6. Mai 2026, 16:42 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Eine Langzeitstudie hat untersucht, wie sich eine Darmspiegelung langfristig auf das Darmkrebsrisiko sowie das Sterberisiko im Falle einer Darmkrebserkrankung auswirkt. Die Ergebnisse sind überraschend.
Darmkrebs zählt in Deutschland zu den häufigsten Krebserkrankungen. Laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten erkranken jährlich rund 30.000 Männer und fast 25.000 Frauen daran.1 Seit April 2025 können in Deutschland gesetzlich versicherte Männer und Frauen einheitlich ab 50 Jahren zweimal eine Darmspiegelung (Koloskopie) im Abstand von zehn Jahren durchführen lassen.2 Dies dient der Darmkrebsvorsorge. Dabei können auch Darmpolypen entfernt werden, die sich zu Krebs entwickeln könnten. Bei einem unauffälligen Befund kann nach zehn Jahren eine erneute Darmspiegelung – auch Screening genannt – erfolgen. Norwegische Forscher haben nun in einer großen Langzeitstudie untersucht, wie sich eine Darmspiegelung auf das Darmkrebsrisiko auswirkt.3
Welche Wirkung hat die Darmkrebsvorsorge?
Im Rahmen einer multinationalen, bevölkerungsbasierten randomisierten Kontrollstudie haben norwegische Forscher Gesundheits- und Sterbedaten von 84.583 Männern und Frauen ausgewertet. Bei Studienbeginn lag das Alter der Teilnehmer zwischen 55 und 64 Jahren. Die Probanden stammen aus Norwegen, Polen und Schweden.
Am Anfang der Langzeitstudie wurden die Teilnehmer im Verhältnis 1:2 nach dem Zufallsprinzip entweder einer Darmspiegelung im Rahmen einer Vorsorge zugeordnet oder der Nicht-Vorsorge zugewiesen. Dabei wollten die Forscher herausfinden, wie sich die einmalige Darmkrebsvorsorge nach zehn bis fünfzehn Jahren auf das Darmkrebs- sowie Sterberisiko auswirkt. Deshalb erfolgte die erste Datenauswertung bereits nach zehn Jahren. Nun liegen die Ergebnisse nach dreizehn Jahren vor.
So sieht die Datenlage aus
Die Auswertung der Gesundheits- und Sterbedaten nach 13 Jahren hat folgende Erkenntnisse zutage gebracht:
- In der Gruppe der Teilnehmer an einer Darmkrebsvorsorge (28.217 Personen erhielten eine Einladung, 42 Prozent machten die Darmspiegelung) gab es in 13 Jahren 375 Darmkrebserkrankungen. Das sind also 1,46 Prozent der Teilnehmer (dies umfasst auch die Personen, die trotz Einladung das Screening nicht machen ließen).
- Demgegenüber erkrankten in der Nicht-Vorsorgegruppe 912 Teilnehmer an Darmkrebs, wobei die Gruppe 56.366 Personen enthielt. Das sind also 1,8 Prozent der Teilnehmer gegenüber 1,46 Prozent in der Vorsorgegruppe.
- Das Risiko für bösartigen Darmkrebs betrug 0,51 Prozent in der Vorsorgegruppe gegenüber 0,56 Prozent in der Nicht-Vorsorge-Gruppe.
- Bei Männern lag das Darmkrebsrisiko in der Vorsorgegruppe mit 1,69 Prozent deutlich niedriger als in der Nicht-Vorsorge-Gruppe mit 2,19 Prozent.
- Bei Frauen war die Differenz geringer mit 1,24 Prozent (Vorsorge-Gruppe) zu 1,43 Prozent (Nicht-Vorsorge-Gruppe).
- Die Sterblichkeitsrate durch Darmkrebs betrug bei der Vorsorgegruppe 0,41 Prozent und in der Nicht-Vorsorge-Gruppe 0,47 Prozent.
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Wie kommt es zu den teilweise überraschenden Ergebnissen?
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass in dieser Studie die Darmspiegelung das Risiko für das Auftreten von Darmkrebs signifikant senkte. Allerdings waren die Auswirkungen auf die Sterblichkeit durch Darmkrebs weniger eindeutig als erwartet. In der Vorsorgegruppe lag das Sterberisiko durch Darmkrebs bei 0,41 Prozent, während es in der Nicht-Vorsorge-Gruppe 0,47 Prozent betrug. Das war deutlich niedriger, als die Forscher zum Zeitpunkt der Studienkonzeption erwarteten. Man rechnete mit 0,82 Prozent.
Doch dafür hat einer der verantwortlichen Studienautoren, Dr. Michael Bretthauer von der Universität in Oslo, eine Erklärung, wie er gegenüber dem Fachportal „MedpageToday“ erklärte: „Wir wissen aus den Krebsstatistiken, dass die Überlebensraten bei Patienten mit Darmkrebs heute deutlich höher sind als noch vor zehn oder sogar fünf Jahren.“ Laut ihm sind die Überlebenschancen bei der Diagnose Darmkrebs heutzutage deutlich höher. Dies liege hauptsächlich an den wesentlich besseren Behandlungsmethoden, fortschrittlicheren chirurgischen Verfahren und besserer Strahlentherapie. Zudem gäbe es seit rund fünf Jahren auch eine Immuntherapie. „Das sind alles gute Nachrichten für die Patienten“, konstatiert der Studien-Co-Autor. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass je besser die therapeutische Behandlung von Darmkrebs wird, die Vorteile einer Voruntersuchung schrumpfen. Das könnte den geringen Vorteil der Vorsorgegruppe beim Sterberisiko in der vorliegenden Studie womöglich erklären.
Insbesondere Männer profitieren von einer Darmspiegelung
Die Untersuchung zeigt aber auch, dass vor allem bei Männern eine Darmspiegelung das Darmkrebsrisiko deutlich senkt. „Wir haben festgestellt, dass die Darmspiegelung bei Männern wirksamer ist als bei Frauen … und sie im unteren Teil des Dickdarms wirksamer ist als im oberen Teil“, ergänzt Dr. Bretthauer. Diese Erkenntnisse könnten dabei helfen, die Sinnhaftigkeit der Untersuchung individueller zu bewerten, beispielsweise bei der Empfehlung von Darmspiegelungen für bestimmte Zielgruppen. Nun liegt es an den Verantwortlichen, wie den Krankenkassen, diese Ergebnisse richtig zu interpretieren und daraus zu lernen.
Die größten Stellschrauben, um Darmkrebs vorzubeugen, haben wir selbst in der Hand. Durch einen gesunden Lebensstil, mit z. B. Verzicht aufs Rauchen, ballaststoffreicher Ernährung, wenig Alkoholkonsum, gesundem Gewicht und viel Bewegung, können wir das Risiko für Darmkrebs deutlich senken.
Eine Schwäche der Studie ist jedoch hervorzuheben: Die Daten der Teilnehmer, die trotz Einladung nicht zur Darmspiegelung gingen, wurden nicht herausgerechnet. Sie flossen in die Auswertung mit ein und könnten zu den teils überraschend niedrigen statistischen Effekten beigetragen haben.