6. August 2026, 13:44 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Demenz gehört zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Schätzungsweise erkranken allein in Deutschland jedes Jahr rund 445.000 Menschen neu. Doch welche Faktoren entscheiden schon Jahrzehnte zuvor darüber, wie lange ein Mensch geistig gesund bleibt? Eine neue Langzeitstudie liefert darauf eine klare Antwort und rückt drei beeinflussbare Risikofaktoren – Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen – in den Fokus.
Drei Risikofaktoren – und bis zu 13 Jahre weniger ohne Demenz
Während der Nachbeobachtung entwickelten rund 3000 Teilnehmer eine Demenz. Mehr als 5200 starben zuvor, ohne an Demenz erkrankt zu sein. Die Auswertung zeigte einen klaren Zusammenhang: Je mehr der drei Risikofaktoren bereits in der Lebensmitte vorlagen, desto kürzer war die Zeit, die die Teilnehmer ohne Demenz lebten.
Menschen ohne Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen verbrachten zwischen dem 55. und 95. Lebensjahr durchschnittlich rund 30 Jahre ohne Demenz. Mit einem Risikofaktor waren es rund 26 Jahre, mit zwei rund 21 Jahre und mit allen drei Risikofaktoren nur noch rund 17,5 Jahre. Zwischen keinem und drei Risikofaktoren lagen damit rund 13 demenzfreie Lebensjahre.
Auch das Erkrankungsrisiko stieg deutlich an. Teilnehmer mit allen drei Risikofaktoren hatten fast ein dreimal so hohes Risiko, im Verlauf der Studie an Demenz zu erkranken, wie Teilnehmer ohne diese Risikofaktoren. Gleichzeitig war ihr Risiko, vor einer Demenz an anderen Ursachen zu sterben, mehr als fünfmal höher.
Nicht nur das Risiko zählt – sondern auch die Jahre ohne Demenz
Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen das Risiko für eine spätere Demenz erhöhen können.1,2 Die aktuelle Untersuchung wollte jedoch wissen, welche Auswirkungen diese Risikofaktoren auf die Zahl der demenzfreien Lebensjahre haben.3 Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Neurology“ veröffentlicht.
Dafür werteten Forscher Daten von rund 12.400 Erwachsenen aus der US-amerikanischen ARIC-Studie (Atherosclerosis Risk in Communities) aus. Berücksichtigt wurden ausschließlich Teilnehmer, die mit 55 Jahren noch lebten und keine Demenz hatten. Zu Beginn erfassten die Forscher drei gut beeinflussbare Gefäßrisikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes und aktuelles Rauchen. Anschließend begleiteten sie die Teilnehmer mehr als 26 Jahre.
Mithilfe von Gedächtnis- und Denktests, Telefoninterviews, Befragungen von Angehörigen sowie Krankenhaus- und Sterberegistern dokumentierten sie, wer eine Demenz entwickelte oder zuvor an einer anderen Ursache starb. Auf dieser Grundlage berechneten sie, wie viele Jahre die Teilnehmer zwischen dem 55. und 95. Lebensjahr durchschnittlich ohne Demenz lebten.4
Frauen hatten in allen Gruppen einen Vorteil
Der Zusammenhang zeigte sich auch in den untersuchten Untergruppen. Frauen lebten unabhängig von der Zahl der Risikofaktoren länger ohne Demenz als Männer. Bei allen drei Risikofaktoren verbrachten Frauen rund 18 Jahre, Männer rund 17 Jahre ohne Demenz. Schwarze Teilnehmer erreichten weniger demenzfreie Lebensjahre als weiße Teilnehmer. Auch Menschen mit der Genvariante APOE-ε4, die das Alzheimer-Risiko erhöht, lebten kürzer ohne Demenz. Der Zusammenhang zwischen den drei Risikofaktoren und den demenzfreien Lebensjahren blieb jedoch in allen untersuchten Gruppen bestehen.
Warum ein Ergebnis zunächst widersprüchlich wirkt
Auf den ersten Blick scheint ein Befund nicht zusammenzupassen: Bis zum Alter von 95 Jahren erkrankten unter den Teilnehmern mit allen drei Risikofaktoren insgesamt weniger Menschen an Demenz als in der Gruppe ohne Risikofaktoren. Der Grund ist jedoch nicht ein geringeres Demenzrisiko. Viele Menschen mit einer hohen Gefäßbelastung starben bereits früher an anderen Erkrankungen und erreichten das hohe Alter, in dem Demenz besonders häufig auftritt, gar nicht. Deshalb betrachteten die Forscher vor allem die Zahl der demenzfreien Lebensjahre.
Auch interessant: Diese Demenz-Risikofaktoren zeigen schon 20-Jährige
Warum diese Ergebnisse Hoffnung machen
Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Gefäßgesundheit bereits in der Lebensmitte eine wichtige Rolle für die spätere Gehirngesundheit spielen könnte. Die Autoren leiten daraus ab, dass Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen möglichst früh erkannt und konsequent behandelt werden sollten. Das entspricht auch den bestehenden Empfehlungen zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Menschen mit einer höheren Gefäßbelastung könnten besonders von Präventionsmaßnahmen profitieren. Gleichzeitig betonen die Forscher, dass Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen nicht allein durch medizinische Risikofaktoren erklärt werden können. Auch soziale und gesundheitliche Rahmenbedingungen dürften dabei eine wichtige Rolle spielen.
5 Risikofaktoren können das Leben um 10 Jahre verkürzen
Mehr Licht, geringeres Demenzrisiko? Studie liefert Hinweise
So könnte die Gefäßgesundheit das Gehirn beeinflussen
Warum Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen mit weniger Jahren ohne Demenz verbunden sind, beantwortet die Studie nicht. Die Forscher nennen jedoch mehrere mögliche Erklärungen, die vor allem die Blutgefäße betreffen.
Bluthochdruck und Diabetes können die kleinen Blutgefäße im Gehirn über viele Jahre schädigen. Dadurch wird das Gehirn schlechter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Gleichzeitig können Entzündungsprozesse gefördert und das Risiko für Schlaganfälle erhöht werden. Nach Ansicht der Autoren könnten diese Veränderungen dazu beitragen, dass Nervenzellen schneller geschädigt werden und sich eine Demenz entwickelt.
Auch Rauchen dürfte das Gehirn auf mehreren Wegen belasten. Frühere Studien deuten darauf hin, dass Rauchen oxidativen Stress fördert. Dabei entstehen aggressive Sauerstoffverbindungen, die Zellen schädigen können. Zusammen mit den Folgen von Bluthochdruck und Diabetes könnte dies die Gefäße zusätzlich schädigen und Veränderungen begünstigen, die auch bei der Alzheimer-Krankheit eine Rolle spielen. Diese Mechanismen wurden in der aktuellen Studie jedoch nicht direkt untersucht, sondern dienen lediglich als mögliche Erklärung für die beobachteten Zusammenhänge.
Wie aussagekräftig sind die Ergebnisse?
Die Studie zählt zu den größten und längsten Untersuchungen zu diesem Thema. Die Demenzdiagnosen wurden mithilfe verschiedener Verfahren erhoben und zusätzlich von Experten überprüft. Dadurch gelten die Ergebnisse als besonders belastbar.
Trotz ihrer Stärken hat die Untersuchung auch einige Einschränkungen. Die drei Risikofaktoren wurden nur einmal zu Beginn der Studie erfasst. Veränderungen im Studienverlauf – etwa durch Medikamente, einen Rauchstopp oder einen gesünderen Lebensstil – konnten deshalb nicht berücksichtigt werden. Nach Einschätzung der Autoren könnte der tatsächliche Einfluss einer dauerhaft hohen Gefäßbelastung sogar unterschätzt worden sein.
Auch die Demenz wurde nicht bei allen Teilnehmern auf dieselbe Weise festgestellt. Während einige regelmäßig persönlich untersucht wurden, stützten sich die Forscher bei anderen auf Telefoninterviews oder Daten aus Krankenhäusern und Sterberegistern. Dadurch könnten einzelne Demenzfälle unterschiedlich zuverlässig erkannt worden sein.
Interessenkonflikte und Finanzierung
Die Autoren geben an, keine relevanten Interessenkonflikte zu haben. Finanziert wurde die Studie von mehreren öffentlichen Forschungseinrichtungen, darunter den US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) sowie weiteren staatlichen Förderorganisationen in den USA und China. Nach Angaben der Autoren hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenauswertung, Manuskripterstellung oder die Entscheidung zur Veröffentlichung.
Die Forscher beobachteten die Teilnehmer über viele Jahre, griffen aber nicht in deren Behandlung ein. Deshalb lässt sich nicht sicher sagen, dass Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen allein für die Unterschiede bei den demenzfreien Lebensjahren verantwortlich sind. Andere, nicht vollständig erfasste Einflüsse könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Die Studie zeigt Zusammenhänge, erlaubt aber keine Aussagen über Ursache und Wirkung.