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Erstmals Darmbeatmung am Menschen getestet

Darmbeatmung
Wenig bekannt: Der Mensch ist in der Lage, Sauerstoff über den Darm aufzunehmen. Foto: Getty Images
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29. Oktober 2025, 13:20 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Kurios, aber nützlich! Hätten Sie gewusst, dass es möglich ist, Sauerstoff über den Darm aufzunehmen, wenn die Lunge versagt? Abgeschaut haben sich Forscher diese Technik von einer ganzen Gruppe von Süßwasserfischen, den Schmerlen. Vor wenigen Jahren wurde die Darmbeatmung erfolgreich bei Ratten und Schweinen getestet. Nun ist der Mensch an der Reihe. Eine Phase-1-Studie zeigt: Die rektale Sauerstoffgabe könnte die Notfallmedizin revolutionieren.

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Warum sollte man überhaupt über den Darm beatmen?

Wir alle kennen Beatmungsmasken für das Gesicht. Sie werden notwendig, wenn die natürliche Atmung keine ausreichende Sauerstoffversorgung mehr gewährleistet. Denn nur wenige Minuten eines nicht behandelten Atemstillstandes reichen, um etwa Hirnzellen dauerhaft zu schädigen. Dies ist z. B. der Fall bei schweren Lungenerkrankungen, Verletzungen, während einer Narkose oder im Koma. Ist die Lunge jedoch so stark erkrankt oder verletzt, dass die herkömmliche künstliche Beatmung nicht greift oder die Lunge zusätzlich belastet, braucht es einen anderen Weg. Oder erinnern Sie sich an die Corona-Pandemie zurück, als schlichtweg Beatmungsgeräte knapp wurden. Ein alternativer Weg wäre in dieser Zeit entlastend gewesen.

Anti-Nobelreis für „Butt Breathing“

Schon mal vom Anti-Nobelpreis gehört? Der offizielle Name ist „IgNobel“, ein englischsprachiges Wortspiel mit dem Wort „ignobel“, zu deutsch etwa unwürdig oder schädlich. Forschende erhalten den satirischen Preis, um ihre wissenschaftlichen Leistungen zu ehren, die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“. Die Verleihung findet am Massachusetts Institute of Technology statt und wird von dem wissenschaftlichen Satiremagazin „Annals of Improbable Research“ ausgerichtet. Ein Highlight: Ausgehändigt wird der Preis durch tatsächliche Nobelpreisträger.

Im Jahr 2024 erhielt Dr. Takanori Takebe für sein Forschungsprojekt zum „Butt Breathing“ (dt.: Po-Atmung) ebendiese Auszeichnung. Der Experte arbeitet am Cincinnati Children’s Hospital und an der Tokyo Medical and Dental University.1

Auch interessant: Wie gefährlich ist eine Lungenentzündung?

Erste Studie am Menschen zur Darmbeatmung

Die Untersuchung war eine Phase-1-Studie – also ein erster Sicherheitstest – und fand in Japan statt. Insgesamt nahmen 27 gesunde Männer im Alter von 20 bis 45 Jahren teil. Sie erhielten eine einmalige rektale Gabe einer speziellen Flüssigkeit namens Perfluordecalin. Hierbei handelte es sich zum Überprüfen der Sicherheit erst mal um eine nicht-oxygenierte Variante, also eine Version ohne zusätzlichen Sauerstoff. Die verabreichten Mengen reichten von 25 bis 1.500 Milliliter. Die Flüssigkeit sollte 60 Minuten im Darm verbleiben. Alle Teilnehmenden wussten, was ihnen verabreicht wurde, und dass die Menge der eingesetzten Flüssigkeit schrittweise erhöht wurde.2

Ziel war es, mögliche Nebenwirkungen zu dokumentieren. Hierzu wurden Vitalzeichen (z. B. Blutdruck), Laborwerte (z. B. Leber- und Nierenfunktion) und das Vorhandensein von Perfluordecalin im Blut analysiert. Zusätzlich kam ein bereits existierendes pharmakokinetisches Modell auf Basis von Schweinedaten zum Einsatz, um die potenzielle Sauerstoffaufnahme theoretisch zu berechnen.

Vorangegangene Studie testete Darmbeatmung an Tieren

Bereits 2021 veröffentlichten Takebe und seine Kollegen eine Forschungsarbeit, bei der durch die rektale Flüssigkeitsgabe (in diesem Fall mit Sauerstoff angereichertem Perfluordecalin) die Sauerstoffversorgung von Nagetieren und Schweinen verbessert werden konnte. Die Methode erwies sich als lebensrettend und erhöhte die Überlebensrate.3

Methode qualifiziert sich für weitere Schritte

Die wichtigste Nachricht: Die neue Methode erwies sich als sicher und gut verträglich – zumindest im Rahmen dieser ersten Anwendung bei gesunden Männern. Es traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen und auch keine dosisbegrenzenden Toxizitäten auf.

Einige Teilnehmer berichteten über leichte bis moderate Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen oder Bauchschmerzen, insbesondere bei höheren Flüssigkeitsmengen. Diese Symptome waren jedoch vorübergehend und klangen ohne Behandlung wieder ab.

In keinem der Fälle wiesen die Wissenschaftler Perfluordecalin im Blut nach – die Konzentration blieb unter 1,0 Mikrogramm pro Milliliter, was bedeutet, dass kein relevanter Übertritt in den Kreislauf stattfand. Auch alle Laborparameter, darunter Leber- und Nierenwerte, blieben innerhalb des Normalbereichs.

Spannend ist zudem die Beobachtung, dass bei den höheren Dosen ein leichter Anstieg der Sauerstoffsättigung im Blut beobachtet wurde, obwohl die eingesetzte Flüssigkeit nicht mit Sauerstoff angereichert war. Dies deckt sich mit den Ergebnissen aus dem Tiermodell und deutet auf ein mögliches zukünftiges Potenzial des Verfahrens hin.

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Bedeutung und Einordnung der Studienergebnisse

Die Studie markiert einen wichtigen ersten Schritt: Zum ersten Mal wurde die Darmbeatmung mittels Perfluordecalin beim Menschen getestet – mit dem Ergebnis, dass die Methode sicher und gut verträglich ist. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, um die rektale Sauerstoffgabe als ergänzende Notfalltherapie bei schwerem Lungenversagen und die Behandlung von Neugeborenen mit unreifen Lungen weiterzuentwickeln. Auf Anfrage von FITBOOK erklärt Studienleiter Takebe, die Darmbeatmung könne für Neugeborene eine schonende Überbrückung darstellen: „Sie würde dazu beitragen, den Sauerstoffgehalt aufrechtzuerhalten, ohne die Lunge hohem Druck oder Sauerstofftoxizität auszusetzen.
Um dies klinisch umzusetzen, benötigen wir pädiatriespezifische Sicherheitsstudien.
Außerdem ist der Darm insbesondere bei Frühgeborenen sehr empfindlich gegenüber Schäden, sodass wir äußerst vorsichtig sein und sicherstellen müssen, dass dies keine Darmprobleme verursacht.“

Dennoch bleibt zu beachten: Die Phase-1-Studie untersuchte ausschließlich die Sicherheit bei gesunden Probanden, und die eingesetzte Flüssigkeit war nicht mit Sauerstoff angereichert – eine tatsächliche Wirksamkeit konnte also (noch) nicht belegt werden. Zudem könnte die Finanzierung durch das Unternehmen EVA Therapeutics potenziell einen Interessenkonflikt darstellen, auch wenn dies in der Studie transparent gemacht wurde.

Die Ergebnisse sind daher als vorläufig zu betrachten. Sie bilden aber eine fundierte Grundlage für weiterführende Untersuchungen – vielleicht bald in Phase 2, welche die Wirksamkeit und die optimale Dosis erforscht.

Wann kommt Phase 2?

Takebe erläutert FITBOOK, dass zunächst eine Phase-1b-Studie mit Sauerstoff anstehe. „Unsere unmittelbare Priorität ist die Durchführung einer Phase-1b-Studie mit oxygeniertem Perfluordecalin bei gesunden Erwachsenen, um die Sicherheit unter sauerstoffreichen Bedingungen zu bestätigen.“

Wenn die Ergebnisse dieses Versuchs positiv sind, wolle Takebe mit einer Phase-2-Studie bei Patienten mit Sauerstoffmangel oder akutem Lungenversagen starten. „Möglicherweise innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre.“

Wellness mit „Butt Breathing“? Studienleiter spricht über zukünftiges Potenzial

Zurzeit steht die Darmbeatmung im Fokus der Notfallmedizin. Doch könnte sie auch in der Pflege oder gar zur Leistungssteigerung im Profisport genutzt werden? Genau diese Frage hat FITBOOK Dr. Takanori Takebe gestellt. Und er blickt in eine vielversprechende Zukunft „Obwohl unser derzeitiger Schwerpunkt auf lebensbedrohlichem Lungenversagen liegt, glaube ich, dass die enterale Sauerstoffzufuhr auf breitere medizinische und sogar Wellness-Bereiche ausgeweitet werden könnte. Langfristig könnte die Technologie, wenn Sicherheit und Kontrollierbarkeit vollständig gewährleistet sind, die häusliche Pflege von Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen oder die kurzfristige Sauerstoffversorgung während Eingriffen, die vorübergehend die Atmung einschränken, unterstützen.“

Leistungssteigerung im Sport

Und auch im Sport könnte Darmbeatmung zum Einsatz kommen: „Außerhalb der Medizin ist es denkbar, dass mildere Formen der enteralen Sauerstoffzufuhr eines Tages für die Regeneration im Sport oder für Hochleistungssportler (Schwimmen, Tauchen, hochintensives Training usw.) erforscht werden könnten. Auf jeden Fall müssen wir zunächst nachweisen, dass dieser Ansatz bei Patienten, die ihn wirklich benötigen, klinisch wirksam und sicher ist.“

Quellen

  1. Cincinnati Children's. Ig Nobel Prize Awarded to Takanori Takebe for “Butt-Breathing” Study. (aufgerufen am 29.10.2025) ↩︎
  2. Fujii, T., Kurihara, Y., Tagawa, Y. et al. (2025). Safety and Tolerability of Intrarectal Perfluorodecalin for Enteral Ventilation in a First-in-Human Trial. Med. ↩︎
  3. Okabe, R., Chen-Yoshikawa, T.F., Yoneyama, Y. et al. (2021). Mammalian enteral ventilation ameliorates respiratory failure. Med. ↩︎

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