22. Juli 2026, 20:12 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Viagra ist seit mehreren Jahrzehnten als Potenzmittel für Männer bekannt. Die berühmten blauen Pillen haben aber womöglich eine andere positive Auswirkung. Forscher haben untersucht, welchen Einfluss Viagra auf die Ausbreitung von Krebs hat – mit erstaunlichem Ergebnis.
Ende der 1990er Jahre kam Viagra als Medikament gegen Erektionsstörungen (erektile Dysfunktion) auf den deutschen Markt.1 Die kleinen blauen Pillen wurden schnell zum wohl bekanntesten Potenzmittel für Männer. Dabei wurde der darin enthaltene Wirkstoff Sildenafil ursprünglich zur Behandlung von Bluthochdruck und Brustschmerzen aufgrund einer verminderten Durchblutung des Herzens entwickelt. Nun hat eine neue Studie gezeigt, dass Sildenafil möglicherweise eine weitere erstaunliche Wirkung hat. Israelische Forscher am Weizmann Institute of Science fanden nämlich heraus, dass der Viagra-Wirkstoff die Metastasierung von Krebs durch einen neu entdeckten biologischen Mechanismus hemmen könnte.2
Wie wirkt Viagra?
Der Wirkstoff von Viagra, Sildenafil, gehört zur Gruppe der PDE‑5‑Hemmer. Er blockiert das Enzym Phosphodiesterase Typ 5 (PDE5), das normalerweise den Botenstoff cGMP abbaut.3 Dadurch bleibt mehr cGMP in den glatten Muskelzellen der Gefäße im Schwellkörper des Penis verfügbar. Ein erhöhter cGMP‑Spiegel entspannt die Gefäßmuskulatur, die Gefäße erweitern sich und die Durchblutung des Penis nimmt zu. So kann eine Erektion unter sexueller Stimulation leichter aufgebaut und länger aufrechterhalten werden, was Viagra zu einem wirksamen Medikament gegen Erektionsstörungen macht.
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Warum Viagra auch gegen Krebs helfen könnte
Im Rahmen der Untersuchung fanden die israelischen Forscher heraus, dass der Botenstoff cGMP auch an ein Protein bindet, das für den Cholesterintransport innerhalb der Zellen verantwortlich ist – den Transporter NPC1 in der Lysosomenmembran. Dadurch wird der Export von Cholesterin aus den Lysosomen blockiert und das Cholesterin bleibt dort gewissermaßen „stecken“.
Für die Zelle bedeutet das: Es steht weniger frei verfügbares Cholesterin für Membranen, Lipid‑Rafts und Energieproduktion zur Verfügung. Gerade Krebszellen sind besonders anfällig für diesen Cholesterinmangel. Krebszellen sind deshalb so empfindlich, weil sie von Natur aus weniger Gene für den Cholesterintransport in ihren Zellkraftwerken besitzen und den Ausfall schlechter kompensieren können. Denn sie sind für Wachstum, Bewegung und das Eindringen in andere Gewebe stark auf Cholesterin angewiesen.
Mit anderen Worten: Sildenafil entzieht metastasierungsfreudigen Krebszellen einen wichtigen Treibstoff, sodass sie sich schlechter vom Primärtumor lösen, im Körper wandern und in entfernten Organen neue Tumorherde bilden können. Diesen Vorgang bezeichnet man als Metastasierung. Wird ihr Zugang zu nutzbarem Cholesterin eingeschränkt, fällt es diesen Krebszellen schwerer, Metastasen zu bilden.
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Ein weiterer Wirkstoff unterstützt den positiven Effekt
Doch es gibt noch mehr gute Nachrichten. Die Wissenschaftler fanden außerdem heraus, dass die Kombination von Medikamenten aus der Viagra‑Familie (PDE5‑Hemmer wie Sildenafil) mit Statinen – einer weit verbreiteten Wirkstoffgruppe, die die körpereigene Cholesterinproduktion senkt – die Metastasierung noch deutlicher bremsen kann. In dieser Kombination wird Krebszellen der Zugriff auf zwei zentrale Cholesterinquellen erschwert:
- PDE5‑Hemmer verhindern, dass gespeichertes Cholesterin aus den Lysosomen wieder nutzbar gemacht wird.
- Statine wiederum blockieren die Neubildung von Cholesterin über die HMG‑CoA‑Reduktase.
Im Zusammenspiel beider Wirkstoffe entsteht so eine doppelte Blockade des Cholesterinstoffwechsels.
Taugt also Viagra zur Bekämpfung von Krebs?
Für die Studie nutzten die Forscher mehrere Krebsmodelle in Mäusen. Außerdem untersuchten sie Kulturen von Tumorzellen aus menschlichen Krebspatienten. Zusätzlich werteten sie elektronische Gesundheitsdaten der israelischen Krankenkasse Clalit aus. Die Daten stammen aus einem Zeitraum von 20 Jahren und umfassen rund fünf Millionen Versicherte. Im Einklang mit den Ergebnissen aus Mausmodellen und menschlichen Zellkulturen zeigte die statistische Analyse der Clalit‑Datenbank eine signifikant bessere Überlebensrate bei Krebspatienten, die Sildenafil einnahmen. Die Überlebensrate stieg weiter, wenn die Patienten zusätzlich Statine erhielten.
„Wir haben einen neuen biologischen Signalweg entdeckt, der ein bekanntes Signalmolekül mit der Cholesterinregulation in den Zellen verbindet, und gezeigt, wie dieser Signalweg genutzt werden kann, um die Fähigkeit von Krebszellen zur Bildung von Metastasen zu beeinträchtigen“, kommentiert Prof. Ayelet Erez vom Weizmann Institute of Science die Ergebnisse. Man müsse auch den Stoffwechselzustand des Patienten und seine Medikamente bei der Krebstherapie betrachten. Gerade diese haben wohl einen starken Einfluss auf die Entwicklung von Metastasen.4
„Unsere Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, bei der Auswahl der wirksamsten Therapie den Patienten als Ganzes zu betrachten – und nicht nur den Krebs“, erklärt Prof. Erez. Die Studie ist womöglich der erste Schritt zur Entwicklung neuer Krebsmedikamente. Diese könnten Krebspatienten vor Metastasen schützen, indem sie den neu entdeckten Mechanismus von Viagra nutzen. Doch dazu braucht es noch weitere tiefergehende Forschung.
Wichtig ist dabei: Die Daten der Millionen Versicherten stammen aus einer Beobachtungsstudie. Sie zeigt zwar einen deutlichen Zusammenhang, aber noch keinen endgültigen Beweis, dass allein Viagra das Leben verlängert hat.