8. Juli 2026, 12:01 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Endometriose gehört zu den häufigsten gynäkologischen Erkrankungen – dennoch dauert es oft viele Jahre, bis sie erkannt wird. Eine neue Studie zeigt nun, dass sich Frauen mit Endometriose anhand bestimmter Hormone im Blut deutlich von gesunden Frauen unterscheiden. Die Ergebnisse könnten langfristig dazu beitragen, die Erkrankung einfacher zu diagnostizieren, und liefern zugleich neue Hinweise auf die Entstehung der Krankheit. FITBOOK hat hierzu bei einem der Studienautoren, Dr. Douglas Gibson von der University of Edinburgh, nachgefragt.
Auffällige Hormonveränderungen bei Endometriose
Die Forscher stellten fest, dass sich die Hormonzusammensetzung im Blut von Frauen mit Endometriose deutlich von der gesunder Frauen unterscheidet. Besonders auffällig waren sogenannte 11-oxygenierte Androgene. Das sind Hormone, die überwiegend in den Nebennieren gebildet werden. Obwohl Androgene oft als männliche Geschlechtshormone bezeichnet werden, kommen sie auch bei Frauen natürlich vor und erfüllen dort wichtige Aufgaben.
Vor allem das Hormon 11-Ketotestosteron war bei Frauen mit Endometriose erhöht – und zwar unabhängig davon, wie weit die Erkrankung fortgeschritten war. Anhand mehrerer dieser Hormonwerte entwickelten die Wissenschaftler ein Modell, das Frauen mit Endometriose mit hoher Treffsicherheit von gesunden Frauen unterscheiden konnte. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Hormone künftig die Grundlage für einen Bluttest zur Diagnose von Endometriose bilden könnten.
Ein großer Vorteil: Im Gegensatz zu vielen anderen Hormonen schwanken diese Werte kaum im Verlauf des monatlichen Zyklus. Das macht die Ergebnisse besonders verlässlich. Das Hormonmuster ist so spezifisch, dass es Endometriose sogar von anderen hormonellen Erkrankungen wie dem PCO-Syndrom (PCOS) unterscheiden kann.
So gingen die Forscher vor – 159 Probandinnen mit Endometriose
Für die Studie analysierten die Wissenschaftler Blutproben von 216 Frauen vor den Wechseljahren. Bei 159 Teilnehmerinnen war Endometriose durch eine Bauchspiegelung bestätigt worden, 57 Frauen ohne Endometriose dienten als Vergleichsgruppe. Mithilfe eines sehr genauen Laborverfahrens bestimmten die Wissenschaftler verschiedene Hormonwerte und prüften anschließend, ob sich typische Unterschiede zwischen den beiden Gruppen erkennen lassen.1
Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der sich gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter ansiedelt. Sie kann starke Schmerzen, Entzündungen und Fruchtbarkeitsprobleme verursachen. Während die Rolle von Östrogenen gut erforscht ist, ist über andere Hormone bislang wenig bekannt. Deshalb untersuchten die Forscher insbesondere Androgene, die man oft als männliche Geschlechtshormone bezeichnet, aber auch bei Frauen wichtige Funktionen erfüllen.
Weitere Ergebnisse der Studie im Detail
Die Blutuntersuchungen zeigten, dass sich die Hormonzusammensetzung bei Frauen mit Endometriose deutlich von der gesunder Frauen unterschied. So waren unter anderem die Spiegel der Hormone Dehydroepiandrosteron (DHEA), Androstendion und Testosteron erhöht.
Besonders deutlich waren die Veränderungen bei den sogenannten 11-oxygenierten Androgenen. Während einige dieser Hormone in geringeren Mengen vorkamen, war vor allem 11-Ketotestosteron erhöht. Dieses Hormon wirkt ähnlich wie Testosteron und war bereits in frühen Stadien der Erkrankung nachweisbar.
Anschließend prüften die Forscher, ob sich diese Veränderungen zur Diagnose nutzen lassen. Schon einzelne Hormonwerte konnten Frauen mit und ohne Endometriose recht gut unterscheiden. Die höchste Treffsicherheit erreichte jedoch ein Modell, das mehrere Messwerte kombinierte. Damit wurden in einer zusätzlichen Auswertung mehr als 95 Prozent der Frauen mit Endometriose korrekt erkannt.
Die Forscher selbst waren von diesem Ergebnis überrascht. „Wir waren überrascht, einen so bedeutenden Befund im Zusammenhang mit den Nebennieren-Androgenen zu sehen“, erklärt Studienautor Dr. Douglas Gibson. Besonders bemerkenswert sei gewesen, dass „11-Ketotestosteron bei Endometriose deutlich und signifikant erhöht war“. Da Endometriose bislang vor allem als östrogengetriebene Erkrankung gelte, habe der Fokus der Forschung bisher überwiegend auf den Eierstöcken gelegen.
Test könnte auch unter Einnahme der Pille funktionieren
Ein weiterer Clou: Die Hormonwerte werden offenbar nicht durch die Einnahme der Pille beeinflusst. Patientinnen müssten ihre hormonelle Behandlung für den Test also nicht unterbrechen.
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Was das konkret bedeutet
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass neben Östrogenen auch Androgene aus der Nebennierenrinde bei Endometriose eine wichtige Rolle spielen könnten. Nach Ansicht der Autoren könnten sie langfristig den Weg für einen Bluttest zur Diagnose der Erkrankung ebnen. Bis ein solcher Test tatsächlich eingesetzt werden kann, müssen die Ergebnisse jedoch in weiteren Studien bestätigt werden.
Ob die veränderten Hormonwerte zur Entstehung der Erkrankung beitragen oder lediglich deren Folge sind, bleibt offen. Langfristig könnten sie zudem neue Ansatzpunkte für die Entwicklung gezielter Therapien liefern.
Derzeit prüfen die Wissenschaftler die Ergebnisse bereits in einer größeren Patientengruppe. Bestätigen sich die Befunde, könnte ein Bluttest nach Einschätzung des Forschers vergleichsweise schnell entwickelt werden. „Je nach Gesundheitssystem und den regulatorischen Anforderungen könnte dies innerhalb weniger Jahre möglich sein“, sagt Gibson.
Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Zu den Stärken der Studie gehören die genaue Bestimmung der Hormonwerte, die gesicherte Endometriose-Diagnose aller Teilnehmerinnen und die Überprüfung des Vorhersagemodells an einem unabhängigen Datensatz.
Allerdings hat die Untersuchung auch Grenzen. Sie zeigt lediglich einen Zusammenhang zwischen Endometriose und veränderten Hormonwerten, kann aber nicht klären, ob diese Veränderungen die Erkrankung verursachen oder erst durch sie entstehen. Wichtig ist jedoch zu wissen: Die Forscher haben die Aktivität der beteiligten Enzyme indirekt berechnet, aber noch nicht direkt im Gewebe gemessen. Zudem nahmen überwiegend Frauen aus Europa teil, sodass unklar ist, ob die Ergebnisse auf andere Bevölkerungsgruppen übertragbar sind.
Auch wenn die entwickelten Modelle eine hohe Treffsicherheit erreichten, sind weitere Studien mit größeren und unabhängigen Teilnehmergruppen nötig. Erst dann lässt sich beurteilen, ob sich die Hormonmarker für einen Bluttest in der klinischen Praxis eignen.