8. Oktober 2026, 20:25 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Cranberrysaft gilt als beliebtes Mittel, um Harnwegsinfektionen vorzubeugen. Viele Frauen, die häufig mit Blasenentzündungen kämpfen, schwören darauf. Doch Studien kommen bezüglich der tatsächlichen Wirkung zu unterschiedlichen Ergebnissen. Forscher der University of Florida haben nun untersucht, woran das liegen könnte. Die Hypothese: Cranberrysaft wirkt nicht bei allen Frauen gleich.
Unterschiedliche Reaktion auf Cranberrysaft
Die Untersuchung zeigt, dass Frauen sehr unterschiedlich auf Cranberrysaft reagieren. Nach vier Tagen verbesserte sich in der Studie bei 40 der 150 Frauen, die Fähigkeit des Urins, das Anhaften bestimmter Bakterien an Blasenzellen zu verhindern. Bei den übrigen Frauen zeigte sich keine ausreichend starke Verbesserung. Die Ergebnisse könnten eine Erklärung dafür liefern, warum bisherige Studien zu Cranberryprodukten zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen sind.
Wie die Studie durchgeführt wurde
Harnwegsinfektionen werden häufig durch bestimmte Darmbakterien verursacht. Gelangen diese in die Harnwege, können sie sich dort an Zellen anheften. Das ist ein wichtiger Schritt bei der Entstehung einer Infektion. Cranberryprodukte sollen es den Bakterien erschweren, sich festzusetzen.
Die Forscher der University of Florida wollten herausfinden, warum dieser Effekt möglicherweise nicht bei allen Menschen gleich stark ist. Dazu untersuchten sie, wie gut der Urin verschiedener Frauen das Anhaften der Bakterien verhindert und ob sich diese Wirkung durch Cranberrysaft verändert.1
Zunächst machten 152 gesunde Frauen im Alter von 21 bis 65 Jahren mit. Zehn Tage lang sollten sie keine Cranberryprodukte und bestimmte andere Lebensmittel essen, die ähnliche Pflanzenstoffe enthalten. Danach gaben sie eine Urinprobe ab. Anschließend tranken die Frauen vier Tage lang jeden Tag knapp 300 Milliliter ungesüßten Cranberrysaft. 150 Frauen nahmen bis zum Ende an der Studie teil und gaben anschließend eine weitere Urinprobe ab. Im Labor prüften die Forscher dann, ob sich nach dem Cranberrysaft etwas verändert hatte. Konkret wollten sie wissen, ob der Urin verhindern konnte, dass sich bestimmte E.-coli-Bakterien, die häufig Harnwegsinfektionen verursachen, an Zellen der Blase festsetzen.
Warum manche Frauen stärker reagieren
Bereits vor dem Cranberrysaft gab es deutliche Unterschiede zwischen den Frauen. Bei manchen verhinderte der Urin das Anhaften der Bakterien deutlich stärker als bei anderen. Die Forscher teilten die Teilnehmerinnen deshalb anhand ihrer Ausgangswerte in zwei etwa gleich große Gruppen ein.
Dabei zeigte sich ein Zusammenhang mit der späteren Reaktion auf den Cranberrysaft: Frauen, deren Urin die Bakterien anfangs weniger stark am Anhaften hinderte, reagierten häufiger positiv. In dieser Gruppe war das bei rund 34 Prozent der Fall. Bei Frauen, deren Urin bereits zu Beginn eine stärkere Wirkung zeigte, waren es rund 19 Prozent.
Zusätzlich untersuchten die Forscher die Zusammensetzung des Urins ausgewählter Teilnehmerinnen. Auch hier fanden sie Unterschiede zwischen Frauen mit einer anfangs stärkeren und schwächeren Wirkung gegen das Anhaften der Bakterien. Dabei identifizierten sie spezifische Stoffwechselprodukte im Urin (wie D-Glucaro-1,4-lacton bei hoher Schutzwirkung), die mit den unterschiedlichen Schutzreaktionen zusammenhängen. Welche Bedeutung diese Unterschiede im Detail haben und wie genau diese Stoffe im Urin die Wirkung beeinflussen, muss in weiteren Studien noch genauer erforscht werden.
Für die Einordnung ist außerdem wichtig: Die Forscher untersuchten keine tatsächlich auftretenden Harnwegsinfektionen. Sie maßen lediglich im Labor, wie gut der Urin das Anhaften von Bakterien an Blasenzellen verhinderte. Ob die beobachteten Unterschiede dazu führen, dass manche Frauen durch Cranberrysaft seltener Harnwegsinfektionen bekommen, lässt sich aus der Studie daher nicht ableiten.
Die Ergebnisse könnten vor allem für zukünftige Studien wichtig sein. Wenn Forscher berücksichtigen, dass sich Frauen bereits vor der Einnahme von Cranberryprodukten unterscheiden und unterschiedlich darauf reagieren, könnten sich deren mögliche Wirkungen genauer untersuchen lassen.
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Stärken und Schwächen der Studie
Eine Stärke der Studie ist die für eine solche Laboruntersuchung vergleichsweise große Teilnehmerzahl. Zudem wurden die Urinproben unter möglichst gleichen Bedingungen untersucht und Messungen mehrfach durchgeführt.
Die Aussagekraft ist dennoch begrenzt. Da es keine Vergleichsgruppe gab, lässt sich nicht sicher sagen, ob die Veränderungen tatsächlich durch den Cranberrysaft verursacht wurden. Zudem dauerte die Untersuchung nur vier Tage und betrachtete nur eine bestimmte Art der Anhaftung von Bakterien (P-fimbriierte E. coli). Diese stehen mit Blasenentzündungen und besonders schweren Harnwegsinfekten wie Nierenbeckenentzündungen im Zusammenhang, sind aber nicht die einzigen Erreger, die diese Erkrankungen hervorrufen können.
Außerdem stammte über die Hälfte der Teilnehmerinnen aus einer jüngeren Altersgruppe (21 bis 35 Jahre), und ihre alltägliche Ernährung sowie sportliche Aktivität während der Studientage wurden nicht erfasst. Auch die Einteilung der Frauen nach ihrer vermuteten Anfälligkeit für Harnwegsinfektionen wurde nur für diese Studie festgelegt. Ob sie das tatsächliche Erkrankungsrisiko widerspiegelt, ist unklar.
Die Studie wurde öffentlich und durch einen Forschungsfonds der University of Florida finanziert. Die Autoren gaben keine Interessenkonflikte an.
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Das zeigen frühere Studien
Ob Cranberryprodukte vor Harnwegsinfekten schützen, wird seit Jahrzehnten untersucht. Eine große Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration aus dem Jahr 2023 wertete 50 Studien mit fast 9000 Teilnehmern aus.2 Demnach senkten Cranberrysaft oder -kapseln das Risiko für wiederkehrende Harnwegsinfekte bei Frauen um mehr als ein Viertel. Bei älteren Menschen, Schwangeren und Personen mit Blasenentleerungsstörungen zeigte sich dagegen kein Nutzen. Die Ergebnisse der einzelnen Studien schwankten zudem stark.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Analyse australischer Forscher von 2024, die sich auf Cranberrysaft konzentrierte.3 In 20 Studien mit rund 3000 Teilnehmern traten bei Saft-Trinkenden deutlich seltener Harnwegsinfekte auf, und sie benötigten seltener Antibiotika. Auch hier stuften die Forscher die Aussagekraft der Daten nur als moderat bis gering ein.