26. September 2025, 21:02 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Maria Branyas wurde 117 Jahre alt – und blieb dabei weitgehend frei von Alterskrankheiten. Wie ist das möglich? Was kann ihre DNA über Longevity verraten? Ein internationales Forschungsteam hat erstmals ein vollständiges molekulares Profil der Frau mit der bislang längsten verifizierten Lebensspanne (1907 bis 2024) erstellt. Die Ergebnisse sind überraschend: Trotz klassischer Zeichen des Alterns war ihre Zellbiologie erstaunlich „jung“. Bis zu ihrem Tod blieb sie von typischen Erkrankungen wie Krebs oder Demenz verschont. Die Studie liefert neue Hinweise, wie genetische Anlagen, ein gesunder Stoffwechsel und eine günstige Darmflora das Altern verlangsamen können.
Longevity-Geheimnis? DNA der ältesten Frau der Welt untersucht
Wie kann es sein, dass ein Mensch zum einen über 100 Jahre alt wird und dabei zum anderen auch noch erstaunlich gesund bleibt? Genau das ist Maria Branyas gelungen. Sie war laut Guiness World Records zum Zeitpunkt ihres Todes der älteste Mensch der Welt.1
Um dieses Paradoxon zu entschlüsseln, führten spanische Forschende eine sogenannte Multiomics-Analyse durch – eine umfassende Untersuchung aller biologischen Ebenen ihres Körpers. Das Ziel war, mithilfe von Branyas DNA dem Longevity-Geheimnis weiter auf die Spur zu kommen. Wie können Menschen eine derart lange Lebensspanne erreichen, ohne dabei an altersbedingten Erkrankungen zu leiden?
Diese Studie ist die erste ihrer Art und ermöglicht einen einzigartigen Blick auf die biologische Trennung von Alterung und Krankheit. Die Forscher verglichen die Daten von M116 (so die Bezeichnung für Maria Branyas in der Fallstudie) mit Kontrollgruppen unterschiedlicher Altersstufen sowie mit anderen Superzentenariern (Personen über 110 Jahre). Dabei identifizierten sie verschiedene biologische Merkmale, die mit gesundem Altern in Verbindung stehen könnten.2
Maria Branyas: Fallstudie einer 117-Jährigen
Bei der Untersuchung handelte es sich um eine hochdimensionale Einzelstudie (Fallstudie) mit vergleichender Analyse, in der man den biologischen Zustand von M116 mittels modernster molekularbiologischer Methoden erfasste. Die Wissenschaftler sammelten verschiedenste Daten und analysierten diese kombiniert, was man als Multiomics-Studie bezeichnet.
Untersucht wurden unter anderem:
- Genom (alle Gene)
- Epigenom (DNA-Methylierung, die Genaktivität steuert)
- Transkriptom (aktive Genexpression: Umwandlung der DNA-Info in ein Protein oder RNA-Molekül)
- Proteom (Eiweißprofil im Blut und in extrazellulären Vesikeln)
- Metabolom (Stoffwechselprofil, insbesondere Lipide und Entzündungsmarker)
- Mikrobiom (Zusammensetzung der Darmbakterien)
Biologisch jung geblieben
Die wichtigste Erkenntnis: M116 vereinte molekulare Zeichen des hohen Alters mit gleichzeitig jung gebliebenen biologischen Systemen, was ihre außergewöhnlich gesunde Langlebigkeit erklären könnte.
Zentrale Befunde
Telomere
Die Telomere (Schutzkappen der Chromosomen) waren extrem kurz – eigentlich ein typisches Zeichen für Zellalterung. Dennoch zeigte M116 keine altersbedingten Krankheiten.
Genetische Varianten
Sie besaß seltene genetische Varianten, die mit Immunstabilität, Herz-Kreislauf-Gesundheit, Gehirnschutz und Mitochondrienfunktion verbunden sind.
Blutzellen
Trotz genetischer Hinweise auf sogenannte klonale Hämatopoese (altersbedingte Blutzellmutation), entwickelte sie keinen Krebs.
Immunzellen
Ihre Immunzellen zeigten Alterszeichen, aber auch auffällig hohe Aktivität und jugendliche Autophagie-Signaturen (zelluläre „Selbstreinigung“). Die Autophagie der 117-Jährigen war denen der jungen Vergleichsgruppen ähnlicher als denen älterer Menschen.
Stoffwechselprofil
Sie hatte ein außergewöhnlich günstiges Stoffwechselprofil: sehr hohe HDL-Werte („gutes“ Cholesterin), niedrige VLDL-Cholesterin- und Triglycerid-Werte sowie niedrige Entzündungsmarker (GlycA/B) und einen effizienten Fettstoffwechsel.
Mikrobiom
Im Darmmikrobiom dominierte Bifidobacterium, eine „verjüngende“ Bakteriengruppe. Ihre Mikrobiom-Vielfalt war deutlich höher als bei gleichaltrigen Kontrollen. Die Vermutung der Forscher: dass es eine Korrelation zum Joghurtkonsum der 117-Jährigen gegeben haben könnte. Sie aß täglich drei Joghurts mit den Bakterien Streptococcus thermophilus and Lactobacillus delbrueckii. Diese werden mit der Bildung von Bifidobacterium in Verbindung gebracht.
Biologische Uhr
Ihre epigenetische Uhr zeigte ein biologisches Alter, das 23 Jahre jünger war als ihr tatsächliches Alter – quer über verschiedene Gewebe hinweg. Biologisch alterte Maria Branyas also deutlich langsamer als die meisten anderen Menschen.
Sehr alt, aber biologisch jung
Zusammen ergeben diese Befunde ein Bild von extremer Lebensdauer bei gleichzeitig erhaltener biologischer Jugendlichkeit.
Altern und Krankheit nicht zwangsläufig miteinander verbunden
Die Auswertung von Maria Branyas DNA und den Vergleichen mit jüngeren Menschen und anderen über 100-Jährigen zeigt: Altern und Krankheit sind nicht zwangsläufig miteinander verbunden. Maria Branyas vereinte klassische Alterungszeichen wie kurze Telomere oder klonale Mutationen mit gleichzeitig gesunden Stoffwechsel-, Immun- und Epigenetik-Profilen (Anzeichen für diese fand man auch bereits in anderen über 100-Jährigen).
Die Daten legen nahe, dass eine Kombination aus genetischer Resilienz, niedrigem Entzündungsniveau, effizienter Energieproduktion, günstiger Darmflora und epigenetischer Stabilität entscheidend für gesundes Altern sein kann.
Für die Forschung ergeben sich daraus:
- Neue Biomarker für gesundes Altern
- Potenzielle Zielstrukturen für Anti-Aging-Therapien
- Hinweise auf die Rolle der Ernährung (z. B. täglicher Joghurtkonsum mit probiotischen Kulturen)
Auch wenn viele dieser Merkmale genetisch bedingt sein könnten, unterstreicht die Studie die Bedeutung des Lebensstils: M116 (Maria Branyas) lebte mit mediterraner Ernährung, gutem Schlaf, Bewegung und sozialer Aktivität – alles Faktoren, die sich positiv auf Mikrobiom, Epigenetik und Entzündungsniveau auswirken können.
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Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Die Studie ist bahnbrechend – aber auch limitiert: Sie basiert auf nur einer einzigen Person, wenn auch auf der ältesten medizinisch dokumentierten weltweit. Damit können keine allgemeinen Aussagen über Ursachen von Langlebigkeit getroffen werden. Vielmehr liefert sie Hypothesen und Anhaltspunkte, die nun in größeren Studien überprüft werden müssen.
Weitere Einschränkungen:
- Die Telomerlänge wurde nur in Blutmononuklearzellen gemessen, nicht in anderen Geweben.
- Lebensstilfaktoren wie Bewegung oder Stressverarbeitung wurden retrospektiv bewertet, was Verzerrungen nicht ausschließt.
- Die Kausalität zwischen Mikrobiom, Stoffwechsel und Langlebigkeit kann nicht bewiesen werden – die Daten sind rein beobachtend.
Trotzdem ist die methodische Tiefe (Multiomics), der Abgleich mit großen Referenzkohorten (Gruppen unterschiedlichen Alters, darunter andere über 100-Jährige) und die Vielzahl der molekularen Ebenen beispiellos und machen die Studie zu einem wissenschaftlichen Meilenstein im Feld der Alterung (Longevity).
Longevity: günstige Kombination aus Genen und Lebensstil?
Diese umfassende Multiomics-Studie an der weltweit ältesten bekannten Person zeigt, dass gesunde Langlebigkeit kein Zufall ist, sondern durch eine seltene Kombination aus genetischen, epigenetischen und metabolischen Merkmalen gefördert wird. Trotz typischer Alterszeichen blieb Maria Branyas über viele biologische Ebenen hinweg jugendlich. Die Ergebnisse legen nahe, dass ein gesunder Lebensstil, ein junges Mikrobiom und niedrige Entzündungswerte, kombiniert mit bestimmten genetischen Schutzfaktoren, der Schlüssel zu einem langen, gesunden Leben sein könnten. Für die Altersforschung öffnen sich damit neue Wege für Prävention und mögliche Intervention.