19. August 2026, 12:58 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Phthalate sind eine Gruppe von Chemikalien, die unter anderem in Kunststoffen, Lebensmittelverpackungen und Körperpflegeprodukten vorkommen. Sie gehören zu den sogenannten endokrinen Disruptoren – Stoffen also, die das Hormonsystem beeinflussen können. Ihre gesundheitlichen Auswirkungen werden seit Längerem untersucht. Eine aktuelle Untersuchung lenkt den Blick nun auf Schwangere.
Wie wirken sich Phthalate in der Schwangerschaft aus?
Wie auch das Umweltbundesamt informiert, können Phthalate „unterschiedliche Wirkungen auf den Organismus“ haben.1 Es sind Stoffe, die das Hormonsystem verändern: endokrine Disruptoren. Einige Phthalate werden zudem als fortpflanzungsgefährdend eingestuft. Bei Männern bringt die Forschung einen wiederholten Kontakt mit bestimmten Phthalaten unter anderem mit einer beeinträchtigten Zeugungsfähigkeit in Verbindung; darüber berichtete FITBOOK bereits. Auch Veränderungen beziehungsweise Fehlbildungen der männlichen Geschlechtsorgane wurden im Zusammenhang mit einer Phthalatbelastung untersucht.
Den Autoren der vorliegenden Studie ging es darum, herauszufinden, welche Auswirkungen eine Belastung mit Phthalaten während der Schwangerschaft haben kann.2 In dieser Lebensphase verändert sich der Blutdruck natürlicherweise. Die Forscher untersuchten daher insbesondere, welchen Einfluss die Phthalatbelastung auf den systolischen Blutdruck – also den oberen Wert – hat. Wie dieser mit dem unteren, dem diastolischen Wert, zusammenhängt, erklärt FITBOOK hier.
Weiterhin betrachteten die Forscher hypertensive Schwangerschaftserkrankungen (HDP). Dazu gehören Schwangerschaftshypertonie, Präeklampsie und Präeklampsie bei bereits bestehendem Bluthochdruck.
Details zur Untersuchung
Für die Untersuchung wurden Frauen in einem frühen Stadium ihrer Schwangerschaft in die Studie aufgenommen und anschließend über mehrere Zeitpunkte hinweg begleitet. Die Teilnehmerinnen stammten aus der Environmental Reproductive and Glucose Outcomes Study (ERGO) in Boston.3 Ergänzend wurden Daten von Teilnehmerinnen der SPRING-Studie einbezogen.4 Insgesamt konnten die Forscher Informationen von 338 Frauen auswerten.
Die Forscher nahmen zu drei Zeitpunkten während der Schwangerschaft Urinproben und Blutdruckwerte der Probandinnen – im Median in der 11., 19. und 26. Woche. In den Urinproben suchten sie nach 16 Stoffwechselprodukten von Phthalaten sowie nach zwei Stoffwechselprodukten des moderneren Ersatzweichmachers DINCH. Je nach Höhe der gemessenen Konzentrationen der Stoffe definierten die Forscher, wie stark die Frauen den jeweiligen Stoffen ausgesetzt waren.
Daneben betrachteten sie Blutdruckwerte der Schwangeren. Diese stammten aus deren medizinischen Unterlagen. Außerdem erfassten die Forscher, ob eine hypertensive Schwangerschaftserkrankung auftrat. Dies war bei 43 der insgesamt 338 untersuchten Frauen der Fall, also rund 12,7 Prozent.
Für die statistische Auswertung nutzten die Autoren unter anderem lineare Regressionsmodelle und Modelle für relative Risiken. Um darüber hinaus beurteilen zu können, wie die verschiedenen Chemikalien zusammenwirkten, setzten sie die sogenannte Bayesian Kernel Machine Regression ein. Diese Methode ermöglicht es, die Wirkung mehrerer gleichzeitig auftretender Stoffe gemeinsam zu untersuchen.
Ergebnisse
Je höher die MEP-Konzentration im Urin, desto höher waren die Blutdruckwerte der Teilnehmerinnen. MEP ist ein Stoffwechselprodukt des Diethylphthalats (DEP), das unter anderem in Körperpflege- und Kosmetikprodukten eingesetzt wird. Auch bei der zusammengefassten Stoffgruppe ΣPCP fanden die Forscher höhere Blutdruckwerte, wenn die Konzentrationen der entsprechenden Stoffwechselprodukte im Urin höher waren. Zu dieser Gruppe gehören mehrere Stoffwechselprodukte von Chemikalien, die unter anderem in Körperpflegeprodukten vorkommen.
Am deutlichsten zeigte sich dieses Muster bei der dritten Untersuchung in der 26. Schwangerschaftswoche. Frauen mit höheren Konzentrationen von MEP und ΣPCP im Urin hatten zu diesem Zeitpunkt auch höhere Blutdruckwerte.
Höhere Belastung durch Phthalate, höherer Blutdruck?
Beim systolischen Blutdruckwert zeigten sich auffällige Unterschiede. Frauen mit den höchsten MEP-Konzentrationen im Urin hatten in der 26. Schwangerschaftswoche einen rund 4,6 mmHg höheren Blutdruck als Frauen mit den niedrigsten Konzentrationen. Für die Stoffgruppe ΣPCP fiel der Unterschied mit rund 5,8 mmHg ähnlich deutlich aus.
Auch der diastolische Blutdruck war bei einer höheren Belastung mit MEP und ΣPCP erhöht. Bei MEP lag der Unterschied zwischen den Frauen mit der höchsten und der niedrigsten Belastung bei rund 4,5 mmHg. Insgesamt bewegten sich die Unterschiede bei ΣPCP je nach Auswertung in einer ähnlichen Größenordnung.
Die Ergebnisse fielen nicht für alle untersuchten Stoffe und zu jedem Zeitpunkt gleich aus. Bei einigen anderen Phthalat-Stoffwechselprodukten fanden die Forscher nur zu bestimmten Zeitpunkten Auffälligkeiten. Betrachteten sie die gesamte Mischung der untersuchten Chemikalien, zeigte sich vor allem in der späten Schwangerschaft ein höherer diastolischer Blutdruck. MEP trug dabei am stärksten zu diesem Ergebnis bei.
Interessanterweise geriet auch ein moderner Ersatzstoff, der als Alternative für Phthalate entwickelt wurde, ins Visier: Moderate Mengen des Weichmachers DINCH waren in der Untersuchung mit einem dreifach erhöhten Risiko für schwere Schwangerschaftserkrankungen wie Präeklampsie verbunden.
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Mögliche Bedeutung der Ergebnisse
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass eine Belastung mit Phthalaten während der Schwangerschaft mit Veränderungen des Blutdrucks zusammenhängen könnte. Eine konkrete Warnung vor bestimmten Pflege- oder Kosmetikprodukten in der Schwangerschaft sprechen die Forscher auf Grundlage ihrer Ergebnisse jedoch nicht aus. FITBOOK fragte die korrespondierenden Autoren für detailliertere Informationen an, eine Rückmeldung steht noch aus.
Besonders interessant ist auf dem Papier bereits, dass sich die stärksten Effekte in der späteren Schwangerschaft zeigten. Ob die untersuchten Chemikalien tatsächlich den Blutdruck beeinflussen, lässt sich aus den Daten allerdings nicht ableiten. Dafür wären weitere Untersuchungen nötig, die einen möglichen ursächlichen Zusammenhang genauer untersuchen.
Auch mit Blick auf hypertensive Schwangerschaftserkrankungen sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu bewerten. Die Hinweise waren hier deutlich weniger eindeutig als bei den regelmäßig gemessenen Blutdruckwerten. Insgesamt zeigt die Studie daher vor allem einen möglichen Zusammenhang auf – einen Beleg dafür, dass Phthalate den Blutdruck erhöhen oder das Risiko für Schwangerschaftserkrankungen steigern, liefert sie nicht.
Einschränkungen
Die Aussagekraft ist durch mehrere Faktoren begrenzt.
Zunächst war die Stichprobe mit 338 Teilnehmern relativ klein. Dabei fehlte es auch an Diversität – die Probandinnen waren von eher höherem Bildungsstand als die durchschnittliche Bevölkerung der Vereinigten Staaten, wie die Autoren einräumen. Zudem lag die Häufigkeit hypertensiver Schwangerschaftserkrankungen höher als in der allgemeinen US-Schwangerschaftspopulation.
Eine weitere Einschränkung stellen die Urinproben dar. Pro Untersuchungszeitpunkt wurde jeweils nur eine einzelne Probe genommen. Da Phthalate und ihre Ersatzstoffe relativ schnell ausgeschieden werden, spiegelt eine solche Momentaufnahme möglicherweise nicht die gesamte Belastung eines längeren Zeitraums wider. Bei 116 Teilnehmern, also 34 Prozent, wurde der Blutdruck zudem erst etwa drei bis vier Tage nach der Urinprobe gemessen. Unterschiedliche Messverfahren an den beteiligten Kliniken könnten ebenfalls zu einer gewissen Variabilität geführt haben.
Zu berücksichtigen ist außerdem, dass mehrere zunächst statistisch auffällige Ergebnisse nach der Korrektur für multiple Vergleiche nicht mehr als signifikant galten. Zudem zeigte sich bei vielen Ergebnissen kein eindeutiger Dosis-Wirkungs-Verlauf – höhere Konzentrationen der Stoffe gingen also nicht automatisch mit entsprechend höheren Blutdruckwerten einher.
Das unterstreicht, dass die Studie eher als Warnsignal und Wegweiser für weitere Forschung zu verstehen ist, nicht als endgültiger Beweis. Die Autoren betonen daher, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um die Ergebnisse zu bestätigen und besser einzuordnen.