignal ist ein lokaler Schmerz, der im Vergleich zur sichtbaren Wunde überproportional stark erscheint. Weiterhin können nach einer Infektion mit Vibrionen Fieber, Schüttelfrost, Herzrasen und ein Krankheitsgefühl wie bei einem schweren grippalen Infekt auftreten.
In schweren Fällen breiten sich die Vibrionen von der infizierten Wunde schnell auf andere Körperregionen aus, lassen Gewebe absterben und können zu einer Blutvergiftung (Sepsis) führen.4 Laut Berichten waren die drei aktuellen Berliner Fälle eine Wundinfektion, bei zwei soll sich ein septisches Krankheitsbild entwickelt haben.5
Bei Aufnahme über Nahrung
Nach der Aufnahme über die Nahrung treten typischerweise krampfartige Bauchschmerzen, Erbrechen, Übelkeit und wässriger Durchfall auf. Während die Erkrankung bei gesunden Menschen meist mild verläuft, können bei Risikogruppen auch hier lebensbedrohliche septische Verläufe auftreten. Die Symptome treten bei V. vulnificus überwiegend zügig innerhalb von 12 bis 72 Stunden auf.
Wann man sofort zum Arzt oder in die Notaufnahme muss
Aufgrund der Schnelligkeit, mit der die Infektion fortschreiten kann, ist sofortige medizinische Hilfe notwendig. Wenn sich eine Wunde nach Kontakt mit Ostseewasser rasch rötet, stark anschwillt oder pochende Schmerzen verursacht – insbesondere wenn gleichzeitig Fieber oder Schüttelfrost auftreten –, gehen Sie bitte unmittelbar in eine Notaufnahme.
Risikogruppen
Obwohl Vibrionen in warmen Küstengewässern weitverbreitet sind, erkranken gesunde Menschen in der Regel nicht schwer an einer Infektion. Die Gefahr für lebensbedrohliche Verläufe konzentriert sich auf spezifische Gruppen. Diese sind:
- Ältere Menschen und „Hochaltrige“: Das Alter ist ein entscheidender Risikofaktor. In der aktuellen Saison 2026 waren die Infizierten zwischen drei und 95 Jahre alt, das Medianalter lag bei 70 Jahren. Beide bisherigen Todesfälle des Jahres 2026 betrafen laut RKI „hochaltrige“ Personen.
- Personen mit Vorerkrankungen: Ein erhöhtes Risiko besteht insbesondere bei chronischen Leiden wie Diabetes mellitus, schweren Herzerkrankungen oder Krebserkrankungen.
- Lebererkrankte: Menschen mit Leberzirrhose oder chronischer Hepatitis sind besonders anfällig für die gefährlichen septischen Verläufe.
- Immungeschwächte: Grundsätzlich sind alle Menschen mit einem geschwächten Immunsystem einem höheren Risiko ausgesetzt, dass der Körper die Bakterien nicht erfolgreich abwehren kann.
- Besonderheit bei Kindern: Während schwere Wundinfektionen bei Kindern selten sind, werden bei ihnen häufiger Ohrinfektionen nach dem Baden festgestellt.
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Klimawandel als Treiber der Gefahr?
Durch die Erderwärmung erreichen Küstengewässer die für Vibrionen kritischen Werte immer früher im Jahr und halten sie länger. Dies führt zu einer deutlichen Verlängerung der jährlichen Vibrionen-Saison. Die aktuelle Saison 2026 startete bereits außergewöhnlich früh, mit 14 registrierten Fällen bis Mitte Juli – im Vergleich zu nur einem Fall im gleichen Zeitraum des Jahres 2023.
Wissenschaftliche Analysen belegen eine massive Nordwärts-Verschiebung der Bakterienhabitate. Eine US-Studie stellte fest, dass sich das Vorkommen von Vibrio vulnificus-Infektionen zwischen 1988 und 2018 um etwa 48 Kilometer pro Jahr nach Norden verschoben hat. In diesem Zeitraum hat sich die Zahl der Wundinfektionen bereits verachtfacht.3 Als Ursache wird die Erderwärmung, bedingt durch den Klimawandel, aufgeführt. Sie sorge dafür, dass nun auch Gewässer in eigentlich kälteren Gebieten die für die Bakterien optimalen Temperaturbedingungen bieten.
Die Kombination aus klimatischer Erwärmung und demografischer Entwicklung (Bevölkerung altert zunehmend) könnte das Risiko künftig weiter verschärfen. So prognostizierten die Forscher, dass sich die jährlichen Fallzahlen bis zur Mitte des Jahrhunderts (2041–2060) verdoppeln könnten.
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Frühwarnsystem
Das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) hat ein KI-gestütztes Frühwarnsystem entwickelt, das die Vermehrung von Vibrio vulnificus erstmals bis zu fünf Wochen im Voraus vorhersagen kann.4,5
Hierfür wertet eine Künstliche Intelligenz hochaufgelöste Umwelt-, Satelliten- und Mikrobiomdaten aus, um ökologische „Vorläufersignale“ – wie etwa biologische Prozesse nach massiven Algenblüten – frühzeitig zu identifizieren.
Ergänzend dazu testen die Forscher im aktuellen Projekt „KIVib-Küste“ den Einsatz von Drohnen direkt an den Stränden von Mecklenburg-Vorpommern. Diese erfassen in Echtzeit Parameter wie Wassertemperatur und Salzgehalt im Badebereich, sodass ein lokaler Vibrionen-Umweltindex mit einem Ampelsystem innerhalb weniger Minuten eine präzise Risikoeinschätzung für den jeweiligen Strandabschnitt liefern kann. Das Ampelsystem befindet sich aktuell in der aktiven Testphase an der Ostsee (Warnemünde).